Yes, they can!

Die neue Spex #319 ist ab dem 20. Februar am Kiosk erhältlich. Max Dax gibt im Editorial einen Überblick über die Themen der aktuellen Ausgabe.

Editorial Spex #319
Pop ist, was verkauft?

Foto: Max Dax / Spex)

Liebe Leserinnen und Leser,

    insgesamt drei Mal traf Martin Hossbach die Pet Shop Boys, um mit ihnen über ihr neues Album »Yes« im Speziellen und über den Zustand von Pop im Allgemeinen zu sprechen. Die Treffen fanden im Dezember letzten Jahres und diesen Januar im Café des Literaturhauses in der Berliner Fasanenstraße jenseits sogenannter ›Promo-Tage‹ statt, an denen Popstars für gewöhnlich in Halbstundentaktung Interviews wie am Fließband abspulen. Die zu einem langen Dreiergespräch Hossbach-Tennant-Lowe montierten Transkriptionen der insgesamt vier Stunden langen Tonaufnahmen bilden den zentralen Teil unserer Titelgeschichte, die vor allem eine Aussage trifft: Es gibt nichts Faszinierenderes als ›Pop‹. Allerdings gibt es auch ein ›aber‹: Noch nie musste man das, was wir, was die Pet Shop Boys unter Pop verstehen, so mit der Lupe suchen wie heute.

    Denn eine China-Kopie – no offence! – von Andy Warhols Pop-Begriff ist allgegenwärtig und breitet sich immer weiter aus. Jeder und alles ist heute Pop. YouTube, YouPorn, MySpace, FaceBook werden als Benutzeroberflächen großer Medien-Holdings tagtäglich von einem Heer von Mitteilungsbedürftigen mit Millionen neuer Gratis-›Inhalte‹ gefüllt. Bestenfalls Warhols »fifteen minutes of fame« sehen sich hier materialisiert, aber machen wir uns nichts vor: Zwischen jenen, die kurz aufstrahlen und dann verglühen, und den Pet Shop Boys, Andy Warhol oder Sonic Youth, die sich eben dadurch auszeichnen, dass sie Pop, Image und Gegenwartsrefl exion unbeirrt und über lange Zeiträume hinweg kontextualisieren, liegen Welten.

Spex #319
»Collect them all? That’s so Pop!«, rief Neil Tennant aus, als wir ihm von dem Plan erzählten, Spex #319 mit zwei verschiedenen Covern zu drucken. Auch die Pet Shop Boys veröffentlichen immer wieder Singles mit zwei Covern – was natürlich nur ihre Zusammengehörigkeit betont.

(Foto: © Alasdair McLellan / Gestaltung: Mario Koell)

    Tobias Rapp, der als langjähriger Kulturredakteur der taz nur knapp das 30-jährige Bestehen eben jener Zeitung in Berlin verpasste (siehe dazu den Artikel zum Jubiläum) und seit neuestem in gleicher Funktion beim Spiegel in Hamburg tätig ist, schreibt in seinem Essay über die Pet Shop Boys in unserer Titelgeschichte: »Es gibt zwei Popbegriffe. Der eine begreift Pop als ein Zeichensystem, das über die Jahrzehnte gewachsen ist, und das alle möglichen Formen, Genres und Äußerungsformen ausgebildet hat. Vertreter dieser Vorstellung von Pop können meist besser erklären als verkaufen. Jene, die besser verkaufen können als erklären, stehen für den anderen Popbegriff: Pop ist das, was in den Charts ist. […] Dazwischen liegt das Gesamtwerk der Pet Shop Boys.« Die elf Songs auf »Yes« sind in der Tat nicht bloß Popsongs mit unfassbarem Chart-Potenzial, sondern sie öffnen auch einen Referenzraum, ein Zitatgitter. Im Interview erzählen Chris Lowe und Neil Tennant, die sich diese Ausgabe ein Split-Cover teilen, wie das Album im Hit-Labor des Xenomania-Gründers Brian Higgins in Kent seine endgültige Form an nahm. Kombiniert wurde, was passte. Für jeden Song wurden mehrere Melodien geschrieben – die dann mitunter in ganz anderen Songs verwendet wurden. Damit beschreiben die beiden Nordengländer eine Strategie, die von Alexander Kluge in Spex unlängst als ›Cross-Mapping‹ bezeichnet wurde und als deren Väter im Geiste die Mitglieder der Situationistischen Internationale gelten.

Die erste Single »Love etc.« aus dem neuen Album »Yes« der Pet Shop Boys. Neil Tennant dazu im Interview: »›Love etc.‹ ist postmaterialistisch, man könnte auch sagen ›post-lifestyle‹. Der Song sagt unterm Strich: ›All you need is love‹, und stellt fest, dass man sich nicht ein Haus in Beverly Hills, einen Sportwagen oder ein Gemälde von Gerhard Richter kaufen muss, um glücklich zu sein.«

STREAM: Pet Shop Boys – Love etc.

    »Was passiert eigentlich, wenn ich mich in den Bergen von Kentucky mit dem U-Bahnplan von Brooklyn orientiere?«, fragt Bonnie »Prince« Billy ganz im Sinne der Situationisten in der zweiten großen Spex-Geschichte. Er beschreibt eine fast identische Methode des Songwritings, nur dass er statt einer Hit-Fabrik in der Grafschaft Kent einen Naturpark in Kalifornien besuchte, um die Schaltpläne auszuhecken, die er anschließend auf seinem ganz und gar bemerkenswerten Album »Beware« zu völlig neuen Kombinationen arrangierte. Modernisten tragen gelegentlich Bärte, um sich zu tarnen.

    Leser, die sich für die Situationistische Internationale, die Pet Shop Boys, Bonnie »Prince« Billy und Andy Warhol interessieren, dürften sich auch für Harald Peters’ Artikel über das Musikvideo der Ausgabe erwärmen. Schon der Song zum Video, »United State of Pop 2008« von DJ Earworm, ein Mash-up der Billboard-Top-25-Hits des letzten Jahres, assembliert all das, was nach Definition der Musikindustrie Pop ist, nämlich alles, was gut verkauft. In seiner visuellen Übersetzung sehen wir in atemberaubender Geschwindigkeit zusammengeschnittene Szenen aus allen Videos dieser Mainstream-Hits – und wie sie sich in Form und Aussage zum Verwechseln ähneln.

    Es wird klar, dass, wer über ›Pop‹ redet, Begriffsklärung betreiben muss. Dafür eignet sich ganz klassisch das Interview als Medium, erlaubt es dem Leser doch, die Positionen klar zu verorten. Überprüfen können wir den Zustand von Pop nicht zuletzt in den Gesprächen mit Grandmaster Flash, mit Morrissey und mit Kim Gordon: Spex bleibt Ort der Auseinandersetzung.

    Max Dax

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