Zwanzig besondere Songs

Mit der Reihe »Besondere Songs« versucht die Spex-Redaktion in jeder Ausgabe einen Überblick über wichtige Musikstücke zu geben, die aus der Flut der Single- und Albumveröffentlichungen herausragen, die man im Radio oder im Internet zu hören bekam, und die neben ihrer musikalischen Originalität für die Redakteure von Spex eine Bedeutung haben. Die Singles, Albumtracks, Radiosessions und Musiken aus dem Netz aus Spex #317 kompilierten und kommentierten Jan Kedves, Jens Balzer, Martin Hossbach und Walter Wacht.

Antony And The Johnsons - Another WorldAntony And The Johnsons: »Shake That Devil«,
von der EP »Another World« (Rough Trade / Beggars / Indigo)

»Schüttel den Teufel, schüttel ihn aus dem Baum! Dieses Schwein wollte mir alles stehlen, ich töte das Schwein!« Zu einem langsam aufblühenden Gitarren-Drone erklärt Antony bösen Geistern den Krieg. Er reinigt die Erde, mordet die Tierdämonen und trauert um den Frieden, den er nach dem Mord nicht mehr findet. Seine Baritonstimme ist heiser verknappt und von bösartig flackernden Lichtern befunkelt; aus einem dünn-repetitiven Kinderliedstil steigert er sich in einen Gospel. Mit einem kehlenden Rocksaxofon werden am Ende noch die letzten Dämonen vertrieben: irre, geschmacklos, mutig, grandios; zur Austreibung des schwulen Gothic-Schamanen schlitzte man selbst gern Schweine auf.

Aaron Carl - Bittersoulfulsweet - The Aaron Carl ExperienceAaron-Carl: »Alright (Revival Mix)«,
vom Album »Bittersoulfulsweet: The Aaron-Carl Experience« (Wallshaker Music / Import)

Afrodiasporische Weltraumträume und gospelnde Gottesfurcht, aufs Erlösendste ver eint: Aaron-Carl, Detroits Missing Link zwischen UR, Bootytech und Schwulendisco, mixt in der Tradition von Cajmeres großen Kirchen-House-Stompern emphatisches Halleluja mit Galaxy 2 Galaxys »Jupiter Jazz«. Gott im Himmel!

Beach House - Used To BeBeach House: »Used To Be«,
von der Single »Used To Be« (Carpark Records)

Die Bassdrum imitiert einen schwachen Herzschlag, der Schellenkranz wird gestreichelt, die Orgel dudelt und dazu singt Victoria Legrand erträumt-romantisierend über die verrinnende Liebe: »And when there is nothing left to pretend / we will know it’s coming to an end«.

Bob Dylan - Tell Tale SignsBob Dylan: »Ring Them Bells«,
Download aus der dritten CD der Compilation »Tell Tale Signs« (Columbia / Sony BMG)

Berühren tut Dylans alternativer Gospel-Take eines Songs aus den »Oh, Mercy«-Sessions. Nachdenklich macht die Veröffentlichungspolitik von Columbia, derzufolge das dritte Drittel der Compilation nur in Verbindung mit einem Buch (teuer) oder als Vinyl (sehr teuer) erstanden werden kann. Bleibt der Download über die üblichen Kanäle.

David Grubbs - An Optimist Notes The DuskDavid Grubbs: »Gethsemani Night«,
aus dem Album »An Optimist Notes The Dusk« (Drag City / RTD)

Der Gitarrist Grubbs (Gastr de Sol) nimmt sich wie immer enorm viel Zeit, um seine ausufernden, betörenden Arrangements auszubreiten. Man verliert in »Gethsemani Night« schnell die Orientierung, so schwerelos schreitet der Song durch die Nacht Getsemanis, am Fuße des Ölbergs in Jerusalem.

Department Of Eagles - In Ear ParkDepartment Of Eagles: »In Ear Park«,
aus dem Album »In Ear Park« (4AD / Beggars / Indigo)

Daniel Rossen, Mitglied von Grizzly Bear, erinnert sich in diesem Song, den er mit seinem Freund Fred Nicolaus schrieb, an die schönen Momente, die er mit seinem im letzten Jahr verstorbenen Vater im Ear Park verbrachte – satte Streicher und ein Honky-Tonk-Piano instrumentieren dies aufreizend.

Devendra Banhart - Live Outside Lands FestivalDevendra Banhart: »In The Summertime«
(Live at Outside Lands Festival)«, www.hypem.com

Devendra Banhart veröffentlicht heuer mit seinem Nebenprojekt Megapuss ein Album, im Sommer versuchte er sich als gefühlt fünfhundertster Musiker an der Ode an die Sonne »In The Summertime«. Mitten im kahlen deutschen Herbst wirkt die freakfolksche, dudelnde Verneigung vor Mungo Jerry Wunder.

Final Fantasy - This Spectrum 14th CenturyFinal Fantasy: »The Butcher«,
von der EP »This Spectrum, 14th Century« (Blocks Recordings)

Neues Material aus der Fleischerei: Owen Palletts leicht nasaler Gesang wird hier von satten Bläsersätzen flankiert, wie man sie auch aus Björks »Wanderlust« kennt. Im Hintergrund zwitschern die Vögel, vorne überschlagen sich Geige, Bratsche und Klavier.

Fuck Buttons - Colours MoveFuck Buttons: »Sweet Love For Planet Earth
(Andrew Weatherall Remix)«,

von der Maxi »Colours Move« (ATP/R, Download)

Andrew Weatherall erinnern die Fuck Buttons an »Fripp und Eno im Jahre 1973 – als ob man die Musik durch riesige Boxen hören würde, deren Membrane mit einem Schlachtermesser aufgeschlitzt wurden«. Sein Remix bereichert das trippige Original um riskante Hallschleifen und eine mächtige Bassdrum.

Future Islands - Wave Like HomeFuture Islands: »Flicker & Flutter«,
aus dem Album »Wave Like Home« (Upset The Rhythm / Southern)

Das Londoner Label mit dem genialen Namen Upset The Rhythm brachte uns John Maus, jetzt legt es nach mit den Future Islands, einem in Baltimore residierenden Männer-Quartett, das exaltierten, wahnsinnig tanzbaren Post-Wave rausballert. Lange nicht mehr so einen Spitzensänger wie Sam Herring gehört!

GD Luxxe - CraveGD Luxxe: »Compulsion«,
aus dem Album »Crave« (Angelika Köhlermann / Broken Silence)

Gerhard Potuznik, u. a. Produzent von Chicks On Speed und Betreiber von Cheap, covert eine der schönsten Kompositionen Joe Crows. Die Interpretation lehnt sich an die grandiose Version von Depeche Modes Martin L. Gore auf dessen »Counterfeit E.P.« von 1989 an: melancholisches Synthiepop-Update fürs Hier und Jetzt.

Heartbreak - LiesHeartbreak: »Regret«,
aus dem Album »Lies« (Lex / RTD)

Italodisco feiert überall ein Comeback – »Regret« vom anglo-argentinischen Duo Heartbreak orientiert sich gesanglich schwer am Falsett der Scissor Sisters, der auffällige Akzent von Sänger Sebastian Muravchix bringt die extra authentische, billige Note. Sally Shapiros Brüder!

Kanye West - 808’s & HeartbreakKanYe West: »Love Lockdown«,
aus dem Album »808’s & Heartbreak« (Roc-A-Fella Records)

Feedback zur Single »Love Lockdown« holte sich KanYe vorab auf seinem Blog ein. Die Fan-Kommentare waren verhalten: Den mit massig Autotune-Effekt beladenen Track arbeitete West daraufhin um. Popmusik im Web 2.0 – It’s a collaborative thang!

La Roux - In For The KillLa Roux: »In For The Kill«,

Gerade mal zwanzig Jahre alt sein, aber schon auf The Human League und Yazoo machen. Der mit Retrosynthesizern und Drumcomputer hantierende Song »In For The Kill« zeigt die blutjunge Britin Elly Jackson dabei in Hochform: eine Stimme, kraftvoll wie eine Luftschutzsirene.

Little Boots - AreciboLittle Boots: »Stuck On Repeat«,
von der EP »Arecibo« (I Am Sound Records)

Little Boots wird man gewiss auf den schon bald auftauchenden »Hot in 2009«-Listen finden. Der von Joe Goddard (Hot Chip) produzierte Discotrack wummert mit Tamburin-Rhythmus sowie strammer Synthie- und Vocoder-Sektion massiv.

Luomo - ConvivialLuomo with Cassy: »Have You Ever«,
von dem Album »Convivial« (Huume / MDM)

Warum Rekonstruktionen des Sounds von Trax Records und DJ International als ›guter Retro‹ gelten, im Gegensatz zum massigen ›bösen Retro‹ unserer Tage, muss woanders erörtert werden. Hier sorgt Cassy mit Soul-Cut-Ups und altehrwürdigen Maschinen-Presets dafür, dass Luomo viel besser kickt als sonst!

Man Like Me - CarnyMan Like Me: »Carny«,
von der Single »Carny« (Prestel Records / Import / Download)

Wer übers Wetter schimpft, hat längst verloren: Man Like Me vermanschen sonnige Steeldrums, Posaunensoli und »Keep it up, keep it up!«-Chöre zu einem aus dem Stand begeisternden Pop-Ditty. Nottingham Carnival daheim im Master Blaster.

Obi Blanche - Rock N Roll LifestyleObi Blanche: »Rock’n’Roll Lifestyle«,
von der Split-EP »Rag Tag Vagabonds« (New Judas)
kostenloser Download

Frankreich ist nicht Monopolist in Sachen Electronique de Bratz. Auch beim finnischen Label New Judas ballert man auf die Douze, wie hier der neue, mit Sägewerksound und lässiger Bassline ausgestattete Stomper von Obi Blanche.

The Pharcyde - RMXXOLOGYThe Pharcyde: »Passin’ Me By (Hot Chip Remix)«,
aus dem Album »RMXXOLOGY« (Delicious Vinyl)

Ungewöhnliche Remix-Arbeit von Hot Chip: Sie machen aus The Pharcydes ’93er-Hit, der sich mit den immer tragisch endenden Liebeleien der MCs Bootie Brown, Slimkid3, Imani und Fatlip zu Schulzeiten beschäftigt, eine traurig-doomige Ballade mit scary dröhnenden Kirchenorgeln.

The Very BestThe Very Best (Esau Mwamwaya & Radioclit): »Kamphopo«,
kostenloser Download

Hier wächst zusammen, was zusammengehört: The Very Best greifen The Knifes Idee – kühler Elektropop mit karibischen Steeldrums – auf und schlingen das Ganze noch eine Kolonialisierungsspirale weiter, nach Afrika. »Eh eh, oh oh«: Malawi Tropical Transit!

Die Spex-Reihe »Besondere Songs« ist an jedem letzten Dienstag des Monats ab Mitternacht auf ByteFM zu hören – die Playlisten finden sich hier (28.10.2008) und hier (25.11.2008). Die nächste Sendung mit frischer Musikauswahl findet in der Nacht vom 30. auf den 31. Dezember 2008 statt.

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