»Arschlöcher bleiben Arschlöcher« – Young Fathers im Feature

Foto: Kim Jakobsen To

Wenige Monate, nachdem sie mit DEAD überraschend den renommierten Mercury Price gewonnen hatten, legen die Young Fathers bereits ein weiteres Album vor. White Men Are Black Men Too ist zu gleichen Teilen ein provokant betitelter Appell an die Menschlichkeit wie auch eine Reflexion über rassistische Stereotype. Ein Anliegen, das die Band mittels hochmemorabler Refrains und einer insgesamt offeneren Ausrichtung in die Breite zu tragen gedenkt. SPEX traf die Young Fathers in Berlin.

London, zwei Tage nach dem Champions League-Gastspiel des Chelsea FC in Paris. Das U-Bahn-Gratisblatt macht mit einem Video auf, das britische Ultras zeigt, wie sie einen schwarzen Franzosen bedrohen und ihm den Zugang zur Pariser Metro verwehren. Begleitend grölen sie folgende Zeilen zur Melodie von »I Will Follow Him« (Peggy March u. a.): »We’re racist, we’re racist and that’s the way we like it!« Umso skurriler erscheint da die treu-doofe Erklärung, mit der sich ein Beteiligter jetzt zitieren lässt: »It wasn’t just the black people we weren’t letting on, it was whites and women, too.« Will sagen: Ja, in unserer Idiotie haben wir keine rassistischen oder sexistischen Ausnahmen gemacht! Ehrenwort!

Was das mit den Young Fathers und ihrem neuem Album White Men Are Black Men Too zu tun hat? Zunächst einmal erscheinen die Parallelen eher banal: Graham Hastings, Alloysious Massaquoi und Kayus Bankole aus dem schottischen Edinburgh sind ihrerseits mit dem Zug angereist, sie machen nur einen Zwischenstopp in der Stadt. Weniger als ein halbes Jahr ist es her, dass ihr letztes Album, DEAD, den angesehenen Mercury Prize gewann. Die Jury überraschte damit Buchmacher und Medien, nachdem andere Nominierte wie FKA Twigs, Damon Albarn oder Jungle vorab für deutlich mehr Aufmerksamkeit gesorgt hatten. Die Freude wurde allerdings schnell getrübt – und damit sind wir bei der zweiten, ungleich dramatischeren Parallele zu den Geschehnissen von Paris.

So verwies etwa der Telegraph zynisch darauf, wie aufgeschlossen die Entscheidung sei, hätten doch »ein Liberianer, ein Nigerianer und ein Schotte« gewonnen. Was interessiert einen alten weißen Journalisten schon, auf welche Weise die drei Musiker mit 14 bei einer HipHop-Jugendveranstaltung in Edinburgh zusammenfanden? Davon abgesehen, dass der Mercury mit Preisträgern wie Dizzee Rascal, Speech Debelle oder Talvin Singh traditionell alles andere als eine reine Weißbrotveranstaltung ist. Noch stärker schien rechten Medien allerdings aufzustoßen, dass sich DEAD kommerziell bis dato nur im besseren Indie-Durchschnitt verkauft hat und von den großen Radiostationen überwiegend ignoriert wurde. Weniger als viel Geld verdienen und dann auch noch dafür ausgezeichnet werden? Ja, denkt denn niemand mehr an den Kapitalismus?!

Die Young Fathers jedenfalls nicht. Aber die Sache mit dem fehlenden Airplay stört sie schon: »Wir sind einfach immer wieder überrascht, wenn uns die Sender sagen, unsere Songs wären zu hart«, berichtet Bankole. »Welcher Code wird da verwendet?« Hastings fordert: »Unsere Songs gehören neben die von Taylor Swift! Als Programmmacher eines landesweiten Senders ist es einfach deine Pflicht, die Leute mit Kultur zu versorgen, damit sie den Kontext erkennen können!«

young fathers
Foto: Kim Jakobsen To

Schon die Lieder auf Dead waren schwer zu kategorisieren, mit White Men Are Black Men Too, das unter anderem in Berlin-Wedding entstanden ist, treiben sie das Spiel noch weiter. Beim ersten Mal klingt diese Musik als ob einem der Kopf in einer emulierten Blechdose gewaschen würde. Der Mix ist noch roher und näher am Ohr als beim Vorgänger, Loops von Gitarrenfetzen schlingern umher. Es wird mehr gesungen denn gerappt, hinzu kommen subtile Chöre und mitreißende Claps. Erst nach und nach schälen sich die zahlreichen schönen Melodien heraus. Und einmal ins Nicken gekommen, will der Kopf gar nicht mehr aufhören. Toll.

Die Texte sind kurz gehalten, düster-assoziativ: »Sirens« spiegelt den paramilitärischen Wahnsinn von Ferguson, »Dare Me« handelt möglicherweise von einem jungen, verzweifelten Vater, der sein Kind oder aber sich selbst tötet, und »Nest« von jungen Müttern, die ihre Kinder stillen. Ursprünglich hieß das Lied übrigens »Nestlé«. Young Fathers hatten es auf Anfrage für eine Eistee-Werbung des Großkonzerns geschrieben. Allerdings unter ihren eigenen Bedingungen.

Lange bevor das Schweizer Unternehmen nämlich den Kampf für die Privatisierung von Wasser begann, hat es in Entwicklungsländern aggressiv sein Milchpulver beworben – mit fatalen Folgen: »In Nigeria hat man den Frauen in großen Kampagnen den Eindruck vermittelt, sie begingen eine Sünde, wenn sie ihren Kinder die Brust gäben und so die bessere Ernährung durch die Milchpulver verweigerten«, führt Bankole aus. »Viele Kinder und Jugendliche leiden bis heute unter der frühen Mangelernährung.« Beinahe wären sie mit ihrem Schildbürgerstreich sogar durchgekommen, sagt Massaquoi: »Sie meinten: ›Wir lieben es! Die Wörter! Den Sound! Ihr müsstet nur dies, das und das ändern.‹ Dann wäre es aber nicht mehr unser Song gewesen.«

Deshalb ist »Nest« nun auf White Men Are Black Men Too gelandet. Und während die Radiosender – dank Mercury Prize – wohl nicht drumherum kommen dürften, nun zumindest ein paar Stücke des Albums zu spielen, machen es Young Fathers den Konsumenten leicht: »File under Rock and Pop« soll als Sticker auf jedem Tonträger kleben. Hastings: »Pop bedeutet für uns Freiheit, denn die Leute stecken dich nicht sofort in eine Schublade. Die Medien bezeichnen uns wieder und wieder als ›Leftfield-HipHop‹, was schlichtweg eine verdammte Lüge und unfair ist. Und wie oft habe ich in Artikeln gelesen, dass ich lediglich der Produzent der beiden wäre? Warum sollte man so etwas denken? Man schließt uns aus, einzig und allein aus dem Grund, wie wir und die Band aussehen. Wir müssen diese Mentalität aufbrechen!«

Kann man es noch als »positiven« unterschwelligen Rassismus verstehen, wenn im weißen Hastings die übergeordnete Produzentenfigur gesehen wird? Und sind wir damit endlich bei der Bedeutung des Titels von White Men Are Black Men Too angelangt?

Reflektieren wir kurz: Mussten Sie bei jedem Mal schlucken, wenn der Albumtitel bislang in diesem – natürlich aus einer weißen Perspektiven verfassten – Text auftauchte? White Men Are Black Men Too – klingt das für Sie nicht wie eine gefährliche Relativierung, gerade wenn Sie sich etwa mit Konzepten wie Critical Whiteness auseinandergesetzt haben? Stehen Ferguson oder die Unterrepräsentation schwarzer Menschen in britischen wie deutschen Parlamenten und (Musik-)Redaktionen nicht etwa im krassen Gegensatz zu dieser These?

Young Fathers wünschen sich, dass Sie diese Dinge offen diskutieren. »Über alles kann man reden: Geschlecht, Sexualität, Religion – nur nicht über Hautfarbe. Das ist für alle eine Grauzone«, sagt Massaquoi. Bankole ergänzt: »Wir wollen die Leute aufrütteln, dass sie sich nicht nur im Privaten, sondern auch in ihrem normalen Umfeld, wo es sich vielleicht nicht so komfortabel anfühlt, über solche Fragen unterhalten können.«

Deshalb habe man diese Zeile zugespitzt und zum Albumtitel gemacht, so Hastings, »damit sie nicht untergeht, sondern auf Plakate kommt. Damit Radiomoderatoren sie in den Mund nehmen müssen, wenn sie über unser Album sprechen.« In »Old Rock’n’Roll« heißt es:

I’m tired of playing the good black
 / I said I’m tired of playing the good black / 
I’m tired of having to hold back / 
I’m tired of wearing this hallmark for some evils that happened way back / 
I’m tired of blaming the white man
 / His indiscretion don’t betray him / 
A black man can play him / 
Some white men are black men too / 
Nigga to them
 / A gentleman to you

»Schwarz und Weiß sind die einfachsten Formen überhaupt. Sie schließen jeden mit ein«, sagt Massaquoi. »Der Titel drückt die Gleichheit aller Menschen aus. Nur, sind wir gleich? Nein! Doch das Ergebnis unseres Schweißes, unseres Blutes und unserer Tränen ist es. Und die Welt sollte genau so sein. We’re one. Natürlich wird es Diskussionen geben. Aber wir haben die reinsten Absichten und werden alle Fragen beantworten.« Auf die Auseinandersetzung soll so die Befreiung des Blickes folgen, denn nicht weniger sei mit der Ausgangszeile gemeint: »Unabhängig von Farbe und Herkunft: A dick is a dick! There are assholes everywhere!« Nicht nur im Fußballstadion.

Dieser Text erschien ursprünglich in unserer Printausgabe SPEX N° 360, die versandkostenfrei im Online-Shop bestellt werden kann.

 

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