Wissen von der Gegenwart

Düsterkeit, Exotik, selbst ist die Frau: Natasha Khan wagt sich als Bat For Lashes mit betörender Stimme an die großen Themen Sex um Mitternacht, Verlorenheit und Verzweiflung.

BatForLashes

Sie trägt ein Pfauenkostüm. Sie trägt einen Tigerpelz und Indianerketten. Sie trägt ein Hirschgeweih. Gelegentlich auch Omablusen. Egal was sie trägt: Natasha Khan, die Frau hinter Bat For Lashes, weiß, wie sie sich zu produzieren hat: außergewöhnlich. Khan, 28, in Pakistan geboren, lebt schon lange in Brighton, sie hat eine Film- und Musikschule besucht und ihr Debütalbum »Fur And Gold« quasi im Alleingang aufgenommen und vertrieben. Mit ihrem Label She Bear landete sie alsbald bei der großen EMI, die dann trotzdem nicht allzu viel auf sie zu geben schien. Die Veröffentlichung des Albums jedenfalls geschah in England eher unbemerkt, in Deutschland gab es das Werk erst gar nicht, dann nur als digitale Veröffentlichung.

    Das alles änderte sich, als Khan im Juli für einen Mercury-Preis nominiert wurde. Plötzlich war sie das neue, heiße Ding. Gewinnen musste sie gar nicht mehr: Zum Video »What’s A Girl To Do« wurde Regisseur Dougal Wilson (Jarvis Cocker, Basement Jaxx) bestellt, Gazetten, Weblogs und Musikportale beeilten sich, Björk– oder Kate-Bush-Vergleiche anzustellen – der Schrägheit wegen. Tolle Stimme, außerordentliche Popsongs, mutig dargeboten, strukturell abseits vom Mainstream. Gewieftere Kritiker warfen Róisín Murphy und Siouxsie Sioux ein. Von beiden hat sie tatsächlich einiges. Die Extravaganz und die Dunkelheit zum Beispiel. Als persönliche Inspiration gibt Khan übrigens »Donnie Darko«, »E.T.« und die Filme von David Lynch an.

    »Creatures of mercy! / Shoot them down and set me free«, singt sie in »Trophy«, einem der sehr guten Stücke ihres Albums. Ansonsten geht es auf »Fur And Gold« hauptsächlich um Liebe, Zweisamkeit, Tragödien des Herzens. Nichts Besonderes also, nur dass Khan eine düstere Instrumentierung wählt und Exotik mit Erotik vermischt. Was natürlich auch ein Update von Laura Branigans »Self Control« hätte werden können. Aber dazu weiß ihre Musik zu viel von der Gegenwart, von der Modernität entstaubter Cembalo- und Celloklänge, wie besonders das Eröffnungsstück »Horse And I« beweist.

    Das Gleiche gilt für ihre Webseite: ein Flickwerk von dunklem Glanz, Weltallkunst, Bergmystik, all das – und noch viel mehr. Bat For Lashes präsentieren sich dort als Band: Neben Khan stellen sich Ginger Lee, Abi Fry und Lizzy Carey in Position. Vier Frauen, die die Bangles schlottern lassen. Klassischer Rock bleibt auf »Fur And Gold« allerdings außen vor – vielmehr feiert das Klavier, wie zuletzt schon bei der ähnlich, aber entschiedener agierenden Kanadierin Emily Haines, ein sonores Comeback. Und hat nicht vor kurzem auch PJ Harvey kammermusikalisch …? Das Klavier scheint überhaupt heutzutage immer da zu sein, wo es um erwachsene, aufrichtige Gefühle geht – um Magie, Verlorenheit, Verzweiflung, Würde.

    Wie sagen Bat For Lashes, einsehbar auf ihrer MySpace-Seite, selbst: dass sie klingen wie Träume am Meer, Pinien, UFOs, Kinderchöre, gebrochene Herzen und Sex zur Mitternachtsstunde. All das zusammen. Nur die Pinien, diese kargen, dünnen Bäume aus dem mediterranen Raum, fügen sich nicht so ganz ins Bild. Für sie ist die Musik der Bat For Lashes eindeutig zu düster. In einer Fledermaushöhle legt man sich ja auch nicht unbedingt in die Hängematte.


»Fur And Gold« von
Bat For Lashes ist soeben erschienen (She Bear / EMI).

 

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