Yeasayer »Amen & Goodbye« / Review Gestaltung

Sie wollten die Weltformel und fanden die Sinnkrise.

Yeasayer haben ihre Karriere mit einem Lied über fliegende Fische begonnen und beenden sie bei Gott. Drübersein ist Teil des Projekts. Das war erst genial, dann konsequent, dann hilflos. Jetzt haben Yeasayer Amen & Goodbye veröffentlicht. Es ist ihr viertes Album, und es ist eins zu viel. Musikalisch haben die Klassenzweiten in der Freakschule (Strebergrüße an Animal Collective) die letzte Transformationsstufe genommen. Ihre Referenzen sind nur mehr Redundanzen. Verwurstet haben sie alles, außer die Junior Boys. Bei denen war nach Fragrant World nichts mehr zu holen. Am Ende verballhornen Yeasayer nicht nur den Propheten Jesaja, sondern auch ihre eigene Jesaja-Verballhornung.

Wer den Lektüreschlüssel zur Musik auf Amen & Goodbye geknackt hat, kriegt es mit dem Klappcover zu tun. Für dieses Zeugnis geistiger Überfrachtung hat Yeasayers Künstlerkumpel David Altmejd Hieronymus Bosch und Acetonitril in der Petrischale gekreuzt. Im Ergebnis trifft die komplette Menschheits- und Ideengeschichte auf den ultimativen Yeasayer-Fantest. Selbst wer das Schleimmonster aus dem »Madder Red«-Video entlarvt, kann sich beim Rest bloß in die Nesseln setzen. Nur eins ist sicher: Bodypainting ist auch keine Lösung. Als goldgepinselte Moloch-Miniaturen opfern Chris Keating, Anand Wilder und Ira Wolf Tuton nicht nur ihre Hymnen, sondern auch Kinder. Rund um die Lache versuchen derweil Albert Einstein, Donald Trump, der nudistische Bruder von Apostel Paulus, das in »Divine Simulacrum« besungene manic pixie dream girl, die eine von Sailor Moon, der andere aus Körperwelten, Mamas Busen (»Child Prodigy«), Henrietta Lacks und Robert Mitchum möglichst wenig irritiert von umherschwebenden Köpfen und Obstwaren ihr Ding durchzuziehen.

Bodypainting ist auch keine Lösung.

Was soll der Scheiß? Vielleicht sind Yeasayer über das Experimentieren mit Oleander und Fraßgift einfach verrückt geworden. Dass sie sich nach der Abrüstung des digitalen Maschinenparks selbst in Isolationshaft nahmen, um im New Yorker Borscht Belt vier Jahre an der Vollendung ihrer persönlichen Göttlichen Komödie zu arbeiten, legt allerdings anderes nahe. Yeasayer haben noch nie etwas so ernst gemeint. Sie wollten die Weltformel und fanden die Sinnkrise. Als Folge ihres Hangs zur Exotik aus der All-Hour-Cymbals-Phase funktionierte Körperlichkeit zunehmend nur noch über totale Entkörperlichung. Als Inside-Out-Künstler legten Yeasayer Negativräume jenseits der Oberfläche frei. Ihr Faible für biblische Geschichte und christliche Ikonografie wurde stets von der atheistischen Denke unterminiert, dass nicht Gott die Dinge zum Leben erweckt, sondern chemische Reaktionen. Am Ende sind die Widersprüche unvereinbar, und unter all den verkorksten Hybriden aus zehn Jahren Bandgeschichte gerät Amen & Goodbye zur größten Missgeburt. Dada, hat Richard Huelsenbeck gesagt, sei »Gott, Geist, Materie und Kalbsbraten zu gleicher Zeit«. Aber Dada hat sich am Ende auch selbst gefressen.

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