Wo die Zeit beschlossen hat stehenzubleiben – Von Spar in den Hansa-Studios

Fotos: Marlen Mueller

Nach ihrer Blütezeit hatten es auch die legendären Tonstudios im Zuge der Digitalisierung schwer. Nun ist eine allmähliche Revitalisierung beobachtbar. Ein klares Zeichen: 9000 Musiker bewarben sich im Rahmen der Converse Rubber Tracks um einen Aufnahmetag in einem der zwölf bekanntesten Studios der Welt. Auch die Kölner Band Von Spar – mit Erfolg. Ein Vorortbesuch in den Berliner Hansa-Studios.

Noch vor zwanzig Jahren stand das Aufnahmestudio als steingewordene Ikone aller Musiker unerschütterlich auf dem Sockel. Ein Neumann-U87-Mikrofon oder eine Deckenhöhe von genau 3,33 Metern, vielleicht sogar die Straße, an der das Studio stand, diktierten maßgeblich das Ergebnis, manchmal sogar den Erfolg einer Produktion.

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»Im London der Siebzigerjahre konntest du in Sekundenschelle erraten, welche Band hier wo aufgenommen hat – und das selbst ohne geübtes Ohr«, hörte ich kürzlich in einer Dokumentation über die britischen Trident Studios. Andererseits waren diese Studios exklusives Terrain, über den Zutritt entschieden die finanziellen Mittel der Musiker beziehungsweise Labels. Das wurde erst Ende des letzten Jahrhunderts durch die Demokratisierung im Zuge der Digitalisierung  aufgebrochen.

Als Folge begann das allmähliche Absterben der Studios, selbst die Abbey Road Studios in London, eigentlich unvorstellbar, standen kurz vor dem Bankrott. Die ökonomische Revitalisierung dieser Orte, die heute wieder beobachtet werden kann, lässt sich als Signum für eine erneut veränderte Musiker-Studio-Beziehung lesen.

Eventuell liefert sie einen Hinweis dafür, warum dem Aufruf von Converse Rubber Trackseinem Programm, das ambitionierte Musiker in ihrer Arbeit unterstützt, »You play in one of 12 iconic studios – we pay!« weltweit knapp 9000 Musiker gefolgt sind. Schlussendlich wurden 84 Bands auserkoren, in einem der legendären Studios aufzunehmen – darunter die Kölner Von Spar. Sie verbrachte einen Tag in den Berliner Hansa-Studios.

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Unweit der seelenbefreiten Patchwork-Tristesse um den Potsdamer Platz herum bäumt sich in einer Seitenstraße der neoklassizistische, pompöse Bau auf. Leicht kann man an ihm dennoch vorbeilaufen, und das nicht nur, weil der strömende Regen an diesem Tag den Blick gen Boden zwingt. Das einstmals im Brachland freistehende Gebäude wird heute dicht eingekerkert, und ich suche vergeblich nach Relikten aus der Vergangenheit.

Vor 38 Jahren noch schlendert über eben jenen Gehsteig langen Fußes ein junger, Muße und Entzug suchender David Bowie, der unter seiner flatcap schelmisch einem Grenzpolizisten zuzwinkert, ehe er die Hansa-Tonstudios betritt und mit seiner Berlin-Trilogie die Welt verändert. Ob Bowie tatsächlich gezwinkert hat, lässt sich natürlich nicht mehr rekonstruieren.

Später aber werde ich erfahren, dass es tatsächlich einen Grenzwächter in der Nähe gab, dessen beneidenswerte Aufgabe einzig darin lag, die »antiautoritären« Aktivitäten in den Hansa-Studios akribisch zu dokumentieren, auch wenn sie im Westen geschahen. Die Aufzeichnungen liegen heute tief in den Stasi-Archiven vergraben – vielleicht möchte sich jemand mal auf die Suche begeben. »Hier wurden in den Siebzigern natürlich viele Platten unserer Jugend aufgenommen«, erklärt Sebastian Blume, der Mann an den Tasten bei Von Spar, »David Bowie und Brian Eno haben ja auch gezielt diese Stadt aufgesucht, weil sie sie als Metapher empfunden haben, die sie in ihre Musik übersetzt haben.«

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Als Metapher funktioniert dieser Ort nicht mehr. Die Bowies, Iggys und Bonos haben sich hier auch lange Zeit nicht mehr blicken lassen – aber ich stoße die Drehtür dennoch nicht ganz ohne Ehrfurcht um die Angel.

Nicht ganz ohne Ehrfurcht betraten auch Von Spar die heiligen Hallen, wie sie mir erzählen, aber man betrachte diesen Ort eher nüchtern: »Bei uns in den Dumbo Studios können wir zwar auch eine Menge machen, aber wir haben natürlich keinen Aufnahmeraum, der in sich so gut gebaut ist. Außerdem wird durch die Konstellation unseres Raumes ein bestimmter Sound forciert, von dem wir uns lösen wollten«, fasst Gitarrist Phillip Tielsch die Motivation hinter der Bewerbung zusammen. Und Sebastian Blume fügt hinzu: »Kaum ein Label gibt außerdem heutzutage noch Produktionsvorschüsse.« Der finanzielle Druck sitze also tief im Kragen, und das trotz eigenem Studio.

Nicht nur dieser Knoten löst sich einen Tag lang, sogar zwei Engineers wurden der Band zur Seite gestellt, und als Bonbon alle Rechte an den Stücken der Band überlassen, sodass sie sich uneingeschränkt auf das Wesentliche konzentrieren können: in diesem Fall das Schlagzeug. Denn der Raum hierfür ist der ganze Stolz des Studios – mit Marmor ausgekleidet, intelligent verwinkelt, kreiert er einen extrem hellen und kräftig räumlichen Schlagzeugsound, der lange Zeit unbeliebt, aber nun wieder en vogue sei, wie ich vom hauseigenen Soundtechniker erfahre.

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Ich treffe die Musiker am Ende ihres langen Aufnahmetags, der um acht Uhr morgens begann, im Control Room des Studio 1. Dort begutachten sie mit müden, etwas zerknautschten Gesichtern (»waren gestern wohl doch ein, zwei Grappa zu viel«), aber doch wieder biertrinkend, zusammen mit zwei Toningenieuren die Früchte ihrer Arbeit. Eine urgemütliche Atmosphäre breitet sich im holzgetäfelten Halbdunkel aus, zwischen für mich enigmatischen Aufnahmekisten, Verstärkern, Kabeln, Plastik-Drachenbäumen und originalen Ledercouchen.

Ich denke kurz: »Ich sitze auf dem verstaubten Furz von Iggy Pop«, und freue mich. Vor uns breitet sich ein riesiges Reglermeer aus, das aussieht, als hätte jemand ein altes Filmset von Doctor Who auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt. Und die Zeit hat einfach beschlossen stehenzubleiben. Nicht nur metaphorisch: die edle Siebzigerjahre-Uhr über dem Eingang besteht auf 20 nach fünf; es ist kurz vor sieben. Einzelne Bass- und Drumtakes werden über die P.A.s ausgespuckt, kaum einer redet. Ich wage nicht mal, mit dem Fuß zu wippen, so konzentriert sind hier alle am Werk – denn draußen läuft die Zeit ja unerbittlich weiter.

Von Spars leicht unterkühlter Pragmatismus überrascht wenig: Sound und Raum empfinden sie als elementaren Teil des Musikmachens, wie sie in einem älteren Interview erklären, und weiter, dass man die gleiche musikalische Idee durch eine drastische Soundveränderung völlig anders klingen lassen kann.

Auch wenn es aufschlussreich wäre zu hören, wie ihr letztes Album Streetlife à la Hansa klingen würde, sind die musikalischen Ideen, die heute hier umgesetzt werden, alle neu aus dem Boden gestampft und, zugegeben, noch enorm skizzenhaft. Die Richtung, in die es gehen soll, gestehen sie ein, kennten die Vier selbst noch nicht. Erst im Oktober werde man mit den richtigen Aufnahmen beginnen. »Hier entstehen heute erstmal nur Versatzstücke.« Die einzige Gewissheit, die mir Blume mitgibt: »Wir haben aber jetzt nicht versucht, irgendwelche Reminiszenzen an Platten, die hier entstanden sind, einzubauen.« Fast ein bisschen schade, denn wenn es eine Band geben würde, bei der man sich das ohne Umschweife vorstellen könnte, wären es die Pophistoriker und -kuratoren Von Spar.

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Der Pressetext kündigt sie als »emerging act« an, was der Band nur ein mattes Lächeln entlocken kann. »Unter einem Facebook-Post auf unserer Seite stand mal als Kommentar: Ach, Von Spar – die sind ja schon so lang im Kommen wie der Wedding«.

Wenn nicht sogar noch länger: 2003 gründeten sich Von Spar in Köln zunächst als Quintett, das Debüt mit dem wohlklingenden Titel Die uneingeschränkte Freiheit der privaten Initiative erschien 2004 auf L’Age d’Or, ehe Sänger Thomas Mahmoud 2007 beschloss, die Band zu verlassen. Der anfängliche Post-Punk-Einschlag wich zunehmend ausschweifenden Krautrock-Experimenten, die in einem Live-Cover von CANs Ege Bamyasi zusammen mit Pavement-Sänger Stephen Malkmus 2013 gipfelten. Danach folgte eine nicht untätige, aber längere Pause, die mit dem sanft groovenden Disco-Wopper Streetlife ein Ende nahm.

Ich höre noch mal genau in die aufgenommenen Spuren hinein, hoffe, dass sich zumindest ein Schema der nächsten Schritte Von Spars erahnen lässt – doch bis auf satten Funk im Bass und der Über-tightness der Drums höre ich, genau, nichts. Zum Schluss gestehen die Musiker ein, dass sie den schlimmsten Fall nicht mal ausschließen. Ob die heute aufgenommenen Tracks wirklich Verwendung finden, könnten sie nicht sagen. Gelohnt habe es sich trotzdem. Scherzhaft werden Pläne geschmiedet, die Einzelteile des Studios nach Köln zu schmuggeln.

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Man muss kein Soundnerd sein, um zu verstehen, was den unermüdlichen Reiz eines solchen Studios ausmacht. Und es macht keinen Unterschied, ob die Hörgewohnheiten sich verändern und auf 160 kB/S sowieso alles gleich klingen will. Wenn man das Studio als Instrument versteht, kann sich immer noch das Wesen einer ganzen Platte verändern, damals wie heute.

Das Studio als ikonischer Ort ist vielleicht vom Aussterben bedroht, aber üppig ausgestattete Studios an sich erleben zur Zeit eine kleine Renaissance. Mit diesem Gedanken verlasse ich das Gebäude. Die Sonne scheint. Wenn schon nicht David Bowie, dann zwinkert zumindest die mir zu.

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