Mark E. Smith ist tot: „…ich hatte keine Ahnung, wie die so drauf sind“ / SPEX-Gespräch

Foto: Norman Konrad

Mark E. Smith ist tot. Der Sänger der immens einflussreichen Postpunk-Band The Fall starb laut seinem Management gestern im Alter von 60 Jahren. Wir trauern um den König des klaren Nein – und stellen unser letztes SPEX-Gespräch mit ihm in voller Länge auch online zur Verfügung.

Dichtes Schneegestöber in Berlin: Die Stadt ist im Ausnahmezustand, der Verkehr steht still, es ist der Tag der Berlinale-Eröffnung, zugleich der Tag vor dem alljährlichen Konzert von The Fall im Berliner Club Maria. Mark E. Smith ist verheiratet mit der Berlinerin Elena Poulou, er ist oft in der Stadt, das Interview findet außerhalb des branchenüblichen, für alle Beteiligten ermüdenden Promotion-Circuits statt. Treffpunkt ist das situationistische Restaurant Themroc in der Torstraße, Anlass des Gesprächs ist die Veröffentlichung des neues Albums von The Fall, Your Future Our Clutter, mit dem er bruchlos an seine experimentell-mutigen Musik- und Wortmeldungen der letzten Jahre anknüpft. Smith trägt Lederjacke, Anzughose, Pullover sowie ein klassisch geschnittenes Herrenhemd: eine gebrochen-elegante Erscheinung.

Mr. Smith, Sie sind ein Mann, der auf seine Kleidung achtet, stimmt’s?
Sagen wir es so: Ich achte auf mein Äußeres, ich kleide mich nicht beliebig. Seit meinem 19. Lebensjahr ziehe ich eigentlich immer dasselbe an. Gute Hemden und dazu meist eine schwarze Lederjacke. Vermutlich genügt es, immer gleich auszusehen, und irgendwann wird dann automatisch ein Stil draus. Als Fashion Victim würde ich mich deswegen nicht bezeichnen. Zwischendurch, in den Nullerjahren, hatte ich auch mal eine Phase, in der trug ich nur Anzüge. Aber auch da war es wieder so: Ich trug einfach jeden Tag Anzug, es war halt mein Stil – und zwar kaufte ich ausschließlich bei italienischen und englischen Schneidern. Heute trägt jeder Idiot Anzug, sogar die Kandidaten in den Casting-Shows. Also zog es mich wieder zurück zur Lederjacke. Die brachte mir anfangs übrigens nur Nachteile: 1979 wurde ich wegen meiner Lederjacke bei vielen Partys und Konzerten nicht reingelassen. Na gut, dachte ich, dann trage ich die Jacke erst recht!

Aus Bockigkeit?
Ja, was denken Sie denn?

Wie ist es mit Ihrer Band? Muss die auch Stil haben? Es ist gar nicht so lange her, da betraten alle Mitglieder von The Fall die Bühne mit Anzügen.
Vermutlich dachten sich die Musiker, dass sie rausfliegen, wenn sie sich nicht so anziehen wie Mark E. Smith. Dabei können die Leute in meiner Band wirklich tragen, was sie wollen – solange sie nicht in kurzen Hosen auf die Bühne gehen. Eine Band kann es sich auf der Bühne nicht leisten, schräg rüberzukommen – schon gar nicht The Fall!

Haben Sie jemals Musiker gefeuert, weil sie das Falsche getragen haben?
Es hat sich bisher keiner getraut, Shorts anzuziehen.

Sie meinen: Ihre Musiker verstehen Sie?
Niemand versteht mich.

Ach so?
Nein, wirklich: Keiner durchschaut mich.

Gilt das auch für Ihre Musik?
Eigentlich nicht. Zumindest mache ich mit The Fall trotz allem funktionale Musik. Wenn ich Songstrukturen dekonstruiere, achte ich dennoch darauf, dass das Publikum einen direkten Draht zu den Songs aufbauen kann. Aber es stimmt natürlich: Ich bin auch hungrig. Ich will immer neues Terrain betreten. Mit jeder Platte aufs Neue. Aber meine neue Platte war schwerer zu bewältigen als die vorangegangenen. Ich habe mir vor einiger Zeit die Hüfte gebrochen und musste die meiste Zeit im Rollstuhl singen.

Im Sitzen singt es sich schwerer als im Stehen?
Ich war die ganze Zeit auf starken Schmerzmitteln. Da kann man nicht immer klar denken. Ich habe zu keinem Moment im Studio den Überblick gehabt, alles verlief für mich wie in einem dichten Nebel. Erst im Nachhinein realisierte ich, dass viele Songs gleich im ersten Take gesessen hatten. Ich hatte es nur am nächsten Tag bereits vergessen, bildete mir stets ein, es sei noch unheimlich viel zu bewältigen.

Es fällt auf, dass Sie auf Your Future Our Clutter Ihre Songs noch viel gründlicher dekonstruieren als auf ihren letzten Alben. Sie verzichten schlichtweg auf klassische Songstrukturen – meinen Sie das, wenn Sie sagen, dass Sie neues Terrain betreten wollen?
Das lag an den Schmerzmitteln.

Jeder Mensch sollte solche Schmerzmittel nehmen.
Im Ernst: Ich war angenehm überrascht von der freien Form des Albums, als wir es dann im Kasten hatten. Wenn Sie heutzutage Platten aufnehmen, können Sie sich ja eigentlich alles erlauben. Sie müssen nur darauf achten, dass Sie mit einem guten Aufnahmetechniker zusammenarbeiten, der den Bass nicht zu laut dreht. Wenn Sie die freie Form als Fundament wählen, ist es sehr wichtig, dass der Sound stimmt. Es ist leichter, einer Platte eine durchgängige Soundarchitektur zu verpassen, wenn Sie sich auf dem sicheren Terrain herkömmlicher Songstrukturen bewegen. Aber wenn sozusagen alles erlaubt ist, dann müssen Sie unbedingt darauf achten, dass das Freie einer Schwerkraft ausgesetzt ist – wenn Sie verstehen, was ich meine.

Sie meinen: Der Regelbruch muss eine Erdung haben?
Genau das.

Man kann Sie in den neuen Songs kaum verstehen. Erzählen Sie Geschichten? Oder versuchen Sie sich auch textlich in der freien Form?
Ich erzähle meistens Geschichten.

Nehmen wir den Song „Mexico. Sie rufen ständig „Acqua rosa! Acqua rosa! Acqua rosa!“ Was soll das bedeuten?
Das stimmt.

Was stimmt? Ist Acqua Rosa ein Ort? Ein Küstenstrich? Handelt es sich um einen Cocktail?
„Mexico“ ist ein sehr sonderbarer Song. Ich hatte zwischenzeitlich vergessen, dass ich ihn überhaupt aufgenommen hatte. Uns fehlte ein Song, dann habe ich ihn mir wieder angehört, und so landete er schließlich auf dem Album. In seiner Ursprungsform war der Text ein langes Gedicht über Engländer, die auf billigstmögliche Weise Urlaub machen wollen. Es gibt im englischen Fernsehen eine Sendung, in der erörtert wird, wo man sich die billigsten Ferienhäuser zulegen kann. In England selbst kann sich heute keiner mehr ein Häuschen auf dem Lande leisten, und auch nicht mehr in Griechenland oder Spanien – nur noch in Mexiko. Haben Sie sich den Song „Weather Report“ vom neuen Album angehört? Es ist der letzte Song auf Your Future Our Clutter.

Es ist der einzige Song des Albums, auf dem Sie tatsächlich singen, wenn auch jenseits aller Harmonielehre. Auf den anderen Stücken hört man Sie sprechsingen.
Das war der einzige Song, bei dem ich im Stehen gesungen habe und nicht im Rollstuhl saß. Ich war einfach froh, wieder stehen zu können. Die Freude hat sich in diesem Gesang manifestiert.

Wichtiger ist noch, dass „Weather Report“ in Minute 2:30 umkippt in einen stehenden, bedrohlichen Soundschlamm. Sie lassen ab diesem Moment alles Formatdenken endgültig hinter sich, die Musik wird gründlich atonal. Ein großartiges Statement! Aber warum?
Kaum einer tut so etwas noch heutzutage. Und ich stelle mir oft genau diese Frage: Warum traut sich das niemand? Es ist heavy avantgarde shit, gewiss. Aber es klingt super. Und jeder könnte es tun. Aber die Musiker sind heutzutage alle feige.

Das Stück klingt ab Minute 2:30 wie die frühen Einstürzenden Neubauten – frei und radikal.
Also klingt es wie The Fall! Ich will mich mit niemandem vergleichen, ich sage nur: Das Format des Albums befiehlt mir geradezu, dass ich Freiheiten nutze. Und wissen Sie, was das Beste ist? Meine Band hat keinen blassen Schimmer davon, was der Begriff Avantgarde bedeutet!

Mit anderen Worten: Die Befehlskette bei The Fall basiert auf einem Vorsprung an Wissen?
So kann man das nicht sagen. Es ist für mich geradezu überraschend, dass wir dieses Album in derselben Besetzung aufgenommen haben wie unser letztes, Imperial Wax Solvent. Normalerweise tausche ich meine Band zwischen den Alben zumindest teilweise aus. Auf diese Weise bleibe ich ganz natürlich immer der Boss. Mich hat vor allem gefreut, dass mir das Album selbst etwas bedeutete. Immerhin war die Band zum Zeitpunkt der Aufnahmen erst seit zwei Monaten in dieser Besetzung zusammen. Ich kannte keinen der Musiker persönlich, hatte keine Ahnung, wie die so drauf sind, ich meine: privat. Das hätte auch ganz schön schief gehen können. Umso größer war die Überraschung, als wir auf einer musikalischen Ebene so gut harmonierten.

5 KOMMENTARE

  1. nachdem ich nun schon keine antwort vom P,,, Verlag zu Abofragen bekommen hab, hoffe ich nun inständig dass das nächste Spex Cover von MES bekleidet (sagt man das so?) wird). Nein; es soll es gar zieren!

  2. Mit untertänigstem Dank lese ich die vollständige Ausgabe eines MES-Interviews, die im Jahr 2010 erschienen ist. Sonst müsste ich für ein acht Jahre altes Interview ja auch noch bezahlen…. Etwas Neueres habt ihr wohl nicht mehr? Da ist euch der alte Grantler wohl aus dem Blick geraten. Er war doch früher einer eurer großen Helden, oder habe ich das falsch in Erinnerung? Tocotronic sind – verglichen damit – das, was sie sind…und nehmen seinen Platz ein…vielleicht wäre MES ja jetzt dran ….mit was auch immer…vielleicht sogar mit metoo….wie macht The Fall jetzt weiter? oder implodieren sie?

  3. Sieht so ein jetzt Nachruf aus?
    So eine Zeitschrift lebt ja irgendwie von der Genialität solcher Leute.
    Wie immer stets bemüht…

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