Xiu Xiu Always

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Auch 2012, auf ihrem nunmehr achten Studioalbum, nehmen es Xiu Xiu wieder mit der gesamten Welt auf, indem sie ihre blinden Flecken thematisieren: Von US-Soldaten getötete afghanische Jugendliche (Gul Mudin), eine vor einer Abtreibung stehende Teenagerin in den USA (I Luv Abortion) und zu Sexobjekten herabgewürdigte chinesische Fabrikarbeiterinnen (Factory Girl) tauchen in ihm auf. Always ist ein Schwarzbuch aktueller Medienhighlights; Jamie Stewart und Angela Seo gerieren sich hier als Weisser Ring des Avantgarderock.

   Dabei könnte man sich nicht nur um die Welt, sondern auch um Stewart selbst Sorgen machen: Auf Xiu Xius Onlineseite und per Twitter häuft er tagtäglich ein Gemisch aus Suizid- und Attentatsandeutungen an, durchsetzt mit selbst erstellten Bildern verlassener Sexwebcams und Betrachtungen über Kim Yong-un. Für die Huffington Post verfasste er Beiträge über die Rechte von Bisexuellen und das Leben als solcher auf Tour, in denen Bäder in Kotze und Fäkalien anschaulich beschrieben werden.

   Diese Freuden und Leiden des Jamie Stewart werden nun auf Always mit der restlichen Welt in Verbindung gesetzt. Wenn dabei aber beispielsweise der ägyptische Aufstand – wie in Beauty Towne (sic!) – oder das von einem Erdbeben zerstörte haitianische Port-au-Prince – wie in Born to Suffer – mit einfließen, bleibt ein leichter Geschmack der Anmaßung zurück.

   Musikalisch ist die Xiu-Xiu’sche Methode weiterhin jene der Überwältigung. Allerdings nicht durch bloßen, stumpfen Dauerlärm, sondern durch pointiert-scharfe Kontraste und Vielfalt. Während I Luv Abortion von infernalischen Noise-Sprenklern und metallischer Härte bestimmt ist, zersetzt die anschließende Ballade The Oldness zartfühlend die vermeintliche Hässlichkeit des Alters; hier werden Xiu-Xius Heftigkeit warme Flächen entgegengestellt. Das Soundchaos von Always, in dem Kinderchöre und verzerrte Monsterstimmen auftauchen und Synthesizer an ihre technischen Grenzen geführt werden, erweist sich am Ende als genial ausgeklügelter Versuch, eine komplett unberechenbare Musik zu erzeugen – das ist fordernd, aber keinesfalls nervig.

   Xiu Xiu gelingt in erneuter Zusammenarbeit mit Produzent Greg Saunier (Deerhoof) einmal mehr ein aufwühlender Protest gegen gesellschaftliche und ästhetische Apathie. Schade nur, dass das mittlerweile nur noch alle zwei Jahre (und nicht mehr jährlich) passiert: Bevor man das Geld für die Produktion einer neuen LP einge spielt habe, müsse man heute erstmal ausgiebig on the road gehen, so Stewart. So viel zur Ökonomie.

Bella Union / Cooperative Music / Universal — 24.02.12

   Achtung, Spex präsentiert die vier Konzerte der Band übernächste Woche in Österreich und Deutschland. Für jede Show (Termine unten) verlosen wir noch 1×2 Plätze.

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Video — Xiu Xiu Hi

Spex präsentiert: Xiu Xiu live:
09.04. Wien — WUK
10.04. München — Kranhalle
11.04. Berlin — Festsaal Kreuzberg
12.04. Hamburg — Kampnagel

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