Xiu Xiu mit Neuigkeiten

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Eine Frage zum Einstieg: »Would you talk to cows?« Würden Sie mit Kühen reden? Aufgeworfen vor kurzem auf Xiu Xius Twitter-Account. Jamie Stewart hält seine Band derzeit gut am Laufen. Im November ist man – mit neuer Perkussionistin Shayna Dunkleman – erneut auf Tour (Termine unten), am 15. des Monats erscheint eine neue 7"-Single bei Kingfisher Bluez, deren A-Seite »Quagga« (hier zu hören) einen psychedelischen Jam im retrofuturistischem Klangambiente zusammenpuzzelt und deren B-Seite »Thylacine« (zu dt. Beutelwolf) noch nicht zu hören ist. Heute erscheint bei Polyvinyl zudem die Re-Issue des 2006er Xiu-Xiu-Albums The Air Force. Für »Born To Suffer« von der aktuellen LP Always gab es zudem vor einigen Wochen ein Video (s.u.) von Adriana Alba, in dem das visuelle und haptische Erleben von Natur und Digitalem künstlerisch aufbereitet werden. Gestreichelt wird dort ein Pferd, keine Kuh.

   Und nach den vielen kurzen Worten noch eine ausführlichere Rückblende, denn eine weitere Möglichkeit zur Verschränkung bot sich Stewart vor Kurzem in Hamburg. Am hiesigen Kampnagel arbeitet hier derzeit der Wahlberliner und US-Amerikaner Jeremy Wade. Das selbstdeklarierte Internationale Zentrum für schönere Künste hatte dem Choreografen nun zum gemeinsamen künstlerischen Austausch seinen musizierenden Landsmann für eine Woche zur Seite gestellt. Das Ergebnis des Experiments wurde anschließend beim »Vogelball« des Kunstcamps, welches vorab zum MS-Dockville-Festival stattfand, präsentiert. Stolz als Weltpremiere angekündigt, fanden Wade und Stewart an einem lauen Sommerabend auf der Bühne des Nestes auf einer kleinen Lichtung zusammen, umrandet von eskapistische Holzbauten, im Zuschauerrücken gerahmt von monolithisch-einsamen Hafenbauten.

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Foto — Tim KaiserJeremy Wade auf der Kunstcamp-Bühne

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Der entspannten Feierstimmung des Balls – viele Anwesende hatten sich tatsächlich in selbstgebastelte, neon-bunte Vogelkostüme geworfen, parallel legten Tampa Sumo und Justus Köhncke auf – setzte vor allem Stewart eine angespannte Ernsthaftigkeit entgegen, während er Wade merklich konzentriert einzelne Beats und Noises zuschoss. Dieser war in seiner Performance vor allem auf eine andere Wirbeltierklasse fokussiert: die der Säugetiere und somit auch des Menschen selbst. Die muskulösen Oberarme freigelegt und meist primatenartig nach unten, das märchenhaft spitze und bärtige Kinn bzw. Unterkiefer hingegen nach vorne gezogen, schien Wade mit wirren Blick, Gebrabbel und Gebell, Gliedmaßen und Torso unter sich schlackernd, die eigene Bewusstseinsauflösung zu betreiben. Das warf die alte Frage von Normalität oder Pathologie vermeintlicher Psychosen auf. Bin ich verrückt? Oder ist es die Gesellschaft?

   Wohl auch um Stewart gerecht zu werden, durfte dieser dann zur Gitarre greifen und Wade sang ein wenig, anschließend auch kurz der Xiu-Xiu-Kopf selbst, der zum Ende mit weiterhin ungerührter Mine aus wenigen Metern Entfernung einen Mini-Gong mit einer Steinschleuder beschoss – sein Partner blieb da im Hintergrund. So ergab sich letztendlich keine Symbiose zwischen den beiden, eher zog jeder den anderen halb in seinen künstlerischen Bereich hinein. Eine zarte Wirkkraft konnte alles dennoch entfalten, gerade weil der zeitliche Bogen nicht überspannt wurde und Wades Auftritt zunächst entwaffnende humoristische Züge hatte. Es offenbarte sich also Potential für eine Fortführung. Und wo eben noch Reduktion vorherrschte, war dann im Anschluss Stewart zu seinem üblichen Überfluss zurückgekehrt, erzählte freimütig von seiner kürzlichen Sterilisation. Die Performance, der Vogelball und das Kunstcamp lieferten allerdings (neben dem Festival) gute Argumente, das hier für zwei Wochen in Beschlag genommene Areal in den Docks auch dauerhaft für die Kunst zu öffnen – anstelle der Rückkehr zur rein wirtschaftlichen Nutzung. (Impressionen der Veranstaltung finden sich am Ende.)

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Video — Xiu Xiu »Born to Suffer«

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Xiu Xiu live
02.11. Linz — Ahoi Pop! Festival
03.11. Innsbruck — PMK Bogen
04.11. Nürnberg — K4
05.11. Wiesbaden — Schlachthof
06.11. Erfurt — Theater Am Palais
07.11. Dresden — Beatpol
08.11. Würzburg — Cafe Cairo
10.11. Wien — Arena
12.11. Köln — Baustelle Kalk
15.11. Heidelberg — Karlstorbahnhof
17.11. Fribourg — Fri-Son

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Fotos — Sarah Bernhard

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