»Wir waren das Hasssymbol des gestohlenen Metal« – Liturgy im Blitzinterview

Foto: Erez Avissar

Wer im Vakuum agiert, hat es nicht leicht. Liturgy bewegen sich in den Zwischenräumen eines ohnehin schon Nischen-Genres, dessen innerer Kern einen Fetisch für klar definierte Grenzen pflegt: die kleinteilige Einordnung von Metal in seine Sub- und Subsubgenres gehörte lange zu den Grundritualen eines jeden Kuttenträgers. Heute scheinen diese Grenzen aufgeweicht und Liturgy sind nicht ganz unschuldig daran — immer wieder (über)dehnen sie das Genre nach Kräften. Für die einen sind sie damit Heilsbringer, entspannen eine verkrampfte Szene, für die anderen Verräter eines wohl behüteten Geheimnisses. SPEX.de sprach im Rahmen ihrer Deutschland-Tour mit Sänger Hunter Hunt-Hendrix.

Hunter, du hast an anderer Stelle gesagt, das neue Album The Ark Work verkörpere endlich den Sound, der dir schon immer im Kopf herum schwirrte. Wie klingt das?
Die Musik von Liturgy sollte immer ein kosmisches Gefühl vermitteln, noch weit über die Kategorien Freude und Traurigkeit hinaus. In diesem Kosmos versuchen wir dann zu einer Form zu finden, die genauso einzigartig wie einheitlich und stimmig ist. Um das zu erreichen, verquicken wir Stile, die vorher noch nie in Berührung gekommen sind. Das ist uns diesmal vollends gelungen.

Das tragende Element bleibt in diesem Kosmos Metal.
Ich fühle mich Metal nicht unbedingt verpflichtet. Als Liturgy entstand, lebte ich sogar in einer Welt, die überhaupt nichts mit Metal zu tun hatte. Sondern eher mit Art Rock, experimenteller Musik. Und trotzdem entschied ich mich, genau hier eine Black-Metal-Band zu gründen. Es musste einfach Black Metal sein, weil es mir dieses Genre erlaubte, meine Gefühle besonders vielfältig auszudrücken, immer unter Einbezug der gesamten Genregeschichte.

The Ark Work scheint musikalische Ideen aus den verschiedensten Ecken aufzugreifen, entspricht aber trotzdem den ästhetischen Prinzipien ganz traditionellen Black Metals.
Traditioneller Black Metal ist Alltag bei uns: das geht am Schlagzeug los, mit einem Blastbeat, dazu kommt ein besonderes Tremolo-Picking, das ich den »burst beat« getauft habe. Das ist unser schwarzmetallisches Grundgerüst und lässt sich dann beliebig variieren. Es bleibt genauso lange Black Metal, wie diese traditionellen Prinzipien der Songstruktur anhaften wie Fleisch an den Knochen.

Vor nicht allzu langer Zeit, als Black Metal noch eine hermetische Subkultur war, galten solche Variationen als verboten.
Das ging wirklich lange so, eigentlich bis 2010, als Musikjournalisten erstmals begannen ihre Blicke auf Crossover-Black-Metal-Bands zu richten. Das war auch die Zeit, als Liturgy groß wurde — und gleich mal in ein unfassbares Kreuzfeuer hinein geriet. Nicht jeder war mit den neuen Wegen, die das Genre einschlug, einverstanden. Uns brachten diese Konflikte mehr Aufmerksamkeit ein, als wir zu diesem Zeitpunkt verdient hätten. Die einschlägigen amerikanischen Musikmagazine feierten uns, während wir für andere das Hasssymbol des gestohlenen Metal waren. Als hätten wir Metal entführt, aus seiner wohl behütenden Community. Diese besonderen Umstände gilt es zu beachten, wenn man über die Entstehung der Band spricht.

Heute ist das alles vorbei.
Metal ist kein verbotenes Territorium mehr — was mich nur dazu anhält, die nächsten neuen Grenzen auszuloten und Wege zu finden, Metal mit noch weiteren Genres zu verkuppeln. Zum Beispiel mit klassischer Musik oder Rap. Zu diesen Themen gibt es noch keine sonderlich große Öffentlichkeit. Ich habe aber die Vermutung, dass die Ergebnisse noch gewaltiger werden könnten, als die der großen Crossover-Zeiten und der Grenzgänge gegen Ende der Nullerjahre.

Musik, die immer wieder Grenzen strapaziert, kann mitunter eine anstrengende Wirkung haben — ein gewünschter Effekt?
Absolut nicht. Ich wurde zu diesem Thema schon mal falsch zitiert und in der Folge wurde immer wieder behauptet, wir wollten beim Hörer ein unangenehmes Gefühl erzeugen. Das nervt. Denn unsere Musik soll vor allem sein: schön, inspirierend, kathartisch und neuartig. Es überrascht mich aber nicht, dass sie auf einige Leute unbehaglich wirkt, es ist nun mal sehr innovative Musik. Und gegen diesen Effekt habe ich auch nichts. Aber es ist nicht das erklärte Ziel, unangenehme Stimmungen hervorzurufen — was ich wiederum keine grundsätzlich schlechte Idee finde, denn es gibt einige großartige Bands, die genau das tun. Liturgy ist keine von ihnen.

Liturgy live
30.05. Hamburg – Kampnagel
31.05. Leipzig – UT Connewitz
01.06. Wien – Arena
02.06. München – Feierwerk
03.06. Köln – Studio 672
04.06. Zürich – Bogen F
05.06. Schorndorf – Manufaktur

Eine ausführliche Besprechung des aktuellen Liturgy-Albums The Ark Work ist online und in der Printausgabe SPEX N° 360 erschienen, die versandkostenfrei im Onlineshop bestellt werden kann.

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