»Wir stellten die Frage neu: Wer sind wir?« – Wahlverwandtschaften Jimmy Somerville vs. Justus Köhncke / SPEX präsentiert Somerville live

Fotos: Christian Werner

Als der eine seinen ersten großen Hit landete, hatte der andere sein Coming-out. Jimmy Somerville krempelte mit seinem Trio Bronski Beat und dem Song »Smalltown Boy« im Jahr 1984 sämtliche Vorstellungen davon um, wie schwule Ikonen auszusehen haben – und lieferte damit auch für Justus Köhncke ein bis heute gültiges Modell queerer Identität. 31 Jahre später veröffentlicht der schottische Popsänger nun eine eben so betitelte Homage an Disco und traf aus diesem Anlass den deutschen House-Produzenten zum Gespräch über sexy Skinheads, die Tiefe von Mallorca-Schlager und das Alphabet nach Amanda Lear. Zudem präsentiert SPEX Jimmy Somerville im Februar auf Tour. 

Herr Somerville, wie lebt es sich dieser Tage als homosexueller Kommunist im Vereinigten Königreich?
Jimmy Somerville: Oh, ich habe keine Ahnung. Ich würde annehmen, wenn man homosexuell und Kommunist ist und Leidenschaft und Überzeugung hat, macht man einfach weiter mit dem, was man macht. Aber falls Sie in Bezug auf mich fragen sollten: Ich bin keiner. (lacht)

Ich frage, weil Sie in den Achtzigerjahren wegen des politischen Gehalts Ihrer Musik nicht nur als linksorientiert, sondern in diffamierender Absicht auch als Kommunist bezeichnet wurden.
JS: Als meine Karriere begann, war ich nie einfach nur Popstar, sondern ein gay pop star. Politische Überzeugungen bringen das mit sich: Man wird in eine bestimmte Schublade gesteckt. Das macht es für die Leute leichter, eine vorgefertigte Idee über eine Person zu übernehmen, anstatt selbst herauszufinden, wer jemand ist. Das machen Menschen einfach so. Dabei sollte es darum gehen, was man fühlt, was man denkt, woran man glaubt. Aber das Leben für mich als schwuler Mann, der sich immer noch sehr für Gleichstellung einsetzt, ist schon in Ordnung. Mein Leben ist gut.

Justus Köhncke: Was du sagst, ist so wahr. Mir war bis heute gar nicht bewusst, dass du ursprünglich aus Glasgow stammst. Ich habe eine starke Verbindung zu Glasgow. Die Stadt war immer gut zu mir, ich habe sehr oft dort gespielt, mehr als in jeder anderen nicht-deutschen Stadt. Ich habe Glasgow von Anfang an geliebt und mag die Stadt lieber als London. Sie ist ein bisschen wie Köln, wo ich 20 Jahre lang gelebt habe.

JS: Ist Köln eine industriegeprägte Gegend?

JK: Eher nicht. Aber wie Glasgow ist es ziemlich dörflich. Ich mag die Szene in Glasgow, weil es keine Rolle spielt, ob man schwul ist oder straight oder was auch immer.

JS: Ich kann mich erinnern, wie ich 1999 – also nicht so lange her – beim Gay Pride in Glasgow aufgetreten bin. Während der Parade standen Leute am Straßenrand, die die Teilnehmer des Umzugs in übler Weise beschimpft haben, es war wirklich abstoßend. Als Besucher nimmt man die Stadt anders wahr. Wenn man aus Glasgow kommt, wirkt dort alles düsterer. Es ist eine harte Stadt voll sektiererischer Anschauungen. Ich habe das alles hinter mir gelassen und lebe schon ewig in London.

Sie beide hatten Ihre ersten Nummer-eins-Hits ausgerechnet in Italien: Bronski Beats »Smalltown Boy« stand dort 1984, anders als im UK, an der Spitze der Charts, 1997 war »From: Disco To: Disco« mehrere Wochen auf der Nummer eins.
JS: Auf welchem Album ist »From: Disco To: Disco« denn erschienen?

JK: Du kennst das Stück? Das war von einem Projekt namens Whirlpool Productions, einem Trio mit mir, Eric D. Clark und Hans Nieswandt. Wir waren eigentlich so ein House-Untergrund-Ding, das Stück wurde zufällig zum Hit und war verdammte fünf Wochen lang die Nummer eins der italienischen Popcharts. Aber ich habe eine Frage zu deinem neuen Album: Die Musik darauf klingt so ursprünglich, von tollen Musikern eingespielt, ohne Programmierung, ohne Computer – ich bin wirklich beeindruckt! Du musst dafür doch ein gewisses Budget gehabt haben. Daft Punk haben etwas Ähnliches gemacht, aber es kommt nicht so von Herzen wie bei dir.

JS: Das Album hat insgesamt ungefähr 7000 Pfund gekostet. Der Großteil davon wurde für die Streicher ausgegeben, die waren teuer.

JK: 7000 Pfund für die ganze Produktion? Wie hast du all die Musiker bezahlt? Das ist so kommunistisch! Die Bläsersektion hat mich besonders beeindruckt. Wer sind diese Leute?

JS: Das sind Freunde. Deswegen war es so großartig, dieses Album einzuspielen. Es war mir plötzlich möglich, mit Freunden zu arbeiten, die ich schon länger kannte. Die Aufnahmen gingen recht schnell über die Bühne, daher konnte das Album so günstig produziert werden.

»Wenn die Dinge generell schlecht laufen, dann werde ich persönlich optimistisch. Ich will mir meine Hoffnung erhalten.« (Jimmy Somerville)

 

Auf dem Cover-Artwork des Albums ist eine Statue von Herkules zu sehen, der eine riesige Spiegelkugel auf dem Rücken trägt, umgeben von einem Leuchtkranz aus Regenbogenfarben.
JS: Meine Motivation für dieses Album war, meinen Optimismus auszudrücken. Wenn die Dinge generell schlecht laufen, dann werde ich persönlich optimistisch. Ich will mir meine Hoffnung erhalten. Wir leben in sehr ungewissen Zeiten, ökonomisch, politisch, alles ist von Angst geprägt. Und dieses Artwork ist für mich der Ausdruck eines Auswegs, eine kleine Flucht. Die brauchen wir manchmal. Da trägt jemand nicht das Gewicht der ganzen Welt auf seinen Schultern, sondern ein bisschen Freiheit. Eine Spiegelkugel steht natürlich immer für Disco, und das Album drückt auch eine Liebe zum Genre aus. Disco wird zu oft schlechtgeredet und als bedeutungslos bezeichnet, dabei steckt Disco historisch und musikalisch so voller Qualitäten. Das wird durch diese riesige Spiegelkugel repräsentiert.

JK: Die Idee ist brillant. Die Discokugel ist als Symbol ja unglaublich abgelutscht. Als wir in den Neunzigern mit Whirlpool aufgetreten sind, trugen wir Spiegelkugelhelme und solchen Scheiß. Aber ich bin von der Entschlossenheit, mit der dein Album retro und handgemacht ist, total beeindruckt. Disco war nie weg. Das macht mich glücklich. So wie auch House-Musik nicht stirbt, die ist jetzt verdammte 30 Jahre alt. Sie ist wie der Blues: Sie stirbt nicht.

Das Album heißt Homage. Man könnte Ihrer beider Arbeit als Hommage an die gesamte Discokultur verstehen.
JK: Ich kann in der Hinsicht schlecht über mich selbst urteilen, aber immer, wenn ich Musik mache, kehre ich zu klassischem House und zu Disco zurück. Keine Ahnung warum, vielleicht bin ich, ähnlich wie Obelix, als Kind in eine Discokugel gefallen. Aber ich liebe deutsche Texte, deswegen bin ich auch sehr mit Schlager vertraut.

JS: Ich liebe Schlager!

JK: Ich habe gerade eine EP mit Schlagerinterpretationen aufgenommen. Schlager gelten ja als Schrott, aber ich liebe sie nicht für das Trashige, Lustige, campe, sondern für ihre Tiefe.

JS: Und für die Melodien! Viele Schlager haben diese Melodien, die einem einfach im Kopf bleiben, wirklich clever.

JK: Ich liebe Songs, trotzdem kommen die Worte bei mir erst an zweiter Stelle. Anderen geht das vielleicht anders, die wissen bei einem Krimi ja auch nach zehn Sekunden, wer den Typen umgebracht hat. Ich weiß das nie. Wenn ich eine Melodie liebe, liebe ich das ganze Stück und kann es auswendig mitsingen – ohne zu wissen, worum es überhaupt geht. Bei meinen Aufnahmen habe ich daher eine Art Erleuchtung erlebt, als ich »Stimmen im Wind« von Juliane Werding eingesungen habe. Werding erlebte in den Achtzigern eine zweite Erfolgswelle in ihrer Karriere, als sie vor allem unzufriedene Ehefrauen ansprach: wohlhabendes Milieu, der Mann bei der Arbeit, die Frau todunglücklich zu Hause. Genau dafür hat sie Musik gemacht: traurige Songs für einsame Damen.

Auf wen zielen Sie nun mit Ihrer Interpretation des Songs?
JK: Keine Ahnung, ich ziele auf meine Seele. Während ich »Stimmen im Wind« eingesungen habe, verstand ich plötzlich, worum es in dem Song geht. Ich hörte auf zu singen, weil ich heulen musste. Eine Frau steht am Strand, ihr Mann, ein Matrose, ist ertrunken, sie schaut hinaus auf die See und erinnert sich. Ich hatte das bis dahin gar nicht mitbekommen. Verrückt. Das Lied geht wirklich verdammt tief. Ich habe auch eine Version der in Deutschland erfolgreichsten Single des Jahres 2007 aufgenommen. Ein krasser Mallorca-Schlager, er heißt »Ein Stern (… der deinen Namen trägt)« und ist so deep. Ich habe eine verlangsamte elektronische Countryversion davon gemacht.

JS: Mallorca-Schlager – ein toller Begriff! Und lustig, dass du davon sprichst. Ich glaube nämlich ernsthaft, dass Boney M. so unglaublich erfolgreich waren, weil sie Discoschlager machten. Die Melodien sind sehr Schlager, die Produktion auf dem Album Nightflight To Venus ist unglaublich perfekt – vor der großen Zeit des Synthesizers, vor Midi, alles wurde live eingespielt.

JK: Genau. Wie auf deinem Album. Was Frank Farian in Frankfurt für Boney M. machte, war absolut brillant. Silver Convention in München auch, fat as fuck. Die Leute dort kamen alle aus dem Schlager-Business. Dieselben Musiker, die für Silver Convention im Studio waren, spielten auch mit Udo Jürgens Singles ein.

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Auch Giorgio Moroder war vor seiner Karriere als Discoproduzent Schlagerkomponist.
JS: Oh, die frühen Songs von Donna Summer waren purer Schlager. Ihre erste Single »The Hostage« ist umwerfend komisch. Am Ende heißt es einfach: »Oh, he’s dead« – wie bitte? (lacht) Das ist großartig.

JK: Die ganze Spät-Siebziger-Szene in München ist für mich absolut legendär. Ich bin zu jung, um das miterlebt zu haben, aber man muss sich das vorstellen: Die ganze Fassbinder-Crew war in der Stadt, Freddie Mercury, der die ganze Zeit mit Barbara Valentin ausging, zur selben Zeit passierte das Munich-Disco-Ding, und all die Musiker waren im Prinzip Hippies auf der Suche nach einem schnellen Job. Meine Lieblingsgeschichte ist die von Lothar Meid. Er war in der Krautrock-Band Amon Düül, ein ausgezeichneter Bassist und Songwriter, in den Achtzigern war er dann A&R für Warner. Damals hatte er keinen Job, hing in München ab und bekam einen Anruf: »Lothar, wir haben eine Idee, komm mal ins Studio!« Dort wurde dann »Fly, Robin, Fly« aufgenommen. Und Meid hat 80 D-Mark für seine Basslinie bekommen.

JS: Die ist fantastisch. Ich liebe Silver Convention, sie sind großartig. Wie findest du Amanda Lear? Ich habe zum ersten Mal mit 15 einen Song von ihr in einem Club in Glasgow gehört, »Blood & Honey«. Ich dachte nur: Oh. Mein. Gott. Was ist das?

JK: Amanda Lear ist meine größte Ikone – neben Hildegard Knef. Mein allererstes Bandprojekt hatte ich in den späten Achtzigern in Düsseldorf mit einem Freund. Er ist Maler, schwul natürlich, und hatte in seinen Bildern zwei Motive: Eines war er selbst, das andere war Amanda Lear. Wir haben eine Band gegründet, die Blood & Honey hieß. Kein Scherz. Wir spielten ausschließlich Coverversionen von Amanda Lear.

JS: Oh, wow! Ihr Album Sweet Revenge höre ich zu Hause immer noch wirklich laut. Aber einer ihrer besten Songs ist für mich »Intellectually« aus dem Jahr 1979. Die Lyrics sind so smart. Sie singt: »I want a man / Not a machine«, und: »Intellectually you are superior / But internally you are a transistor.« Sie hat all diese Worte verwendet, die damals so modern waren.

JK: Ich mag »Alphabet«: »A stands for anything / And B for bionic and Bach …« Es gibt dieses legendäre Zitat von ihr, eine ziemlich kühne Aussage, aber sie hatte absolut recht damit. Sie sagte, Disco sei für sie nur ein billiges Werkzeug, um ihre Botschaften zu übermitteln.

JS: Was sie ja auch geschafft hat. Nur im UK war sie seltsamerweise nie wirklich groß, niemand kennt sie dort. Wir Briten haben einiges verpasst, weil wir zu selbstbezogen sind, um so etwas wie Schlager wirklich zu lieben. Meine Lieblingszeile von Amanda Lear stammt aus »Follow Me«: »There must be better things to do / Than sitting around sniffing glue.« Das war in den Siebzigern. Und ich kam aus einer Kultur, in der Kinder genau das taten: Sie haben Klebstoff geschnüffelt. Die Idee, so eine Zeile zu schreiben, fand ich einfach unglaublich.

JK: »And Z, dear child / Is for the zero you will get / If you don’t learn my alphabet.« (lacht)

»Als Songwriter bin ich ein Faulpelz. Ich schreibe zwei Stücke pro Jahr.« (Justus Köhncke)

 

Sie haben beide immer wieder Stücke anderer Künstler interpretiert. Was macht es so faszinierend, sich einen fremden Song anzueignen?
JS: Man bringt etwas von sich selbst ein. Wenn ich ein Stück singe, denke ich darüber nach, was es für mich bedeutet, wo ich mich befunden habe, was ich tat. Für mich war die Coverversion von Donna Summers »I Feel Love« besonders wichtig. Ich habe eine Version im Duett mit Marc Almond aufgenommen, in die wir diesen kleinen Cowboysong aus den Fünfzigern eingearbeitet haben, »Johnny Remember Me«. Es ist keine besonders schöne Version, sie ist ziemlich brutal, der Sound ist schmerzhaft. Das war Punk! Ziemlich gewagt und radikal für das Jahr 1984. Zwei schwule Männer singen über einen dritten Mann: »Remember me! No, remember me!« Covers machen Spaß. Daher ist es für mich wie ein Aufbruch, jetzt ein ganzes Album mit ausschließlich selbst geschriebenen Songs aufgenommen zu haben. Ich fühlte mich zuvor nie selbstbewusst genug dafür.

JK: Ich bin süchtig nach Coverversionen. Als Songwriter bin ich ein Faulpelz. Ich schreibe zwei Stücke pro Jahr. Aber das ist mir vollkommen egal, es existieren ja schon so viele gute Songs. Unser allerliebster Popkritikpapst, Diedrich Diederichsen, hat in den Achtzigern etwas über Covers gesagt, an das ich mich bis heute halte: Du machst eine Coverversion entweder, weil du etwas verbessern willst – oder du baust dem Song ein Denkmal.

Haben Sie je versucht, beides zugleich zu machen?
JK: Das wäre noch besser. Ich will die Songs an einen anderen Ort bringen, so wie »Ein Stern (… der deinen Namen trägt)« als Deep Country. Es ist gut, der Musik die Ballermann-Sangria-Action auszutreiben. Du würdest nichts covern, das du nicht liebst, oder?

JS: Nein, würde ich nicht.

JK: Ich kenne Leute, die wirklich clevere Covers auf eine etwas zynische Art machen. Uwe Schmidt alias Atom Heart zum Beispiel, ein sehr guter, sehr schlauer Musiker. Er hat ein Album voller Songs gemacht, die er hasst, »Angie« von den Rolling Stones und so weiter. Aber das ist für mich zu ausgedacht. Ich könnte nichts interpretieren, wenn ich es nicht liebe.

Mit Señor Coconut hat Uwe Schmidt aus diesem Konzept eine ganze Künstleridentität geschaffen.
JK: Ja, aber Kraftwerk hasst er bestimmt nicht. Als Señor Coconut hat er unter anderem Calipsoversionen von Kraftwerk-Songs aufgenommen.

JS: Das ergibt irgendwie Sinn. Ich liebe Kraftwerk natürlich auch wegen des Klangs, aber vor allem wegen der Melodien. Eine meiner liebsten Melodien überhaupt ist die von »Radioactivity«. Die kann mich zum Weinen bringen, nicht auf eine traurige, sondern eine seltsam melancholische Art: Da ist diese Melancholie, die mit diesem bedrohlichen Text zusammenspielt.

JK: Mein Favorit von Kraftwerk ist immer noch »Computerliebe«. Das Lied ist so visionär, so heutig – abgesehen davon, dass darin das Wort »Bildschirmtext« vorkommt. Aber wen kümmert das? Was für eine tolle Melodie! Sogar Coldplay haben sie verwendet. (lacht)

Wie heutig ist Ihrer Meinung nach der Song »Smalltown Boy«?
JS: In »Smalltown Boy« geht es um den Wunsch, sich auf den Weg zu machen, etwas Neues zu finden. Deswegen hat der Song 31 Jahre nach seiner Veröffentlichung immer noch sein eigenes Leben, die Menschen entdecken ihn immer wieder neu für sich. Das macht mich wirklich stolz. Aber über einen langen Zeitraum war »Smalltown Boy« im Grunde nicht mehr mein Song. Ich habe ihn vor so langer Zeit geschrieben, ich bin ein anderer. Aber der Song hat immer noch diese Kraft und spricht Leute an, die sich auf eine Reise begeben, um zu entdecken, wer sie wirklich sind. Er ist aufrüttelnd, er ist emotional, und er ist sehr ehrlich. Deswegen ist er heute noch relevant.

JK: Ich bin fünf Jahre jünger als du. Im Jahr, als »Smalltown Boy« rauskam, hatte ich auch mein Coming-out – nicht unbedingt inspiriert von deinem Song, das musste ohnehin gemacht werden. (lacht) Wenn man Texte über dich liest, wird immer erwähnt, wie radikal schwul »Smalltown Boy« war. Aber nie wird über den Look gesprochen: Bronski Beat haben ein komplett neues Rollenbild für Schwule geschaffen, das bis heute gültig ist. Natürlich gab es davor Sylvester, unseren Allmächtigen, es gab Patrick Cowley, der viel zu früh gestorben ist, es gab Liberace. Aber bis dahin waren alle Schwulen, die im Rampenlicht standen, flamboyant, effeminiert. Und plötzlich kommt da eine Band mit einer absolut direkten Botschaft, und ihre Mitglieder sehen aus wie Skinheads. Genau wie die Typen, deretwegen man als Schwuler normalerweise auf die andere Straßenseite wechseln würde, um nicht verprügelt zu werden, die man in seinem Schlafzimmer aber nicht zurückweisen würde. Vergiss die Musik, dieser Look war unglaublich wichtig, bis zum heutigen Tag!

JS: Wir waren Teil einer Generation, die begann, mit Identitäten zu spielen, mit dem Erscheinungsbild, mit Vorstellungen davon, warum jemand, der so und so aussieht, unbedingt hetero sein muss. Wir stellten die Fragen neu: Wer sind wir? Was ist unsere Identität? Wir wollten das nicht unbedingt sexualisieren, aber in einen anderen Kontext stellen, um auszudrücken, dass es an der Zeit ist, all die alten Stereotype in Frage zu stellen. Wir haben etwas Neues ins Spiel gebracht, etwas anderes.

JK: Und ihr habt es ins Scheinwerferlicht der Charts gebracht. Natürlich gab es vorher den Skinhead-Fetisch. Aber im Mainstream hatten nur maskuline Schwule ein wenig Sichtbarkeit, so wie Al Pacino im Film Cruising. Bronski Beat waren ein vollkommen neues Modell. Gültig bis heute.

JS: Uns ging es um Sichtbarkeit und um Ehrlichkeit: Wir sind schwul, so what? Es war eine neue Identität.

SPEX präsentiert Jimmy Somerville live
19.02. Berlin – Columbia Theater
20.02. Dresden – Alter Schlachthof
28.02. Hamburg – Gruenspan
29.02. Köln – Gloria

Die Wahlverwandtschaften N° 10 sind in der Printausgabe SPEX N° 361 erschienen. Zum Heft geht es versandkostenfrei hier.

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