Foto: Yann Morisson

Brigitte Fontaine
„Il Pleut“
Vom Album Brigitte Fontaine Est…Folle (1968)

Brigitte Fontaine ist eine französische Sängerin, die radikal indie ist. Sie hat eine Glatze, eine total tiefe Stimme und ist immer total anti drauf. Wenn sie im Fernsehen ist, raucht sie die ganze Zeit Zigaretten und wenn jemand sie langweilt, sagt sie das auch. Die Komposition und das Arrangement machen aus diesem Song ein großes Drama, aber es geht nur darum, dass es regnet.

Wie legen sie eigentlich Musik auf? Mit ihrem Computer?
Als Geek legte ich anfangs immer mit Computer auf, aber vor zwei Wochen habe ich in Paris bei einer Lesbenparty gespielt und erfuhr dann, dass ich mit einem richtigen DJ-Setup spielen müsste. Ich war ziemlich nervös und hatte tierisch Angst vor den Übergängen, aber am Ende war es den Leuten komplett egal.

Daniel Balavoine
„Poisson Dans La Cage“
Vom Album Loin Des Yeux De L’Occident (1983)

Daniel Balavoine ist ein französischer Sänger aus den Siebzigern und Achtzigern. Brigitte Fontaine hat für eine Frau eine sehr tiefe Stimme, Daniel Balavoine hat für einen Mann eine sehr hohe Stimme. Er hat diesen vergessenen Song namens „Poisson Dans La Cage“ gemacht, Fisch im Käfig. Es geht um einen Freund, der den Drogen verfällt und an einer Überdosis stirbt. Oh, der Song ist so schön und schrecklich zugleich. Diese Art von metaphorischen Texten hat mich sehr beeinflusst.

Haben Sie jemals versucht, so etwas auch selbst zu schreiben?
Ich habe einen Song „Le Chateâu“, in dem es um einen Freund geht, der auf einer Burg Selbstmord begangen hat, in der wir damals beide gemeinsam gearbeitet haben. Und darüber habe ich einen Song geschrieben.

Salim Halali
„La Babouche“ (1978)

Als fünften Song schlage ich dir einen vor, von dem ich auch einmal ein Cover gemacht habe – davon gibt es online eine Live-Version: „La Babouche“. Wissen Sie was ein Babouche ist?

Überhaupt nicht!
Das sind diese bequemen arabischen Pantoffeln. Der Song stammt aus der Zeit, als die erste große Welle an arabischen Gastarbeitern nach Frankreich gekommen war. Aus deren Perspektive erzählt der Song: „La Babouche“, das sind unsere Hausschuhe, unsere Kultur, und die bringen wir euch jetzt. Es repräsentiert für mich also so etwas wie die frühen guten Absichten dieser Menschen, die dann von den Franzosen schrecklich behandelt wurden und ekelhaften Rassismus erleiden mussten. Aber in diesem Song ist alles Idealismus und Positivität. Heute wurden die meisten dieser Menschen an die Ränder der Städte gedrängt. Dieser Unterschied zwischen der damaligen und der heutigen Stimmung war der Grund, warum ich den Song gecovert habe.

Es klingt so, als wäre der Song auch heute sehr relevant.
Schon, aber es ist einfach auch ein grandioser Oriental-Disco-Track. Es gibt auch so einen Song namens „Un beau langage“, von dem habe ich ein arabisches Cover gemacht.

Sie sprechen arabisch?
Überhaupt nicht, aber ich hatte Hilfe von Freunden aus dem Libanon. So lernte ich es, den Text verständlich auszusprechen und ich bin sehr froh, dass ich es wohl irgendwie geschafft habe.

Politische Inhalte fließen also auch in ihre Musik ein.
Ich will es nicht in den Vordergrund treten lassen. Ich bin politisch engagiert, aber zurzeit muss man in Frankreich ein wenig vorsichtig damit sein, es ist touchy. Wir sind auf dem Weg zurück ins Mittelalter. Viele Menschen sind gegen die gleichgeschlechtliche Ehe. Leute demonstrieren auf der Straße – mit ihren Kindern –, um Schwule und Lesben bestrafen zu lassen. Whaaaat? Aber deshalb tue ich Dinge wie lesbischen Partys zu spielen, auf Arabisch zu singen… Die Leute sehen in mir ein französisches Mädchen aus dem Norden mit weißer Haut und weißen Nachnamen, ich könnte für sie genauso gut auch Rassistin sein – das ist gar nicht so abwegig, ein großer Teil meiner Familie besteht aus Rassisten. Aber das bin ich nicht und wir müssen alle keine sein.

Patti Smith Group
Because The Night
Vom Album Easter (1978)

Als ich 18 war, war ich auf einem Konzert von ihr – damals hatte ich gerade mit Musik angefangen. Ich kannte sie noch nicht wirklich, Leute hatten mir einfach Tickets gegeben, weil sie wussten, dass das genau mein Ding wird. Und dann habe ich mich total verliebt. Ich sah da keine alte Frau, sondern einen Menschen mit einer irren Ausstrahlung. Ich will diese Frau sein, sie ist meine Mutter. Früher kam sie häufig in meine Heimatstadt Charleville-Mézières, weil sie ein Riesenfan von Arthur Rimbaud ist, dem berühmten französischen Dichter, der dort lebte. Und weil sie so eine großartige Frau ist, spielte Patti Smith immer ein Konzert im lokalen Theater für die Menschen aus dem Ort.

Warum haben Sie sich für diesen Song entschieden?
Nunja, vor allem „Because The Night“. Aber auch weil ich einmal im Fernsehen gefragt wurde, ob ich ein Cover von dem Song machen wollte. Fernsehen macht mich immer komplett nervös und… ich muss gestehen, dass dieses Cover in die Hose gegangen ist.

Inwiefern?
Ich weiß es nicht. Ich kenne den Song, ich war vorbereitet, aber ich habe mich nicht wohl gefühlt. Kennen Sie Requiem For A Dream? Diese Frau träumt ständig davon, im Fernsehen aufzutreten, und irgendwann isst sie ihr eigener Kühlschrank. So fühle ich mich im Fernsehen, nur dass ich dann auch wirklich im Fernsehen bin. Aber ich bin natürlich total dankbar, dass ich hier meinen Traum leben darf. Davor hatte ich nicht so viel Glück. Ich habe früher viele dreckige Jobs gemacht.

Sie sagten, Sie hätten in einem Château gearbeitet?
Am Anfang habe ich dort einfach nur die Tickets kontrolliert, aber Geschichte hat mich immer sehr interessiert, ich bin ein Riesenfan von Mittelalter-Fantasy-Geschichten. Ich bin der wahrscheinlich größtmögliche Fan von Game Of Thrones in Frankreich.

Mylène Farmer
Maman A Tort
Cendres de Lune (1986)

Wie beschreibt man Mylène Farmer? Sie ist der größte Superstar in Frankreich. Sie tritt nur in Stadien auf, muss aber keinerlei Promotion machen, weil sie eine Ikone der Schwulenszene ist. Alle schwulen Jungs liebten sie. In „Maman A Tort“ liegt ein kleines Mädchen im Krankenhaus und sagt: „Mama, Ich bin in die Krankenschwester verliebt“. Das ist ein toller lesbischer Song mit Achtziger-Stimmung. Ich entschuldige mich jetzt schon: Sie werden den Song für Wochen nicht aus deinem Kopf bekommen.

Scorpions
„When The Smoke Is Going Down“
Vom Album Blackout (1982)

Wissen Sie, was wir als letztes nehmen? Die Scorpions!

Wirklich? Um das deutsche Publikum zu erfreuen?
Ich bin ein Riesenfan der Scorpions. Für mich ist der Sänger wirklich inspirierend, wenn ich selbst Musik aufnehme. Nehmen wir mal einen weniger bekannten langsamen Track: „When The Smoke Is Going Down“.

Auch aus den Achtzigern?
Ab-So-Lute-Ly. Wissen Sie, die Scorpions sind besonders gut, wenn sie langsam sind – bei Liebesliedern, „Send Me An Angel“ zum Beispiel. „When The Smoke Is Going Down“ habe ich viel am Ende meiner Frankreichtour gehört. Einerseits hatten wir natürlich viel Rauch auf der Bühne, andererseits habe ich immer mit meiner Band Joints geraucht und all das endete da. Der Rauch hatte sich verzogen.