Zugezogen Maskulin – Im Land der Widersprüche

Fotos: Christian Werner

Die Ukraine explodiert, der sogenannte IS köpft Menschen und ist gleichzeitig das Pop-Phänomen für deutsche Jugendliche ohne Anbindung zur Mehrheitsgesellschaft. Vor den Toren Europas verrecken die Flüchtlinge und in deutschen Großstädten sind soziale Phänomene, die man früher nur aus den USA oder der sogenannten Dritten Welt kannte, inzwischen Standard. Und was macht Pop? Auf all diese Dinge scheißen, sich um sich selbst drehen. Als subversives Vermittlungsmedium ist Pop tot – oder sagen wir: beinahe tot. Ausgerechnet Rap, in den USA traditionell das »schwarze CNN«, hat sich auch hierzulande zum einzigen breitenwirksamen Genre gemausert, in dem politische und soziale Realitäten kommuniziert werden. Bestes Beispiel: Zugezogen Maskulin und ihr zweites Album Alles brennt.

Wer ist dieser lustige Typ? Das fragten sich Zugezogen Maskulin, als sie in den Verhandlungen mit ihrem neuen Label Buback saßen. Grim104 fiel auf, dass der mysteriöse Mann eine Brille von Yves Saint Laurent trug, die mit einem Klebestreifen geflickt war – was ihn umso interessanter machte. Später, so erzählt Testo, habe er den Mann mit dem Namen Daniel Richter gegoogelt und das Ergebnis seinem Kollegen Grim104 gezeigt. »Und der nur so: Ach, du Scheiße!«

Dass die zwei MCs, beide Jahrgang 1988, von dem Buback-Labelinhaber und einem der bekanntesten Maler des Landes zuvor noch nie gehört hatten, spricht für ihre mangelnde Abgebrühtheit in Businessfragen – und lässt ihr Signing bei Buback wie einen Zufall anmuten. Doch Grim104 wusste durchaus, dass das Hamburger Label mit Bambule und Deluxe Soundsystem um die Jahrtausendwende zwei Alben veröffentlicht hatte, die bis heute als zeitlose Deutschrap-Klassiker gelten. Testo hingegen hat »das Hamburger Zeug früher total gehasst«, er bevorzugte Berliner Rap. So entstand auch der Bandname als Referenz an die Rap-Projekte Westberlin Maskulin (Kool Savas und Taktloss) und Südberlin Maskulin (Fler und Godsilla).

Alles brennt ist nun theoretisch bereits das zweite Album von Zugezogen Maskulin, nachdem das Duo Ende 2011 in Eigenregie das Debüt Kauft nicht bei Zugezogenen produziert und kostenlos zum Download angeboten hatte. Damals gab es noch keine professionellen Strukturen, das Debüt wurde bei einem Drogendealer aufgenommen, der zufällig auch ein Studio hatte. Dementsprechend unsauber klingt es. Beim neuen Album ist das natürlich anders. Der Sound ist feingeschliffen, die Beats sind zeitgemäß und abwechslungsreich. Von Trap bis Drum’n’Bass ist alles dabei, was abgeht oder berauscht vor sich hinstolpert.

Musikalisch hat das mit den Goldenen Zitronen, den Buback-Gründervätern sozusagen, nicht sonderlich viel zu tun, inhaltlich aber dafür umso mehr. Gentrifizierung, Zuwanderung und Kapitalismuskritik gelten nicht gerade als Topthemen des deutschen Rap, der momentan eher zwischen verstörender Cuteness und harter Straßenattitüde oszilliert. Ein Großteil des Albums wird von einem scharfen und ironisierenden Blick bestimmt, den die beiden Wahlberliner Grim104 und Testo auf die Hauptstadt werfen. Ihre Beobachtungen über hippe Agenturensöhne (»Ey lass anziehen wie ein Assi, Streetwear und so«), feierwütige Krisenflüchtlinge aus Spanien (»Kids fragen mich: qué tal? / ich versteh‘ nur Keta«) und den Umgang mit Kriegsflüchtlingen (»Ihr habt viele Träume / wir haben viele Zäune«) packen sie in satirische Zeilen, die den Lifestyle ihrer Mitmenschen schön aufs Korn nehmen, aber vielmehr noch die Widersprüchlichkeiten offenbaren, in denen sie sich durchaus auch selbst verstrickt sehen.

An einem Vormittag im November sitzen die beiden MCs in einem Café in Berlin-Wedding. Sie kommen gerade vom Fotoshooting, bestellen Cappuccino und Orangensaft. Grim104 wohnt ganz in der Nähe, seit sieben Jahren schon. Früher habe er gedacht, das sei Quatsch mit dem ganzen Geschrei um die Gentrifizierung, erzählt er, »aber in den letzten zwei Jahren konnte man schon sehen, wie sich die Bevölkerung hier verändert. Es ist zwar noch nicht so wahnsinnig cool wie in Kreuzberg oder Nordneukölln, aber auf jeden Fall studentischer.«

Gleich um die Ecke ist eines von Bushidos letzten Videos gedreht worden, in dem der Wedding viel bedrohlicher wirkt als in den Erzählungen von Grim104. Überhaupt erscheint die Hauptstadt, die von Berliner Rappern gerne als gefährliches Loch inszeniert wird, bei Zugezogen Maskulin eher als glamouröse Scheinwelt, die durchaus ihre Probleme hat, aber im Vergleich doch eher nach Eierkuchen riecht. »Es gibt hier halt 3,6 Millionen Menschen mit eigenen Lebensentwürfen, die koexistieren und sich gegenseitig nicht wirklich berühren,« sagt Testo. Mit Bushidos Leben habe seine Realität recht wenig gemeinsam, vielleicht nur die Tatsache, dass beide sich ab und zu am Ku’damm aufhielten. »Wenn man in bestimmten Kreisen und Bezirken aufwächst, ist Berlin natürlich rough und hart. Wir sind im Gegensatz dazu die Mittelstand-Boys aus relativ gefestigten Strukturen«, ergänzt Testo und muss über seine eigene Bemerkung lachen.

Überhaupt scherzen und kichern die beiden das ganze Interview über. Grim104 beantwortet fast jede Frage erst mit einem Scherz, um dann »Nein, Spaß« zu sagen und ein überreflektiertes und ernstes Statement abzugeben. Nicht selten verfällt er, wenn er über Rap spricht, in den Ton einer Oldschool-Rapper-Persiflage: »Hey yo, wir sind die coolen Rapper! Und wir mögen geile Beats!« Auch auf dem Album werden Rapper-Attitüden wie Größenwahn und homophobe Disses zugespitzt und gewollt ins Lächerliche gezogen. Wie ernst nehmen die beiden HipHop eigentlich noch, wo sie die Szene doch so kritisch und distanziert betrachten? »HipHop ist wie die Familie, die man liebt, aber genau aus diesem Grund auch Macken an ihr erkennt, über die man sich dann lustig macht«, antwortet Testo. Die Kritik sei total liebevoll gemeint.

Kennengelernt hatten sich die beiden im Jahr 2010 während eines Redaktionspraktikums beim Onlinemagazin rap.de, damals unter der Leitung von Chefredakteur Marcus Staiger. Der heutige SPEX-Autor schreibt inzwischen PR-Texte für Zugezogen Maskulin und wird auch an einer Stelle des Albums zitiert. Von Staiger hätten sie viel gelernt, vor allem, dass es wichtig sei, eine Meinung zu haben und darauf zu beharren. Testo erzählt, bei ihm sei damals noch eine ostdeutsche Prägung dagewesen, weshalb er immer erst mal abgewartet habe, bis alle anderen ihre Haltung offenbarten, um ja nicht aufzufallen. Nachdem er gesehen habe, wie Staiger sich teilweise in gefährliche Situationen brachte, nur um zu seiner Meinung zu stehen, habe sich viel für ihn verändert.

Auch für das Konzept ihrer eigenen Musik haben Zugezogen Maskulin einiges aus dieser Zeit mitgenommen. »Das Schlimmste an den ganzen Rap-Platten damals war für mich, dass alle Formulierungen eher schwammig blieben«, sagt Grim104. »Der Hass, das System und so weiter. Da habe ich mich immer gefragt: Okay, was ist denn konkret scheiße? Und was ist eigentlich schön?« Testo zählt die immer gleichen Bestandteile des üblichen Amateur-Rapalbums auf: Ein Lied für den Club, ein Lied für die Frau, ein Lied darüber, dass man der Geilste ist, ein Lied für einen verstorbenen Kumpel, und ein politischer Song. Das eigene Album sollte nicht dieser Logik folgen, deshalb stand das Finden interessanter Themen an oberster Stelle.

»Plattenbau« heißt ein schönes Beispiel für die bildreiche Sprache, die Zugezogen Maskulin sich seither angeeignet haben. Testo erzählt darin von seiner Kindheit in einer Plattenbausiedlung der Hansestadt Stralsund, deren idyllische Lage an der Ostsee-Meerenge häufig als Briefmarkenmotiv herhält: »Unsere Gangzeichen eingeritzt im Arm / Fenster, die mal Hakenkreuze waren und Feuerzeugbrandnarben / Skinheadgirl, Haarpracht, Pony lang, Rest ab / düngen unsere Akne mit Billigschnaps.« Eigentlich, so Testo, habe er nicht vorgehabt, ein tristes Bild seines Herkunftsorts zu zeichnen. Er habe einfach nur aufgeschrieben, wie es eben damals war, das sei für ihn ganz normal. »Ich habe noch Freunde dort, die sich nicht wirklich weiterentwickelt haben oder die es runtergezogen hat, die jetzt Crystal Meth nehmen. Wenn ich heute in mein altes Viertel gehe, dann fühle ich mich da ehrlich gesagt ein bisschen unwohl,« sagt er.

Dass Leute aus Mecklenburg-Vorpommern es scheiße finden, wenn ihnen nach wie vor ein Nazi-Image angehängt wird, kann Testo gut nachvollziehen, vor allem weil sich in den letzten Jahren dort viel verändert habe. »Aber als ich noch kleiner war«, sagt er, »also Mitte der Neunzigerjahre, da war es eben normal Nazi zu sein. Aber gar nicht so aus Überzeugung, sondern weil das halt cool war, eine Glatze zu haben und Springerstiefel zu tragen, auf dem Spielplatz zu saufen und nachts ›Heil Hitler‹ zu schreien. Es hat sich dann Schritt für Schritt so ergeben, dass diese Leute irgendwann HipHop gehört haben.«

Von ähnlichen Tendenzen der Vermischung von HipHop und Rechtsradikalismus berichtet auch Grim104, der seine Jugend in Friesland verbracht hat: »Dieses eine Bild, das ich auch in dem Song ›Grauweißer Rauch‹ verwende, geht darauf zurück, dass ich bei einer Klassenkameradin war, wo wir uns alle zum Bongrauchen versammelt hatten. Und die hatte überall Poster von schwarzen R’n’B-Dudes, von Mystikal und Nelly hängen. Wir waren völlig bekifft, haben Dancehall gehört und Schwarzlicht angemacht, wodurch alle Augen geleuchtet haben. Und dann hat einer plötzlich Landser angemacht. Eigentlich hätte ich da weggehen sollen, habe ich mir im Nachhinein gedacht, aber ich war halt total breit.«

Kritik an rechten Ressentiments und Xenophobie nimmt dementsprechend auch einen großen Raum auf Alles Brennt ein, mal in Form vereinzelter Zeilen, mal über ganze Songs. »Oranienplatz« etwa dreht sich um die Räumung des gleichnamigen Platzes in Kreuzberg, den Flüchtlinge lange Zeit besetzt hatten, um gegen die Residenzpflicht und Abschiebung zu demonstrieren. Grim104 schildert in dem Song den Kontrast zwischen der Auseinandersetzung der Flüchtlinge mit den Polizisten auf dem Platz und der Situation den umliegenden Szenebars, vor denen Frauen mit Indianerhüten und roten Lippen »total sophisticated« ihre Zigaretten rauchten. Der Schlüsselsatz, der in dem Song immer wieder fällt, funktioniert hervorragend als selbstkritischer Slogan: »Wir haben viel zu viel, um euch was abzugeben!«

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Diese Art von Satire auf extremistische Standpunkte ist etwas, das stark an das Berliner Rap-Quartett K.I.Z. erinnert, nur dass Zugezogen Maskulin es bei weitem nicht so sehr auf die Spitze treiben wie ihre Kollegen – was ein bisschen schade ist. Auch soundtechnisch gibt es durchaus Parallelen, etwa die Refrains zum Mitgrölen und die hyperaktiven Synthie-Beats, die die Musik besonders livetauglich machen. Dass sie K.I.Z. toll finden, daraus machen Grim104 und Testo keinen Hehl, doch sehen sie grundlegende Unterschiede zwischen deren und ihrer Musik: »Ich glaube, dass wir teilweise greifbarer und nackter sind, einfach weil vieles von dem, was ich schreibe, autobiografisch ist und von realen Situationen erzählt. Bei K.I.Z. kann man das nicht so richtig sagen«, sagt Grim104.

So stecken auch in dem Song »Guccibauch« – neben »Grauweißer Rauch« eines der Highlights auf dem Album – ganz persönliche Konflikte. Sehr geistreich und lustig ist vor allem der zweite Part, in dem ein überzeugter Marxist nachts von Coca-Cola und Grillz träumt. Und komischerweise mutet das Ganze etwas lächerlich an, weil inzwischen so viele Menschen, die vornehmlich linke Ideale vertreten, ganz selbstverständlich mit iPhone am Ohr und Nike-Sneakers an den Füßen herumspazieren. »Ich bin mir der Tatsache bewusst, dass ich diese Nike-Schuhe trage und jemand, der irgendwo anders auf der Welt lebt, deshalb leiden muss«, sagt Grim104. »Aber ich kaufe mir diese Nike-Schuhe trotzdem – und erhalte die Verhältnisse dadurch aufrecht. Ich denke dauernd darüber nach, es ist etwas, das mich ärgert und wurmt. Man steckt in irgendetwas drin, womit man eigentlich nichts zu tun haben möchte, und doch lädt man all diese Dinge mit einem Wert auf.«

Solche Reflexionen mögen für manch altgedienten Systemkritiker oder Postmarxisten überaus naiv klingen, doch sprechen Grim104 und Testo tatsächlich persönliche Konflikte aus, die viele in ihrer Generation beschäftigen. Es dauert nicht mehr als ein paar Sekunden, Informationen zu sammeln und Stück für Stück ein Bewusstsein für die Folgen der Globalisierung zu entwickeln – Easyjet-Partytouristen, Flüchtlinge, sterbende Arbeiter in Bangladesch. Aber wenn Tumblr-Blogs und Instagram den nächsten Trend manifestieren, dann sind wir alle abgelenkt – und machtlos.

Insofern ist es äußerst begrüßenswert, dass Zugezogen Maskulin sich mit derart großen Themen im Kleinen beschäftigen, zumal der deutsche Rap sich zurzeit nicht immer politisch gibt. Gerade weil Grim104 und Testo in ihren Texten eine ehrliche Sprache gefunden haben, mit der sie komplexe Zusammenhänge auf souveräne und intelligente Weise verhandeln, schaffen sie es, ernstgenommen zu werden. Sie sind witzig, ja, aber ohne ins Clowneske abzudriften –  eine sehr hohe Kunst, die die beiden bereits ganz am Anfang ihrer Karriere beherrschen.

Dieser Text ist in der Printausgabe SPEX °358 erschienen, die versandlostenfrei im Onlineshop bestellt werden kann.

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