»Wie weit würde ich eigentlich gehen?«

Als am vergangenen Samstag der Tod von Christoph Schlingensief bekannt wurde, war nicht nur die Trauer in der Spex-Redaktion groß, zahllose Menschen gedachten dem 49-jährig an Lungenkrebs verstorbenen Regisseur. »Wie weit würde ich eigentlich gehen?«, war einer der Gedanken Alec Empires zu Schlingensiefs großen gesellschaftlichen Engagement. Genau wie Frank Spilker (Die Sterne) und Gernot Bronsert und Sebastian Szary Modeselektor erinnert Alec Empire an Christoph Schlingensief.


Schlingensief Alec EmpireAlec Empire (Atari Teenage Riot)

Mich erreichte die Nachricht über Schlingensiefs Tod, als ich gerade in einem Hotelzimmer in Deutschland angekommen war. Das Fernsehprogramm war so unerträglich. Ich denke, jeder kennt das, wenn man schnell auf seinen Laptop wechselt. Da stand es, und es traf mich wirklich tief.

    Um ehrlich zu sein, war das genau dieser Moment, in dem einem klar wird, wie sehr plötzlich ein Mensch fehlen kann. Ich war überrascht, wie traurig und leer ich mich fühlte. Ich starrte auf den Fernseher und wurde wütend. Dann drückte ich auf die Aus-Taste, und es wurde still.

    Unterbewusst war Schlingensief immer wichtig für mich, auch wenn das vielleicht nicht für jeden klar erkennbar ist. Es gibt nur sehr wenige Künstler, die es bis in die ›Öffentlichkeit‹ schaffen, und sich dann eben nicht anbiedern. Schlingensief hatte sehr sehr viel Mut.

    Ich meine damit, daß die meisten aus Angst handeln. Angst, eine Quote nicht zu schaffen, Angst, Fans zu verlieren, wenn es unbequem wird, Angst vor den Konsequenzen, die einem drohen, wenn man als Künstler Aussagen macht, die der Mehrheit dieses unwohle Gefühl in der Magengegend verpassen.

    In den letzten Jahren hat sich in Deutschland dieser Konsens durchgesetzt, daß Künstler Entertainer sein sollten. Was das eigentlich bedeutet, sollte sich jeder einmal klarmachen. Ein Puppentheater, bei dem die Industrie die Fäden zieht. Darauf läuft es immer hinaus. Manchmal früher, manchmal später. Ich verabscheue das. Ob DJ, Rapper, Schauspieler, Regisseur oder Politiker … Es gibt immer die, die ihre Bauernschläue als Cleverness interpretieren. Ihnen geht es immer gut, weil sie den scheinbar einfachsten Weg wählen. (Diese aktuelle Kampagne der Bildzeitung ist nur ein Beispiel.)

    Oder ist es wirklich so?

    Die Wahrheit sieht sicherlich komplizierter aus. Jeder von uns muss täglich abwägen, wo diese Grenze verläuft. Das Abstumpfen geschieht nicht von heute auf morgen. Es ist, als ob man eine Treppe Stufe für Stufe hinabsteigt. Manchmal muss man es tun, um nicht völlig durchzudrehen. Dafür habe ich seine Arbeit immer bewundert. Christoph Schlingensief konnte einen dort rausholen. Als ob Dir Dein bester Freund einen Kinnhaken gibt: »Pass auf, das musste einfach sein. Du wärst sonst ein richtiges Arschloch geworden!«

    Viele Freunde und Leute, mit denen man ins Gespräch kommt, sprechen mich natürlich auf die MTV-Sendung U3000 an, in der ich mit Atari Teenage Riot damals aufgetreten bin. Was viele nicht wissen, ist, dass diese Sendung für mich persönlich sehr wichtig war. Ich gebe es ungerne zu, aber ich war in einer Phase, in der ich nicht mehr weiter wusste und kurz davor war, aufzugeben. Denn eigentlich gab es meine Band zu dem Zeitpunkt nach acht langen Jahren nicht mehr. Oder besser gesagt, von dem Marsch durch die Institutionen der Musikindustrie war nur noch ein Häufchen Elend davon übrig geblieben. Obwohl kommerziell gesehen, es natürlich nicht besser hätte sein können. Ich fühlte mich ausgebrannt und konnte das Gefühl nicht loswerden, daß ich gescheitert war.

    Schlingensief und MTV. Das war gar nicht so einfach zu entscheiden. MTV war damals so etwas wie das perfekte Feindbild, Schlingensief genau das Gegenteil. Die Anfrage kam, als wir auf Tour waren – wir sagten zu, ein paar Tage später gab es uns eigentlich garnicht mehr.

    Ich erinnere mich, daß ich in völliger Gleichgültigkeit dort hin bin. Was für mich sehr untypisch ist. Im Taxi vom Flughafen zogen Gedanken an mir vorbei wie: »Warum macht der das mit MTV? Was wird das eigentlich? Wenn Schlingensief jetzt auch noch braves Jugendfernsehen macht, dann ist alles vorbei.« Oder: »Warum lädt der uns eigentlich ein? Ich bin dazu jetzt nicht stark genug … Wenn einer mir jetzt den Rest geben kann, dann ist er es!«

    Ich war damals sehr wenig in Deutschland und hatte immer diese amerikanischen Talkshows im Hinterkopf, in denen publicity-geile Typen abgestraft wurden. Egal, wie gut man sich kennt, egal , was hinter den Kulissen abgeht: Show ist Show. Und man hat selbst die Verantwortung für sein Handeln.

    Als wir in der U-Bahn-Station zum Dreh ankamen, war alles ganz anders. Mir fiel gleich die Energie auf, mit der er vorging. Ich bin Musiker und emfinde immer extreme Anspannung, bevor Scheinwerfer oder Kameras angehen. Aber hier gab es nicht die fürs Fernsehen übliche Hierarchie. So konnte es auch sein. Und plötzlich … und einfach so fühlte ich mich anders. Wie die Sendung dann ablief, kann sich ja jeder im Netz anschauen. Aber ich kam raus mit einem Gefühl, welches ich als eine Mischung aus Kraft und Hoffnung beschreiben würde. Es gab nicht oft in meinem Leben diese Wendepunkte und ich habe oft in den Jahren danach darüber nachgedacht, aber ich bin nie ganz dahintergestiegen, warum es mir damals so ging. Und was er damit zu tun hatte.

    Manchmal kann ich mir nur erklären, daß es ganz selten Menschen wie Christoph Schlingensief gibt. Menschen, die durch ihre Persönlichkeit und dem daraus folgenden Handeln anderen mit ihrer Energie helfen können. Er wird oft in den Massenmedien als »Störenfried« oder »Enfant terrible« dargestellt. Ich will ihn anders in Erinnerung behalten, denn es wäre zu einfach, ihn darauf zu reduzieren. Dadurch, dass er so weit ging, wie er es tat, musste man sich immer selbst die Frage stellen: »Wie weit würde ich eigentlich gehen?«

    Wenn man in unserer Gesellschaft kein Problem sieht, dann reicht leichte Unterhaltung wahrscheinlich vorerst aus. Aber wenn man eines hat, und davon überzeugt ist, dass jeder Mensch, egal aus welcher Gesellschaftsschicht er/sie stammt, für notwendige Veränderungen wichtig ist, dann werden Künstler wie Christoph Schlingensief sehr wichtig. Lebenswichtig. Ich könnte natürlich auch über seine Arbeit viel mehr schreiben, aber ich denke, das können andere besser. Ich wollte diese kleine, aber für mich persönlich sehr wichtige Begegnung mit Euch teilen.

    Gerade jetzt brauchen wir Schlingensief. Und jüngere Versionen von ihm wird es nie geben. Aber er hat sehr viele von uns beeinflusst. Ich fühle, dass ich, wo immer ich auch gehen werde in der Zukunft, etwas davon in mir tragen werde.

 


Schlingensief Frank SpilkerFrank Spilker (Die Sterne)

Die Nachricht erreichte uns am Samstag auf dem Rückweg von einem Festival und plötzlich war die Backstageparty zu Ende. Dass man jetzt schon lange damit rechnen musste, dass der Körper dieses Mannes irgendwann aufgeben würde, ändert überhaupt nichts an dem Grad der Überraschung und der plötzlich einsetzenden Trauer. Wir sind alle erst einmal platt und denken an die Hinterbliebenen und Freunde, die jetzt so viel schlimmer dran sind als wir.

    Jeder von uns hatte seine persönliche Beziehung zu Christoph, und viele von uns haben schon einmal mit ihm gearbeitet. Die Sterne vor knapp zehn Jahren bei U3000. Aber auch sonst traf man in seinem Umfeld, weil er so umtriebig war, immer wieder alte Bekannte oder einfach nur nette Leute. Er hatte eine eigene große Szene um sich herum.

    Das herausragende an seiner Arbeit war für mich dieses klare ethische Fundament, das zu einer Ästhetik führte, die zwar Pop, aber alles andere als beliebig war. Das machte ihn zu einem Sprecher meiner Generation und seine Haltung  repräsentativ. Man musste nicht jede einzelne künstlerische Aktion abfeiern, um zu wissen, dass Christoph in unserem Namen für das Gute stritt. Eine große Lücke klafft da jetzt und ich frage mich, ob es jemand gibt, der sie je füllen können wird.

 


Schlingensief ModeselektorGernot Bronsert und Sebastian Szary (Modeselektor)

R.I.P Christoph Schlingensief! Er  war einer der wenigen wirklich Guten! Ein Visionär, Gerechtigkeitsfanatiker und Genie! Wir sind mit ihm aufgewachsen und sind sehr sehr traurig! Wir trauern, als ob ein guter Freund von uns gegangen ist!  Sein bittersüßscharfer Senf wird fehlen, den er diesem Land dazugegeben hat! Schlingensief ist tot, lang lebe Schlingensief!

 

 

Foto: CC | Matt Biddulph / Flickr

1 KOMMENTAR

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