Foto: Norman Konrad

Wie finden es Ihre Musiker denn, wenn Sie etwa in dem neuen Song „Bury“ eine endlos erscheinende Minute verstreichen lassen, in der die Musik dumpf und wie durch eine Wand gehört klingt, um dann laut und klar loszulegen?
Na ja, ich finde eigentlich, dass viel mehr Bands solche Formexperimente zulassen sollten. Aber man muss auch wissen, wann es zuviel wird. Unsere neuen Songs funktionieren sogar in Liverpool. Dort haben wir kurz vor Weihnachten gespielt, und Liverpool ist bis heute einer der schlimmsten Orte, um Konzerte zu geben. Die Leute dort sind solche Snobs, wenn es um Musik geht! Nach der Show kamen aber Leute zu mir und gratulierten mir. Sie meinten, dass die derzeitige Besetzung von The Fall die beste seit den frühen Achtzigern sei. Ich finde das ja auch. Meine Band ist sehr jung und offen für alles. Ich könnte ihr Vater sein. So experimentieren wir also munter drauflos, während die meisten angesagten britischen Pop-Bands nichts anderes machen als öde Pub-Rock-Riffs runterzuspielen und dies mit einer aufwändig polierten Produktion zu kaschieren.

Gilt das Gebot des Experiments auch für Ihre zahlreichen Kollaborationen mit anderen Musikern – etwa Von Südenfed und Gorillaz?
Die meisten Anfragen lehne ich ab. Ich stelle mir immer die Frage, ob ein Anhänger von The Fall es verstehen würde, wenn ich in so einem sonderbaren Kontext auftauche.

Handelt es sich nicht um strategische Erwägungen, wenn Sie bei den Gorillaz ein Stück singen? Es ist doch absehbar, dass sich deren Album millionenfach verkaufen wird…
Meinen Sie? Ich kann das nicht beurteilen. Ich wusste gar nicht, wer die Gorillaz sind. Ich habe natürlich zuerst einmal abgesagt. Finden Sie nicht, dass die Gorillaz wie Schuljungs sind? Schuljungs, die plötzlich erkennen: „Huch, ich bin erwachsen!“

Dafür agiert Damon Albarn aber schon zu intelligent und weltoffen, meinen Sie nicht?
Ich weiß nur, dass viele meiner jungen Freunde und viele meiner Freundinnen die Gorillaz gut finden. Sie sind eine typische Studentenband. Aber nachdem Damon Albarn sich um mich zu bemühen begann, beschäftigte ich mich mit seinem Konzept und begann es zu mögen. Ich fand die Idee toll, für einen Moment in meinem Leben eine Cartoonfigur zu sein. Aber das war keine Karriereentscheidung. Damon gab mir zwei CDs mit mehr als hundert Minuten Musik, das waren vielleicht sechzig Songs, aus denen ich frei auswählen konnte. Ich habe mir die natürlich nicht alle angehört, ich habe bessere Dinge zu tun. Ich habe schließlich eine eigene Band!

Wie kam es also, dass Sie nun bei „Glitter Frieze“ singen?
Es war der erste Song auf der ersten CD.

Als wir uns das letzte Mal trafen, verneinten Sie die Frage, ob Sie eines Tages eine Autobiografie zu veröffentlichen beabsichtigten. Und kurze Zeit später erschien mit The Renegade ein genau solches Buch von Ihnen.
(lacht) Habe ich das verneint? Ein Ghostwriter hat The Renegade für mich geschrieben.

Am besten in Renegade lesen sich die Kapitel, in denen Sie scheinbar wahllos irgendwelche Wörter assoziativ aneinanderreihen. Die wirken dann wie lange, absurde Gedichte.
Funktioniert gut, nicht? Aus solchen experimentellen Assoziationsketten destilliere ich oft meine Songtexte. Ich achte dann aber darauf, dass sie einen Sinn ergeben. Ursprünglich wollte ich meine Autobiografie in demselben schmierigen Stil verfasst sehen, wie Fußballer gerne ihre Memoiren schreiben. Ich liebe Franz Beckenbauers Der freie Mann. So müssen echte Autobiografien geschrieben sein: „Ich erinnere mich noch ganz genau an mein erstes Punktspiel im Jahr 1973. In der 57. Minute habe ich das entscheidende Tor geschossen, nachdem ich diese perfekte Bananenflanke von XY auf die Stirn bekam.“ Das ist herrlicher Nonsens. Ich lese solche Bücher gerne. Ich lese überhaupt gerne. Leider hat mein Ghostwriter das nicht ganz so hinbekommen, wie ich es mir vorgestellt hatte. Oder finden Sie, dass sich mein Buch wie eine Fußballer-Biografie liest?

Absolut nicht. Eigentlich schimpfen Sie nur über Ihre Musiker.
So muss man mit Musikern reden.

Ist das das Geheimnis Ihres späten Erfolgs? Es ist eine Sache, als junger Musiker in einer Bewegung aufzugehen und zum Kultstar zu werden. Es ist eine andere Sache, als über Fünfzigjähriger immer noch eine Band zu dirigieren und dabei sogar Zeichen zu setzen, wie es Ihnen zuletzt mit Reformation Post TLC oder Imperial Wax Solvent gelang.
Es fällt mir schwer, auf so ein Lob etwas zu entgegnen. Aber wenn Sie das so sehen, dann freut mich das. Ich weiß nur, dass ich mir die Freiheiten, die ich mir heute in meiner Musik nehme, hart erkämpft habe. Ich dachte immer, dass das Geheimnis meines Erfolgs in dem Umstand zu suchen sei, dass ich versuche, eben nicht kommerziell erfolgreich zu sein. Ich bin jetzt 52 Jahre alt. Die Frage, die ich mir permanent stelle lautet: Wie weit kann ich gehen? Oft habe ich den Eindruck, dass ich gerade erst begonnen habe, diesen abstrakten, unkommerziellen Weg zu gehen. Und dann lese ich am Ende des Jahres die Bestenlisten in den Zeitungen, und The Fall ist in allen relevanten Zeitschriften immer gut platziert. Das finde ich insofern bemerkenswert, als ich mir des Umstands völlig bewusst bin, dass ich ziemlich sonderbare Musik mache. Es ist nicht selbstverständlich, in einer auf Kommerz basierenden Kultur mit solcher Musik Erfolg zu haben, oder auch einfach nur Anerkennung zu bekommen. Viele meiner Freunde können beispielsweise nichts mit meiner Musik anfangen. Seit mir das bewusst geworden ist, spiele ich ihnen manchmal ein Album vor, bevor es veröffentlicht wird.

Was sind das für Freunde?
Leute, die ich in Pubs kennenlerne, Leute, die sich für Fußball interessieren, mit denen ich gemeinsam Ligaspiele gucke.

Was gefällt denen nicht an der Musik von The Fall?
Ich bin denen zu abstrakt. Sie verstehen die Abseitsregel, aber sie verstehen meine Musik nicht. Sie hören lieber Pink Floyd.

Dieses Interview erschien zusammen mit vielen weiteren Themen in unserer Printausgabe SPEX No. 326, die weiterhin versandkostenfrei im Shop erhältlich ist.