Wolfgang Joop: »Die gucken mich an, als wäre ich 200 Jahre alt!«

In Wahrheit wird er heute erst 70: zum Geburtstag des bedeutenden Modeschaffenden ein Interview aus SPEX N°355.

Er polarisiert und fasziniert gleichermaßen: Wolfgang Joop ist Unternehmer, Künstler, Designer, Person des öffentlichen Lebens – und manchmal auch Gefangener seines Talents. Ohne den Mann mit dem berühmten Ausrufezeichen hinter dem Namen wäre die deutsche Modelandschaft ein blasses Terrain. SPEX traf Joop in seiner Potsdamer Villa Wunderkind und sprach mit ihm über Mode als Illusionstechnik, die Bürde des Künstlers und das Hardcore-System Fernsehen.

Wolfgang Joop, die Figur des Engels scheint Sie sehr zu beschäftigen. Hier in Ihrem Haus ist man umgeben von Engelsskulpturen.
Als ich 2003 nach meiner Zeit in New York nach Potsdam zurückkehrte, begann ich, Skulpturen zu gestalten. Ich war in der Nähe eines Friedhofs groß geworden, auf dem es sehr viele Engelsskulpturen gab, und irgendwie fand ich die immer so tröstlich. Das hier (zeigt auf eine Skulptur in seinem Wohnzimmer) ist ein Engel, der aus einem riesigen Frühstücksei ausschlüpft. Der Engel kommt wutentbrannt zur Welt. Das ist meine Erfahrung: Wer hier auf dem Planeten landet, schreit erst mal. Abends schläft der Engel ein, mitternachts erwacht er und wenn der Morgen kommt, schreit er wieder, denn wer nachts erwacht, den erschreckt das Tageslicht. Eigentlich ist das analog zu allen Leuten, die lange Partys kennen – den Anbruch der Sonne mögen sie nicht, weil alle Schöngeister zu Staub zerfallen. Diese unperfekten, ungehorsamen Federwesen sind auch Reste ganz tiefer Erinnerungen an Hans Christian Andersens Märchen. Sehen Sie, der Engel da hat nur einen Flügel. Immer wieder geht es um Verwünschung, Metamorphose und Verwandlung.

Derzeit beschäftigen Sie sich allerdings vornehmlich mit Affen. Wie kamen Sie vom Engel zum Affen?
Auf einmal hatte ich genug vom Engel, von diesem Boten zwischen Himmel und Erde. Ich suchte nach einem anderen Boten. Einem evolutionären Boten, zwischen Natur und Kultur, zwischen Mensch und Tier – und automatisch trieb es mich vom Engel zum Affen. Diese irdische Verwandtschaft hat auch mehr Humor.

Der Affe da drüben hat ja Flügel!
Ja, das Bild heißt ironischerweise »The Catch Of The Day«. Die Titel meiner Werke unterwandern eigentlich immer die Ernsthaftigkeit, mir der ich arbeite. Die Dinge sind so aufwändig gemacht. Aufwändiger als ein Haute-Couture-Kleid! Ich habe in meinem Leben zu viele Skizzen, zu viele schnelle Striche gemacht, jetzt bin ich nicht mehr interessiert an dieser flüchtigen Arbeitsweise. Ich habe dem flüchtigen Gewerbe Mode zuliebe meine Talente vernachlässigt. Deshalb hat mich mein Leben lang ein schlechtes Gewissen begleitet. Das habe ich in meinem Roman Im Wolfspelz auch beschrieben, in dem das Alter-Ego, der Designer, vor einem Gemälde steht und das Gemälde sagt zu ihm: »Warum hast Du mich gekauft und nicht gemalt?« Die Antwort ist folgende: »Ich habe so viele Geschenke bekommen, ich bin nicht dazugekommen sie auszuwickeln«.

Betrachten Sie Ihr Talent als Bürde?
Nun, ich bin nicht dazu gekommen, all meinen Gaben nachzugehen. Denn ich glaube, das Künstlerschicksal ist wirklich ein sehr eigenes. Wenn du ein Talent hast, ist das wie ein Kind, das rücksichtslos seinen Weg geht und Dich ausbeutet, und du darfst es nur noch begleiten. Du bist eigentlich nur Ausführender dieser unbequemen Idee, für die du einiges opfern musst, was anderen Leuten viel bedeutet. Die meisten Ideen, die ich zwanghaft ausführen musste, zerstörten all das, was ich vorher gemacht hatte, sie zerstörten den Traum der Freizeit. Man muss für diese ambition bereit sein, eine Menge zu opfern. Das ist manchmal so schmerzhaft, dass viele der großen Künstler sich selbst in einen Exzess treiben, um entweder künstlerisch weiter zu kommen oder andererseits Einsamkeit und körperliche Erschöpfung zu ertragen. Du weißt nicht, was bei deinem Experiment rauskommt, warum opferst du so viel Zeit? Plötzlich gelangte ich an den Punkt, an dem ich das thematisieren konnte. In meinen Gemälden verbinde ich Frivolität, Romantik, Humor und Perfektion.

In der Mode, die Sie flatterhaft nennen, war Ihnen diese Art von Ausdruck nicht möglich?
Eine Kollektion muss immer leicht und leichtfertig aussehen. Nicht allzu intellektuell oder obsessiv. Das fände ich pathetisch. Allzu viel private Enthüllung im Gewerbe der Verkleidung findet niemand cool.

Sie halten also nicht viel vom existenziellen Ansatz eines Alexander McQueen?
Zu viel Geständnis! Zu viel Bekenntnis! Das ist nicht mehr das Terrain der Mode. Ich glaube, Karl Lagerfeld sagte einmal, man solle nun ausgerechnet in der Mode nicht nach Moral suchen, nicht nach allzu viel Biografischem. Denn Mode ist etwas, was man auch wieder ablegt und nicht zu sehr hinterfragen sollte, wie man es bei der Arbeit mit einem Psychotherapeuten tut. Die Revolution, die ein Saint Laurent angezettelt hat, war nur im Kontext der Zeit möglich. Saint Laurent hat nicht, wie alle seine Zeitgenossen, nur Couture, Couture, Couture gemacht, sondern er hat Alltägliches neu entworfen. Der Smoking, die Bauernbluse, der Trenchcoat, die marokkanische Folklore – das gab es alles schon. Er hat die Moderne richtig beschrieben, denn die Moderne war das Zitat. Damals schon! Wir in der Postmoderne zitieren ausschließlich. Deshalb ist es heute auch so wahnsinnig schwer für junge Künstler den eigenen Ausdruck zu finden, denn wir zitieren das Zitat und kennen das Original nicht mehr.

Sind Sie in die Mode geflüchtet, um sich nicht mit tieferen Gefühlen auseinandersetzen zu müssen?
Fashion war meine Illusionstechnik. Ich habe Fashion so lange und mit so viel Inbrunst ausgeübt, weil sie mir so viel Verstellung, Verfremdung und Verkleidung ermöglichte. Aber das war ein legaler Ausdruck der Zeit, sich eine andere Haut, ein anderes Ich zu erlauben und so zu tun als ob. Wie wunderbar! Ich habe einen Goldknopf an und bin ein Kapitän! (lacht) Und wenn ich mir ein Strassdiadem aufsetze, denken die Leute, es seien Brillanten. Also, why not? Warum muss man immer das Ich zelebrieren? Man tut doch nur »als ob«, und niemand will wissen, was wahr ist und was nicht! Wir täuschen ständig Jugend, Schönheit, Reichtum vor. Und kommt das nicht an, kann man immer noch sagen: »Ach, meinen Look verstehst du nicht!« Damit hat ja Helmut Lang ein großes Geschäft gemacht.

Arroganz, eine Essenz der Mode?
Ja, es hat eine gewisse Arroganz. Der Minimalismus funktioniert nur in einer Zeit der sozialen Zufriedenheit. In Zeiten der Krise, nach dem Ersten Weltkrieg etwa, explodierte die Fashion. Poiret! Schiaparelli, die Designer und Künstler, die machten die wahnsinnigsten Sachen! Gingen zwar alle pleite daran, aber das geht ja sehr schnell, wenn man Alleinunternehmer ist und Künstler. Aber immer wieder gibt es auch einen Zeitpunkt, an dem eine bestimmte Gruppe von Menschen diesen Hunger auf Luxus hat. In den Neunzigern war es in Deutschland wieder so weit, das war die Zeit der Postmoderne und man war nicht mehr so protestantisch. Die Übertreibung machte uns allen endlich mal wieder Spaß! Leider träumen wir nur noch von den eighties!

Wolfgang Joop 2

Ende der Achtziger hatte die Stadt Hamburg mit Jil Sander und Ihnen ihren kurzen Fashion Moment. Wie erlebten Sie diese Phase?
Ach, rückblickend war es eine fantastische Zeit. Hamburg war ein eigenes Biotop. Mittlerweile hat man Hamburg ja so verglast, als lebten dort Wesen im Terrarium. Die kleinen Veranden mit den kleinen hübschen Dingen, die man da in einer Vitrine ausstellt. Trockenblumen und überall Lockenten! Die Hamburger waren zu der Zeit verwöhnter als andere Städter, in ihren weiß gelackten Häusern beim Hummeressen und Chablistrinken. Es gab die ersten schicken Restaurants und ganz in der Nähe den Rotlicht-Distrikt, was dem Ganzen so eine gewisse Exotik verlieh. Domenica, die legendäre Hure, wurde auch zu den Essen eingeladen, das fand man besonders schick. Man war ja so herrlich frech und tolerant gewesen. Trotzdem kam eben damals eine Menge zusammen, es trafen sich viele Energien. Wieso ist da eine Marke JOOP! entstanden, wieso eine Marke Jil Sander? Wieso kam das deutsche Design daher? Der Etepetismus, der neue Stil, der bis heute die deutschen Marken infiziert hat. Strenesse, Laurèl und wie sie sich alle nennen. Man sprach dauernd von Qualität und wenig von Form. Aber Qualität hat ja mit Design nicht viel zu tun, und dieses Missverständnis macht Mode »Made in Germany« auch so langweilig heutzutage. Da fällt mir ein: Frau Merkel trägt immer diese gleiche Art von Jacke, die noch nie saß. Noch nie! Das ist eine bewusste Entscheidung. Sie will damit zeigen, dass sie sich nicht um den Wechsel der Mode kümmert, sondern verlässlich und beständig ist. Das ist eine sehr protestantische Haltung.

Das deutsche Design war auch im Ausland höchst angesehen.
Ja, es entstand zum ersten Mal die Idee, dass deutsches Design konkurrenzfähig sein kann. Nachträglich ist das nicht mehr passiert. Diesen fashion quake gab es so nie wieder. Wir inspirierten uns gegenseitig, wir trafen uns – mal herzlich begrüßend, mal ignorierend. Wenn man aus Hamburg kam, war alles richtig. Nur Milano ist noch so. Wenn ich heute nach Milano gehe, denke ich: »Das ist ja Hamburg!« Man sieht die blonden, nervösen Frauen mit den flachen Schuhen und dem dicken Goldring an den unlackierten Fingernägeln. Auf den angeblichen Roten Teppichen sehen ja heutzutage alle aus wie Fußballerfrauen! Alle! Dieser Anmach-Look hat aber im Gegensatz zu L.A. und Berlin in Hamburg und Milano nie Einzug gehalten.

Karl Lagerfeld, Ihr Kollege aus besagter Hamburger Zeit, sagte über Sie: »Wolfgang Joops Drama ist, dass er nicht ich ist.«
Ich glaube, wir sollten unsere Schicksale nicht miteinander vergleichen. Ich kenne ihn und weiß, dass er ein hochintelligenter und empfindsamer Mensch ist. Vielleicht ist vieles, was er sagt, die verbale Flucht nach vorne. Ich würde mich in seiner Welt nicht gut fühlen. Vielleicht geht es ihm finanziell fantastisch, er musste nie mit einem eigenen Label groß werden, insofern liegen zwischen uns Welten. Ich glaube nicht, dass ich in seine Welt will und umgekehrt. Ich fand den Satz ziemlich unverständlich. Vor allem sagte er im nächsten Atemzug, dass er noch nie von mir gehört habe.

Wäre eine Karriere wie die Ihre heutzutage noch möglich?
(schüttelt entschlossen den Kopf) Ich glaube nicht. Man muss sich absetzen, um Aufmerksamkeit zu bekommen, das wird immer schwieriger. Um dich abzusetzen, bedienst du erst mal den Mainstream nicht, obwohl dich alle Berater dazu zwingen wollen. Auch mir wurden immer wieder Vorträge gehalten, wie man denn kommerziell sein könne, aber ich war ja erfolgreich. Das ist ja dann wohl auch nur durch Kommerzialität möglich. Man fand mich immer verstörend kreativ, man empfand meine Art, meinen Humor und meine Kreativität als wenig berechenbar. Man dachte, ich würde mich dann irgendwann beruhigen. Aber genau das Gegenteil ist der Fall! Jetzt muss ich aus all dem, was ich gesehen und erfahren habe, ein anderes Puzzle herstellen. Nicht umsonst heißt das Motto der nächsten Kollektion I will never be a perfect puzzle. Je knapper meine Lebenszeit wird, umso intensiver kann ich die Ideen abrufen. Das ist unplugged, ich spüre mich ständig. Aber ich mache aus nichts einen Katechismus. Deswegen war ich sehr glücklich, mich so lange in diesem frivolen Biotop Mode aufhalten zu können, wo ich nicht immer predigen muss. Papa don’t preach! Aber ich möchte noch einmal auf die Affen zurückkommen.

Warum lassen Ihnen diese Affen keine Ruhe?
Zu meinem eigenen Erstaunen habe ich in diesen Bildern meine gesamte Biografie zum Ausdruck gebracht. Ich habe sogar Schwierigkeiten, die Bilder länger anzuschauen. Für mich sind sie nicht dekorativ, sondern verstörend. Ich habe die Affen als Synonym für das Thema Liebe gewählt. Ich war Einzelkind, quengelte oft und fühlte mich in der Nachkriegszeit vernachlässigt. Als ich auf den Arm meiner Mutter wollte, sagte sie immer: »Hör auf, das ist zu viel Affenliebe!« Zu viel Berührung, zu viel Nähe, das war in Preußen nicht üblich. Man hielt Distanz. Früher gab man am besten seine Kinder zur Gouvernante, und heute, nach all meinen pädagogischen Selbsterfahrungen, halte ich das sogar für eine gute Idee. Man muss die Kinder vor allzu viel Privatheit der Eltern schützen. Sie müssen das Gefühl bekommen, dass die Eltern ein Ideal verkörpern – und nicht voller Schwächen und voller Konflikte sind und gar von ihnen Trost und Liebe einfordern wollen. Ich wollte von den Konflikten meiner Eltern auch nichts wissen. Mein Vater erzählte immer von der Kriegsgefangenschaft, das wollte ich in den Siebzigern nun wirklich nicht hören! Wir wollten Utopien, nicht Geschichte in meiner frühen Jugendzeit. Aber jetzt komme ich zum dritten Mal auf dieses Bild zurück. Es war das metamorphotische Wesen, in dem ich alle menschlichen Aspekte wiederfinden konnte. Der Affe äfft alles nach, er ist ständig beschäftigt, er klaut, er macht andauernd und schamlos Sex. Nur Mode trägt der Affe nicht. Es gibt eine große Verwandtschaft zwischen Liebe und Tod – auf beides wartet man. Mit den dümmsten Fragen habe ich mich oft in den Weg der Liebe gestellt. Der Affe aber wartet nicht auf intellektuelle Fragen und Antworten. Sehen Sie, dieser Affe streckt uns die Zunge raus – »Ätsch, wir leben ein freies Leben!« Beneidenswert!

Ihr Schritt in die Jury eines TV-Formats überraschte. Was wollen Sie mit Germany’s Next Topmodel zum Ausdruck bringen? Steckt dahinter womöglich ein Warhol’scher Ansatz – von der Avantgarde in den Mainstream?
Nichts dergleichen. Mich hat die challenge irgendwie gelockt. Im Herbst befällt mich immer diese Melancholie, der wollte ich entfliehen – und das Format gab mir die Chance dazu.

Da hätte es doch aber auch andere Möglichkeiten gegeben, oder?
Ja, aber Reisen zu buchen liegt mir nicht. Ich fand nicht, dass ich mich als Mainstream-Typ verhalten habe. Für alles, was ich jemals tat – und es waren ja viele neue Aufgaben – war ich weder ausgebildet noch vorbereitet. Die Modekarriere, die Filme, in denen ich mitgespielt habe, der Bestseller-Roman, den ich mit der Hand geschrieben habe. Nichts, was ich je gemacht habe, basierte auf einer Ausbildung. In dem Format war ich derjenige, der für die Abweichung von der Norm zuständig war, der immer wieder sagte: »Hört auf, den Teebeutel wieder aufzugießen!« Für das Team war es am Anfang verstörend, wie ich an die Sache heranging. Nichtsdestoweniger war es für mich eine Flucht nach vorne. Zwei Mal habe ich diese Anfrage abgesagt, aber plötzlich hat es mich geritten, den Schritt zu wagen. Ich wollte mal wieder in eine andere Welt, ich hatte eine Zeit der Traurigkeit hinter mir. Seit dem Tod meiner Mutter hatte sich mein Leben verändert. Ich hatte das Gefühl, dass ich jetzt erwachsen werden müsste, wollte es aber nicht. Wissen Sie, ich fühlte mich mein Leben lang heimatlos, obwohl ich den Heimatbegriff aus Provokation benutze. Heimat war damals ein No-Word, das klang gleich nach »Anspruch auf die verlorenen Ostgebiete!« Als meine Mutter starb, begriff ich, dass Heimat nur ein emotionaler Ort ist und kein geografischer. Dieses Gefühl, nie anzukommen und immer fremd zu sein, ist geblieben. Ich wollte raus aus dieser Krise, und ein radikaler Wechsel kam mir gelegen. Ich wollte mich stellen, nicht der Empfindlichkeit, sondern dem Hardcore-System – der Konfrontation mit Millionen von Zuschauern, die ich zwar nicht sah, aber empfand. Es hat also auch einen therapeutischen Ansatz. Ich zeige mich so, wie ich bin, denn ich habe keine Rolle für mich. Ich hätte das nicht tun müssen, aber wenn ich es tue, dann zu meinen Bedingungen. Ich bin ja kein Zirkuspferd. Sehr oft war ich erschüttert von der geballten Emotionalität dieser jungen Menschen, die auf einmal glaubten, dass, wenn sie hier nicht siegen, ihr Leben zu Ende sei. Das ist ein sehr bebendes, rohes, empfindsames Material. Aber ich bin dankbar zurückgekehrt, ich fühlte mich verändert und vielleicht auch ein wenig geläutert nach diesem selbstauferlegten Exorzismus. Außerdem bin ich mit Respekt vor der Lebensleistung dieser Frau Heidi Klum zurückgekehrt.

Warum ist Heidi Klum so erfolgreich und doch in ihrer Heimat relativ unbeliebt?
Wir Deutschen sind misstrauisch, wenn es um Erfolg geht, irgendwie kommt da so eine komische Moral in uns hoch. Ich habe mit vielen Leuten über sie gesprochen und immer wieder mit Staunen entdeckt, dass sie hier in Deutschland weniger Fans hat als in den USA. Auf dieses Mädchen aus Deutschland hatte in Amerika wirklich niemand gewartet, aber dort ist sie ein Phänomen! Größer als Nadja Auermann, größer als Claudia Schiffer! In den meisten Fällen ist ein Model einfach nur ein Model. Ein Model sollte nicht zu viel denken und auch nicht viel sprechen. Die einzige, die das immer beherrscht hat, war Kate Moss, die hat nie den Mund aufgemacht. Bei Heidi Klum aber sind diese Gesetze außer Kraft gesetzt: Sie hat den siebten Sinn.

Warum nannten Sie Ihr Label Wunderkind? Sehen Sie sich selbst als eines?
Der Begriff Wunderkind ist ein sehr futuristischer Begriff, aber es ist kein Pseudonym für mich. Ich wollte den Namen Joop nicht mit dem Label in Verbindung bringen, der laute Name mit Ausrufezeichen würde die sensible Arbeit bei Wunderkind überschatten. Wunderkind ist Zeitgeist. In einer New Yorker Zeitung las ich she’s a wunderkind actress. Deutsche Worte waren ja Anfang der Neunziger sehr edgy in der englischen Sprache. Uber, Wanderlust, Blitzkrieg. Wunderkind ist ein sehr zwiespältiger Begriff, das ist nicht nur ein schönes Wort. Ich habe den Begriff von Unternehmensberatern testen lassen, die sagten mir: »Lieber nicht, das ist ein Kind mit Brille. Das ist ein Kind, das kann gut Klavier spielen, aber kein Fußball. Das ist ein Außenseiter.« Typisch Deutsch, hieß es damals noch: »Wer will denn schon Außenseiter sein?« Und ich sagte: »Jeder sollte Außenseitersein probieren, jeder!« Ich habe auch gemerkt, dass alle, die ich kenne, einseitig begabt sind, sie polarisieren, sind queer, sind Wunderkinder. Mich interessiert zurzeit die queere Popmusik sehr. Madonna, Cher, David Bowie, Prince hatten sehr früh schon ein Transgender-Element, wirkten sexuell sehr ambivalent. Auf einmal kamen dann die Rapper und machten genau das Gegenteil. Sexistisch, frauenfeindlich, schwulenfeindlich, widerwärtig, cheap. Jetzt endlich gibt es auf einmal Rapper, die queer sind. Daran interessiert mich folgende Frage: Wo ist der Ansatz, zu widersprechen? Auch der Widerspruch ist Wunderkind.

Haben Sie noch Appetit auf Revolution?
Nun, jedenfalls hinterfrage ich vieles. Ich gehöre zu der Generationen derer, die alles in Frage stellten und nichts wie die Eltern machen wollten. Ich bin sehr erstaunt, dass es heute diesen Unterschied gar nicht mehr gibt. Da sieht die Mutter aus wie die Tochter und umgekehrt. Es gibt zu viel Nähe zwischen den Generationen, aber gleichzeitig auch diese Fremdheit. Die 25-Jährigen kennen keine Brigitte Bardot! Obwohl Kate Moss, Claudia Schiffer und Pamela Anderson immer noch deren Look tragen. Ich bin auch nicht in der Zeit des Stummfilms geboren, aber ich kenne trotzdem Charlie Chaplin. Wenn ich mir als kleiner Junge für eine Ostmark Taschengeld eine Bockwurst kaufen wollte, war der Imbiss gerade geschlossen. Das glaubt mir heute keiner: »Was, keene Asia-Pfanne am Bahnhof, keene Pizzeria?« Weiß eigentlich jemand noch, dass man früher im Osten, wenn man Spaghetti Bolognese kochen wollte, vier Wochen Vorbereitungszeit brauchte? Du konntest dich nicht so bedienen, wie man das heute tut, an diesem riesigen Buffet. Da gucken die mich an, als ob ich lüge. Oder als wäre ich 200 Jahre alt!

Der Überfluss macht auch vor der Mode nicht halt.
Schrecklich! Die Bekleidung wird uns ja heutzutage auf die Haut geworfen, wir sind wehrlos! Diese vertikalen Discounter von Zara, Primark, H&M zaubern die Klamotten unerwünschterweise auf die Körper aller Unwissenden. So ähnlich geht es mir, wenn ich über den Bahnhof laufe und so viele Pizzerien und Asia-Pfannen mir den Appetit verderben. Die Leute fragen mich, warum ich so schlank bin – ich bin appetitlos geworden, durch das Überangebot von Fressen!

Einer der Skandale um die Primark-Debatte ist doch eigentlich, dass alle so tun, als hätten sie es nicht gewusst, oder?
Ja, warum tun plötzlich alle so empört? Eine Doppelmoral! Die Höhe war doch, dass man bei Primark behauptete, die eingenähten Hilfeschreie seien eine Kunstaktion gewesen! Fantastisch, das ist wirklich die beste Ausrede, die ich jemals gehört habe! Wenn man als Gast auf einer Party ein Brandloch in den Teppich macht, steckt man am besten das Haus in Brand, damit es keiner merkt. Das hat Loriot gesagt.

Der Verkauf von JOOP! machte Sie zu einem reichen Mann. Aber haben Sie damit nicht auch einen Teil Ihrer selbst verkauft?
Nein, das war für mich nicht schmerzlich. Ich bin nicht Joop mit Ausrufezeichen. Ich bin Wolfgang Joop.

Dieses Interview stammt aus SPEX N°355, die weiterhin versandkostenfrei im SPEX-Shop erhältlich ist.

1 KOMMENTAR

  1. „habe den Begriff von Unternehmensberatern testen lassen“ Das erinnert mich an die Romanfigur Moritz Gamehill in „Schwanzrasur“ von Soulman.

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