Wut & Widerstand No. 6: Gudrun Gut, Deutschland – „Eine politische Grundhaltung ist Bürgerpflicht.“

Foto: M. v. Kummer

Für einen ausführlichen Schwerpunkt zum Thema Wut & Widerstand in der aktuellen Printausgabe SPEX No. 375 baten wir eine ganze Reihe an Kunst- und Kulturschaffenden aus aller Welt um Statements zur Frage: Is Anger An Energy? Die Originalstatements werden ab nun peu à peu hier veröffentlicht. Folge sechs mit Gudrun Gut aus Celle, Deutschland.

Was bedeutet Wut für Sie? Welche Rolle spielt Widerstand?
Wut ist für mich der wütende Stier. Eigentlich eher negativ belastet, weil „um sich schlagend“ und nicht überlegt. Man kann Wut aber auch als Trigger für den Widerstand verstehen – was sie auch ist. Ungerechtigkeit und Ohnmacht davor macht wütend. Widerstand gegen empfundenes Unrecht ist rechtens und muss sein.

Wie und wogegen protestieren Sie?
Ich protestiere gegen nicht nachvollziehbare Unmenschlichkeit. Wir sollten einander achten. Ich protestiere für die Gleichstellung der weiblichen Künstler innerhalb der Musikindustrie, auf den Festivals, bei den Labels. Zehn Prozent Frauenanteil sind nicht genug und reflektieren nicht die Gesellschaft.

„Pop kann Bewusstsein schaffen über die Musik hinaus.”

Sehen Sie sich aufgrund der aktuellen Weltlage mehr als zuvor in der Pflicht, Partei zu ergreifen, politisch Position zu beziehen, zu handeln?
Eine politische Grundhaltung ist Bürgerpflicht. Sich einmischen in Belange, die einen auch angehen, ist für mich der erste wichtige Schritt. Reine Eigennützigkeit geht nicht. Wir müssen die Gesellschaft mitgestalten. Wir sind Teil der Gesellschaft. Das sollte man verinnerlichen. Als Künstler ist man gleichzeitig auch außen vor, sieht alles aus einer anderen Perspektive, reflektiert abstrakt. Einmal fühlte ich mich in der Pflicht: Ein Text bei Gut und Irmler, den wir live spielen geht so: „Nur weil der Kommunismus tot ist, heißt das nicht, dass der Kapitalismus unsere Zukunft ist. Da gibt’s doch noch was anderes als 10%, die 90% des Geldes haben. 10% die 90 %, 10% die 90 %.“

Kann Pop mehr sein als symbolischer Protest? Wie kann Popkultur, auch über die ohnehin eingeweihten Kreise hinaus – Veränderung bewirken?
Pop kann alles sein. Umstände, aus denen Pop entsteht, können verändert werden. Pop kann Bewusstsein schaffen über die Musik hinaus. Pop schafft Wünsche und Pop gibt Antrieb. Pop nervt und schafft dadurch Reaktionen. Pop kann eine soziale Plastik sein – siehe Monika Werkstatt: in den Künstlern selbst wird ein Bewusstsein geschärft. Pop kann Reibung sein. Ich dachte früher schon, dass Musik politisch ist und sein muss. Inzwischen sehe ich Pop auch als Erholungsfaktor nach dem Kampf oder als Energiequelle für den Kampf. Die Message muss also nicht zwangsläufig in der Musik sein, kann sie aber. Allerdings sollte eine politische Haltung in der Musik spürbar sein – sexistische Videos finde ich zum Beispiel unakzeptabel. Pop kann beispielhaft sein.

Was ist das dringendste Anliegen Ihrer Kunst?
Gut zu sein.

Alle Kurzinterviews mit Künstlerinnen und Künstlern aus aller Welt zum Thema Wut & Widerstand, die im Rahmen des Schwerpunkts in der Printausgabe SPEX No. 375 in gekürzter Form zu lesen sind, werden nach und nach online veröffentlicht. Das Heft kann im Onlineshop versandkostenfrei bestellt werden.

1 KOMMENTAR

  1. Der Kampf fuer die Gleichberechtigung im Musikbusiness ist sicher rechtmaessig. Was macht sonst wuetend und warum? Wuetend sein und Musik machen. Schoene Lieder.

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