Review: Wolfgang Voigt Kafkatrax

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   Mit seiner kaum noch zu überblickenden Diskografie und als Mitbetreiber des Kölner Kompakt-Imperiums ist WOLFGANG VOIGT einer der einflussreichsten hiesigen Technoproduzenten. Anders als der typische in diesem Feld aktive Musiker möchte Voigt aber nicht nur seine nie endenden Grooves weiterspinnen. Ihn interessieren auch Bezüge jenseits des eigenen Stils und die Kontexte, in die sich seine Musik einschreiben lässt. Der in den siebziger und achtziger Jahren an T.Rex und Scritti Politti geschulte Voigt erlebte die Popmusik als Importphänomen. Ein hierzulande aktiver Popmusiker derartiger Prägung neigte dazu, sich vorstellen, Engländer oder Amerikaner zu sein, um selbst aktiv zu werden, denn eine hiesige Popsprache schien nicht verfügbar. Voigt machte sich deshalb daran, eine sogenannte originär deutsche Popmusik zu entwickeln. Die bis dahin herrschende, pauschale Ablehnung deutscher Kulturmythologie kündigte er auf. Auf Schlager und Volksmusik Bezug nehmend, entwickelte er den schunkeligen, bierseeligen Sound of Cologne.

    Jenseits der Technoszene wurde Voigt besonders mit seinem Projekt Gas bekannt. Für Gas verarbeitete er Aufnahmen der Kompositionen von Richard Wagner und Alban Berg zu einer gewaltigen, immersiven wall of sound. Seine Plattencover und Albentitel wie Königsforst beziehen sich auf den in der Romantik entwickelten Topos des Deutschen Waldes. Weil dieser auch Teil der nationalsozialistischen Ideologie war, wurde Voigt diese pauschale Bezugnahme oft verübelt. So oder so bleibt bei Voigt die Konstruktion eines deutschen Popappeals eine außermusikalische Operation: Den dronigen vier Gas-Alben ist ebenso wenig anzuhören, dass sie aus der Musik Wagners und Bergs entstanden sind, wie sich direkte Bezüge zur erhabenunheimlichen Sehnsuchtslandschaft des Deutschen Waldes herstellen lassen.

   Genauso wenig haben Voigts Kafkatrax mit Literaturgeschichte zu tun. Voigt verarbeitet dabei lediglich mehrere Schichten von Stimmen zu elektronischen Soundscapes, aus denen manchmal einzelne Worte und Phrasen herauszuhören sind. Hier schlägt einem nicht die sprachliche Spezifik der Texte Franz Kafkas entgegen, sondern die saubere Mikrofonie einer aktuellen Hörbuchproduktion, die Voigt als Ausgangsmaterial benutzt hat. Die unheimliche, verstörende Wirkung der menschlichen Stimme, auf die die Stücke zielen, tritt nicht ein. Sie wurde von Ricardo Villalobos oder Oliver Ho schon ergiebiger und wirkungsvoller instrumentalisiert. Wie bei Gas perlt der konstruierte, kulturgeschichtliche Kontext an der Musik ab. Da ist das Selbstporträt von Voigt als Kafka auf den in Schwarz, Rot und Gold gehaltenen Plattencovern der drei Singles, aus denen dieses Album besteht, schnell vergessen. Der despotische Signifikant Kafka löst sich im seriellen Prinzip des Loops rückstandslos auf.

   Voigts Stärke liegt im Vertrauen in sein Konzept. Die Idee, die Stimme des Hörbuchs auf Grooves zu beziehen, zieht Voigt in allen Konsequenzen durch und lässt sich selbst davon überraschen, wie die umgesetzte Idee wirkt – genauso wie sein Idol Andy Warhol auf den Siebdruck einer Marilyn keinen Einfluss über den Druckvorgang hinaus ausüben konnte. Viele Technoproduzenten zerstören die Serialität und die konzeptuelle Klarheit der Clubmusik durch gefällige Verzierungen. Voigt verzichtet vollständig darauf. So wird dieses vergleichsweise schwache Voigt-Produkt trotzdem von einem entschiedenen, radikal modernistischen Musikverständnis getragen, das man in der aktuellen elektronischen Musik heute oft vermisst.

  Wolfgang Voigt Kafkatrax ist bei Profan / Kompakt erschienen.

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VIDEO: Wolfgang Voigt Kafkatrax 2.1 (Inoffiziell) (Regie: the29nov Films)


STREAM: Wolfgang Voigt Kafkatrax (Auszüge)

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