Yves Saint Laurent, der Film

Yves Saint Laurent bei der Arbeit

Das am Donnerstag startende Biopic Yves Saint Laurent kümmert sich ausschließlich um seinen Hauptprotagonisten und schafft es selbst so noch, wichtige Aspekte seines Schaffens zu unterschlagen.

Ende der Fünfzigerjahre, eine Generation junger Franzosen zieht in Algerien in den Krieg – YSL erleidet einen Nervenzusammenbruch; Beatmusik, die Hippies, die wilden Zeiten – YSL blättert durch alte Kunstkataloge und designt seine Mondrian-Kleider; die 1968er-Unruhen in Paris – der YSL- Prêt-à-porter-Laden im Stadtzentrum muss vorübergehend schließen, YSL selbst feiert mit Freunden im Pool in Marrakesch. Diese drei Momente stehen beispielhaft für die Szenerie in Jalil Lesperts Film über das Leben Yves Saint Laurents: Wir beobachten ein Genie im Elfenbeinturm.

Der Blick durch YSLs berühmte Brille auf die Zeitgeschichte interessiert Regisseur Lespert nicht besonders. Was außerhalb des YSL-Turms passiert, dringt zwar im Schlagzeilenformat irgendwie bis zum Zeichentisch des Modeschöpfers vor, aber es bleibt ein kleines Detail in der Gesamtkulisse, etwa so wie eine enorme, goldene Buddhastatue, die man morgens im Vorbeilaufen auf dem Weg ins Atelier kurzentschlossen kauft. Die Lebensgeschichte eines in Algerien geborenen Sohns einer Großbürgerfamilie, der Mitte der Fünfziger mit 21 Jahren zum künstlerischen Direktor des Traditionshauses Dior berufen wurde, der offen in einer homosexuellen Beziehung lebte und der Mode entwarf, die den Zeitgeist nicht nur spiegelte, sondern ihm oft genug erst die rechte Passform gab, hätte man als große Parabel auf das Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg erzählen können.

Lespert erzählt stattdessen, handwerklich sehr geschickt, aber mit wenig überraschender Dynamik, die Liebesgeschichte zwischen YSL und seinem Geschäfts- und Lebenspartner Pierre Bergé. Nach dem für Genies üblichen Auf und Ab (Partys, Drogen, Liebschaften, Krisen) bleibt YSL in dieser Biopic-Lesart letztendlich nur der Status eines depressiven französischen Nationalheiligtums, das bis an sein Lebensende verlässlich geniale neue Kollektionen liefert.

Das sorgt auf der Leinwand natürlich für reichlich Schauwerte: Originalkostüme, die sonst nur mehr in Museen zu bewundern sind, eine generell edle und detailreiche Ausstattung, tolle Schauspieler. Die kühnen Schnitte oder elegant verrutschten Proportionen von YSLs Mode finden sich im Filmischen jedoch nicht wieder. Hosenanzug? Frauenbild? Genialität? Fehlanzeige.

Diese Rezension entstammt SPEX N°352 – aktuell am Kiosk und (versandkostenfrei bestellbar) im SPEX-Shop.

YVES SAINT LAURENT
FRANKREICH 2014
REGIE: JALIL LESPERT
MIT PIERRE NINEY, GUILLAUME GALLIENNE, CHARLOTTE LEBON, LAURA SMET U. A.