»Wir wollen, dass es alle wissen« – The Spook School im Gespräch

Foto: Michael Wood

Zuversicht – und Spaß dabei. Die schottische Band The Spook School spielt auf ihrem zweiten Album Try To Be Hopeful selbstbewusst gegen den Normierungswahn an. Wir trafen das Quartett zum Gespräch.

Wie so oft – Ausgangspunkt für ihre Lyrics sind die persönlichen Erfahrungen der vier Bandmitglieder Anna Cory (Bass und Gesang), Adam & Nye Todd (beide Gitarre und Gesang) sowie Niall McCamley (Schlagzeug), die allesamt in der queeren Szene Edinburghs verwurzelt sind. Nye Todd hat während der Albumaufnahmen eine Geschlechtsumwandlung vollzogen und sich anfänglich davor gescheut, das Thema offen zu verhandeln, weil ihm das Selbstvertrauen fehlte. »Als ich mehr und mehr mit der Band gespielt und Songs geschrieben habe, und die Texte immer deutlicher wurden, wollte ich, dass es alle wissen. Ich habe gehofft, dass mich Leute fragen: Oh, worum geht’s in dem Song?«, erzählt er.

Einen Tag vor unserem Interview haben The Spook School mit den Punkbands Slum Of Legs und Daskinsey4 in Brighton gespielt. Nye Todd erklärt: »Beide Bands haben Trans-Mitglieder und es hat sich gut und richtig angefühlt, am Transgender Day of Remembrance (Gedenktag für die Opfer von Transphobie) gemeinsam zu spielen.« Auch im Hinblick auf die literarischen Wegweiser sind sich alle einig: das transfeministische Manifest Whipping Girl von Julia Serano ist für sie ein book of empowerment.

Allein die Grenzen des Geschlechts und deren Auflösung als Kernthema zu begreifen, wäre aber zu kurz gedacht. Auf Try To Be Hopeful werden Schwierigkeiten, die viele LGBTIQ-Menschen erfahren, und theoretische Überlegungen über Geschlecht, Privilegien und Sexualität gleichermaßen thematisiert. Besonders im Vergleich zu dem 2013 erschienenen Album Dress Up, das die politischen Inhalte noch subtiler transportierte, wirkt das aktuelle Album wesentlich selbstbewusster.

Songs wie »Burn Masculinity« bringen in einem Satz auf den Punkt, was es bedeutet, männliche Privilegien zu haben: »And I’ve got to accept that I’ve inherited a history / of persecution and abuse / And I’ve got to accept that I’m inheriting a privilege / that I should be aware of.« Ebenso prägnant legen The Spook School dar, wie Bigotterie in der Praxis aussieht: »It made you think that you could go on insulting her / and then apologize when her boyfriend walks in«, um dann schlussfolgernd nachzulegen: »So I should burn burn burn burn masculinity / what good has it ever done?«

Betrachtet man nur die Songtexte, liest sich das wie eine wütende Anklageschrift mit gleichzeitiger Einführung in die Gender Studies. Nye Todd aber lacht, als er das hört: »Als ich für mich herausgefunden habe, dass ich Trans bin, habe ich alle Informationen, die ich im Netz finden konnte, regelrecht aufgesogen. Sehr lange Zeit habe ich mich gefühlt, als müsste ich alles wissen.« Auf dem Album werden Geschlechterrollen und Transsexualität in »Binary« und »Books And Hooks And Movement« thematisiert, heterosexistische Erziehungspraktiken von Lehrern in »Richard And Judy«, Homosexualität, Bisexualität und das Verknalltsein, das alle eint, in »Speak When You’re Spoken to« und »Only Lovers«, Polyamorie in »August 17th« sowie das Konzept der medial vermittelten romantischen Zweierbeziehung (RZB) in »Everybody Needs to Be in Love«.

Abseits von Geschlecht und Liebe singt Anna in »Friday Night« über ein anderes Tabuthema – Sozialphobie. »Ich war mit einem Freund bei einem Konzert und er sagte, dass er gehen möchte, weil der Raum zu voll sei und er sich beklemmt und unwohl fühle. Das war neu für mich. Ich persönlich finde es hart, offen über solche Gefühlszustände zu sprechen und würde eher sagen, dass es mir nicht so gut geht oder dass ich müde bin«, gesteht Anna Cory.

All die harten, pointierten Texte gegen das Unbehagen gegenüber dem normativ überformten Gesellschaftsgefüge werden in High-School-Punk-Geschrammel verpackt. Oft wird die Band in Zusammenhang mit den Buzzcocks genannt, doch die Einflüsse sind nicht nur im Old-School-Punk zu suchen. Auch amerikanische Spaß- und Poppunkbands wie Blink182 und Greenday sind herauszuhören.

The Spook School bringen mit wenigen Akkorden, up tempo gesungenen Songs, catchy Refrains und ihren imperfekten Stimmen eine mit 35 Minuten viel zu kurze Pop-Punk-Platte heraus, die Spaß macht. Adam Todd betont: »Wir möchten rüberbringen, dass es uns ein gutes Gefühl gibt, über Gender Bender und all diese Sachen zu singen. Musik und Texte gehören bei uns zwangsläufig zusammen.« Im Scherz und mit gespielter Professorenhaltung ergänzt er, dass die Konzerte eine humoristische Vorlesung seien. »Man lernt etwas, aber man hat auch Spaß dabei… vielleicht.« Wenn dann alle gleichzeitig im Chor einsetzen und inbrünstig schreien: »And we don’t need you / to know that we exist / We’ll keep on going« und die Platte mit »I’ll try, try to be hopeful / if you try, try to be hopeful« endet, ertappt man sich selbst in beschwipster Zuversicht.

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