Zur Vergangenheit und Zukunft des Erzählens: f/stop Festival für Fotografie in Leipzig

Die diesjährige Ausgabe des Leipziger f/stop Fotografie Festivals steht im Zeichen der Reportage. Neben ihrer Geschichte geht es um die Frage, wie Ereignisse in der heutigen, digitalen und komplexen Welt erzählt werden können.

Das Leipziger Festival für Fotografie f/stop feiert dieses Jahr seinen siebten Geburtstag. Das alle zwei Jahre stattfindende Event hat sich zu einer der bedeutendsten Veranstaltungen zur Fotografie in Deutschland gemausert. In diesem Jahr haben Anne König und Jan Wenzel vom Verlag Spector Books die kuratorische Leitung des Festivals übernommen. Ihr verlegerisches Arbeiten hätten die beiden stets als erweitertes Verlegen verstanden, wie sie SPEX erklären: »Wir möchten das Wissen, das wir beim Büchermachen gewonnen haben, an anderer Stelle nutzen.«

Unter dem Motto »the end of the world as we know it, ist der Beginn einer Welt, die wir nicht kennen« setzt sich das Festival mit der Geschichte der Reportage und ihren Perspektiven in einer komplexen und vielschichtigen Realität auseinander. »Schon der Titel soll signalisieren:  Wir bejahen die Gegenwart mit all ihren Problemen; eine Gegenwart, die uns mit einem ungeheuren Sog fortreißt, die die vertrauten Zusammenhänge aufbricht, um neue zu ermöglichen. Und wir bejahen das, was wir die Gesellschaft der Bilder nennen. Wir brauchen alle Arten von Fotografien – und wir brauchen die Auseinandersetzung und den Austausch zwischen ihnen. Nur durch den Wechsel, durch das Nebeneinander von künstlerischen Fotografien und Pressebildern, privaten Snapshots und historischen Reportagen – durch die fröhliche Relativität, durch das aufeinander Einwirken und voneinander Abstand Nehmen der Bilder gelangen wir zu einem differenzierten Empfinden für Zeit und Wechsel, für den geschichtlichen Raum, durch den wir uns bewegen«, so die Kuratoren. Dabei wird der historische Bogen in der Hauptausstellung sehr weit gespannt: Sie soll Beiträge von Johann Peter Hebel über Bertolt Brecht bis zu Khaled Barakeh und Gilles Raynaldy (Foto oben) umfassen.

Die Relevanz der Auseinandersetzung mit Reportagen ergibt sich für König und Wenzel durch die Frage, durch welche Formen Erfahrung in einer digitalisierten Welt vermittelt werden könne. »Der Erfolg des Populismus in Europa und den USA hat seine Ursache auch in einer Krise des Berichtens. Wenn der Zusammenhang zwischen dem eigenen Leben und den tagtäglichen Ereignissen nicht mehr erzählbar ist, entsteht ein Vakuum an Erfahrung. Wer die offene Gesellschaft verteidigen will, muss dem populistischen Wunsch, die ungeordnete, entzauberte, verworrene Welt mit einer glatten Form und Ordnung zu versehen, etwas entgegensetzen.«

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Robert Capa: An Episode. Americans Still Died, Life Magazine, 14.05.1945

Zwar wird die Hauptausstellung weiter in der Leipziger Baumwollspinnerei beheimatet sein, gleichzeitig wird aber erstmals auch der angestammte Ausstellungsort verlassen und das gesamte Stadtgebiet für das Format f/stop In Situ mit einbezogen. Dabei werden Reportagen von Robert Capa, Margaret Bourke-White und Lee Miller aus Life und Vogue mit Bildern aus dem Leipzig von 1945 mit großen Aufstellern wieder zurück an ihren Entstehungsort gebracht. Dies wurde durch eine bis vor wenigen Wochen laufende Crowdfunding-Aktion möglich gemacht. Für das Kuratoren-Duo geht es damit um die Verdichtung des urbanen Raumes mit Imaginationen, Bildern und Geschichten: »Bilder, die in Amerika in Millionenauflage verbreitet wurden, kehren an den Ort ihrer Entstehung zurück und geben dem städtischen Raum eine historische Tiefe.« f/stop In Situ wird bereits morgen, am 21. Juni, im Deutsch-Französischen Bildungszentrum in Leipzig eröffnet. Das Festival selbst beginnt mit einer Eröffnungsfeier am Abend des 24. Juni in der Baumwollspinnerei und läuft vom 25. Juni bis 3. Juli. Alle weiteren Informationen finden sich hier.

f/stop Festival für Fotografie
25.06. – 03.07. Leipzig – Baumwollspinnerei, Galerie Drei Ringe, Galerie KUB, Hochschule für Grafik und Buchkunst, Kunstkraftwerk

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