Zehn besondere Songs aus SPEX N°319

Mit der Reihe »Besondere Songs« versucht die Spex-Redaktion in jeder Ausgabe einen Überblick über wichtige Musikstücke zu geben, die aus der Flut der Single- und Albumveröffentlichungen herausragen, die man im Radio oder im Internet zu hören bekam, und die neben ihrer musikalischen Originalität für die Redakteure von Spex eine Bedeutung haben. Die Singles, Albumtracks, Radiosessions und Musiken aus dem Netz aus Spex #319 kompilierten und kommentierten Jan Kedves, Martin Hossbach, Walter Wacht und Wibke Wetzker.

Slumdog MillionaireA. R. Rahman & M.I.A.: »O … Saya«
aus dem Soundtrack zu »Slumdog Millionaire« (Interscope / Universal Music)

Selbst Bollywood kommt an Autotune nicht vorbei. »O … Saya« wurde für Danny Boyles neuen Film »Slumdog Millionaire« (deutscher Titel: »Rupien! Rupien!«) geschrieben, die omnipräsente M.I.A. nahm den Track unter Anleitung des indischen Produzenten Allah Rakha Rahmans auf. Man hört: heftiges Percussion-Gewitter, animalische Shouts, gluckernde Synthies, krachende E-Gitarren, mit Autotune-Effekt überlagerte Backing-Vocals und eine vom sozialen Aufstieg rappende M.I.A.


Girls AloudGirls Aloud: »The Loving Kind«
aus dem Album »Out of Control« (Polydor / Universal)

Mit diesem melancholischen Abgesang auf eine in die Brüche gegangene Beziehung erreichte die britische Girlgroup Girls Aloud in England jüngst zum zwanzigsten Mal in Folge mit einer Single die Top Ten. Wem haben sie das zu verdanken? Brian Higgins’ Xenomania-Produkionsmannschaft und … den Pet Shop Boys, die hier als Koautoren zeichnen, was man besonders den Lyrics anmerkt: »Somewhere on a Monday morning / In a rush hour of another day / Standing on a crowded platform / Carelessly we lost our way«. Classy!

MoodymannMoodymann: »Freeki Mutha F cker«
von der LP »Det.Riot ‚67« (Mahogani Records / KDJ Records)

Was für ein großes, den Konditionen von Trackmusik und Gangstermackertum angepasstes Update zu Marvin Gayes »Sexual Healing«! Detroit-Ikone Kenny Dixon Jr. schenkt uns sacht housiges Beat-Geschubber mit zirrenden Streichern und Moll-Pianoakkord. Ein Fest der Spärlichkeit, zu dem Moody seine »freaky lil’ mama«, ja im Grunde die Weiblichkeit per se mit süssen Laszivitäten beflüstert. Würde Junior sich dabei nicht selbst so entblößen, müsste man schimpfen. So aber ist es eine Wonne für alle, Frauen und Männer, right on!

PapercutsPapercuts: »John Brown«
aus dem Album »Can’t Go Back« (Gnomonsong / Import)

Als dieser Song Anfang 2007 in den USA veröffentlicht wurde, klassifizierte man ihn als Freak Folk. Diese Bezeichnung erschien evident, kam das Album doch auf dem Label von Devendra Banhart und Vetivers Andy Cabic heraus. Nachdem der Begriff Freak Folk bis zur Zerreißprobe gedehnt ist, ließe sich Papercuts aufgrund seiner Nähe zum Bay-Area-Duo Beach House als ›Post-Paisley-Underground-Psychedelic‹ bezeichnen. Der Song fängt sich Velvet-Underground-Vergleiche ein, bis er plötzlich auf einem Banjo davon galoppiert und sich in »John Brown« quasi als Revolverheld entpuppt. Im April erscheint mit »You Can Have What You Want« ein neues Papercuts-Album.

Sebastien TellierSébastien Tellier: »Kilometer (Aeroplane ›Italo 84‹-Remix)«
von der EP »Kilometer« (Record Makers / Al!ve)

Vorne im Heft stehen viele gute Gründe, die für das belgische Produzenten-Duo Aeroplane sprechen – hier ist noch einer: Ihr Remix von Sébastien Telliers »Kilometer« unterbaut den durch Stöhnen erotisierten Keyboard-Groove des Originals mit einer flott pumpenden Bassdrum, balearischem Guitar-Picking, einem Sample der »Harder, Better, Faster, Stronger«-HiHat von Daft Punk und bringt den Track gegen Ende mit einer Variation des markanten Synthesizer-Arpeggios aus Cerrones Italo-Hit »Supernature« (1977) zum Überkochen.

Sonic YouthSonic Youth: »Superstar«
von der Compilation »If I Were a Carpenter« (A & M Reco / Universal)

»Superstar« ist einer dieser Schlüsselsongs, die in den USA zum allgemeinen Kulturgut zählen, der immer und immer wieder aufgegriffen und deshalb auch bei »American Idol« verwurstet wird. Der Song aus der Feder von Delaney und Bonnie Bramlett sowie Leon Russell landete bereits in den Kehlen von Cher, Bette Midler und Luther Vandross, verdankt sein Hitpotential aber der einfühlsamen wie seichten Interpretation der Carpenters. Erst in der Sonic-Youth-Version kommt die Hoffnungslosigkeit des erzählenden ›Groupies‹ zum Tragen, die in den Zeilen »And I can hardly wait to be with you again« liegt. Es wird kein zweites Mal geben!

TexobiqueTex & Erobique: »People of a Destimate«
von der EP »What Are You Do?« (Silencio Bum)

»Tex« Strzoda schätzen wir als Schlagzeuger von Andreas Dorau, Rocko Schamoni oder Frank Spilker; Carsten Meyer als Erobique und Mitglied von International Pony. Lassen wir in Auszügen Sounds-Legende Kid P. sprechen, der die Linernotes zu dieser heißen, in Hamburg auf Kampnagel und im Pudel aufgenommenen Live-EP schrieb: »Ladies love cool Tex & Erobique, zwei Genusstypen, Schmuserocker, Auf-die-Pauke-Hauer, Stehaufmännchen, Maulhelden, Wegelagerer, Trunkenbolde …« – nachzuhören auf der aktuellen Spex-CD!

TimExileTim Exile: »Obama’s Inauguration Speech (Live-Mashup)«
aus dem Internet, www.youtube.com/user/timexile

»Today I say to you that the challenges we face are real. They are serious and they are many. They will not be met easily or in a short span of time. But know this, America – they will be met.« So eine der zentralen Botschaften aus Barack Obamas Vereidigungsrede. Der Brite Tim Exile zerlegte die Ansprache während der TV-Übertragung in unzählige Soundfragmente, mischte sie live ab, unterlegte sie mit einem donnernden Beat und konstruierte so den ersten (und soweit smartesten) Obama-Track der offiziellen Amtszeit.

Toffeetronic vs Kikki MoorseToffeetronic vs. Kiki Moorse: »Neon’s Dead! (Lights Out Mix)«
von der CD-R »Neon’s Dead EP«, www.toffeetronic.co.uk

Was kann nach der Grellheit kommen? Während der Sound dieses Remixes die stromschimmernde Eleganz von Kraftwerks »Computerliebe« zitiert, dreht Kiki Moorse im Text – geschrieben in der von »My Favourite Things« bis »Subterranean Homesick Blues« und »Vogue« reichenden Tradition des List Songs – den Dimmer runter: »No more Yasukuni-dori / No more bombarding transformer / No more Chicks On Speed / No more lighted palm trees / No more beer signs / No more neon sculptures / No more Bruce Nauman«. Ein nonchalanter Abgesang auf alles, was beim Buhlen um Aufmerksamkeit auf die Logik des ›Heller, Strahlender, Blitzender‹ setzt, und zugleich eine Mutmaßung darüber, wie schön dezent es sein könnte – im Dunkeln.

Two Fingers feat. Sway Two Fingers feat. Sway: »What You Know«
von der Single »What You Know« (Big Dada / RTD)

Sway, einer der besten MCs Nordlondons, liefert hier die Performance seines Lebens. In Überschallgeschwindigkeit rappt er über die Vorurteile, denen Englands schwarze Jugend täglich ausgesetzt ist, und setzt sich kritisch mit Stereoptypen auseinander, die sich im Hiphop vertiefen – untermalt von perkussivem Highend-Geklicker und derbem Beatgebolze. Two Fingers wurde von Amon Tobin und und Joe »Doubleclick« Chapman gegründet, ein Album soll noch im Frühjahr erscheinen.

Die Spex-Reihe »Besondere Songs« ist an jedem letzten Dienstag des Monats ab Mitternacht auf ByteFM zu hören – die Playlisten finden sich hier. Die nächste Sendung mit frischer Musikauswahl findet in der Nacht vom 31. März auf den 01. April 2009 statt.

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