Zimt „Glückstiraden” / Review

Zimt begegnen dem Durcheinander unserer Zeit mit schamloser Reduktion und Mut zum Unfertigen – mit Indiepop der alten Schule, roh und heimelig zugleich.

Hysterie ist zum Gefühl unserer Zeit geworden. Und die Reaktionen darauf sind allesamt unbeholfene Reflexe: Schulterzucken, Aggressivität, Überästhetisierung. Zimt begegnen diesem Durcheinander mit schamloser Reduktion und Mut zum Unfertigen. Das Trio wurde 2015 in Augsburg gegründet und bringt nach einer ersten Single nun sein Debüt Glückstiraden raus. Zimts Lo-Fi-Klangkosmos baut überwiegend auf dem altbekannten Indiegerüst Bass, Schlagzeug und Synthesizer auf. Große Gesten sind da natürlich nicht zu erwarten. Stattdessen: Indiepop der alten Schule, roh und heimelig zugleich. Selbst der prägende Orgelsound klingt vielmehr nach einem unterm Bett in der Einzimmerwohnung verstaubten Einsteigerkeyboard denn nach feierlicher Messe.

ausgerechnet die Zeit der Reflexe führt zu neuer Unentschiedenheit.

Dementsprechend ist der Titel am Ende auch passend unpassend: In den 12 Songs finden sich keinerlei beseeltes Quasseleien oder überbordende Emotionen. Stattdessen geht es der Band darum, die eigenen Emotionen möglich weit herunterzukühlen. Alltagsdiagnosen wie „Empathielosigkeit“ und „Ideal ist nichts“ werden von einem sachlich verzogenen Gesang relativiert, so etwas wie Sentiment gibt es höchstens in mehrstimmigen Hooks oder im Refrain. Die Gefühle müssen draußen bleiben. Die Einsicht ist am Ende eine bittere: Womöglich überlebt man diese Zeiten nur mit vermeintlich kaltem Herzen; der Wunsch nach mehr Empfindlichkeit muss in der Eigentlichkeit verharren. So führt ausgerechnet die Zeit der Reflexe zu neuer Unentschiedenheit.

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