Wir sitzen hier heiser in der Kirche und fühlen uns – Rewire Festival in der Rückblende

Laurie Anderson / Foto: Pieter Kers

Avantgardistischer Ideenaustausch, Kommunenromantik, Lagerkoller: Niklas Fucks hat mit Laurie Anderson geschrien und mit einer kontroversen Future-Bass-Produzentin das Frühstücksbuffet geteilt. Kurz: Er war drei Tage beim Rewire Festival in Den Haag und das ist, was er mitgebracht hat.

Zwei Männer betreten einen Fahrstuhl, ein dritter schafft es noch gerade so herein. Die Knöpfe für die Stockwerke 3 und 5 haben die beiden gedrückt, ich drücke auf die 4 und wir freuen uns, dass die Reihe vollständig ist. „C’est meilleur, non?“, meint der eine lächelnd. „Plus complet“ bringt mein Schulfranzösisch hervor. Nachdem der erste den Aufzug verlassen hat, verrät der andere über ihn: „Il est un flutiste.“ Dass die beiden Musiker sind, hätte ich mir denken können – schließlich gehört der Aufzug zu dem Hotel, in dem auch die Musiker des diesjährigen Rewire Festival unterkommen, das vom 6. bis 8. April in der Innenstadt Den Haags stattfand. In zwölf verschiedenen Venues traf sich hier ein Wochenende lang die Avantgarde – sei es die der elektronischen Musik, der instrumentalen, die der Performance oder die der Kunst – zu Konzerten, Ausstellungen, Plattenbörsen, zum Tanzen, zu Gelagen und eben zum Fahrstuhlsmalltalk.

Das aufmerksam durchkuratierte Line-up des Festivals macht Einchecken, Fahrstuhlfahren oder das Frühstücksbuffet zum Ereignis, schließlich wohnen alle Künstler bei mir im Hotel. Beschwert sich dort eine kontroverse Future-Bass-Produzentin, dass bei ihr im Zimmer der Fernseher auf mysteriöse Weise immer wieder angeht? Und ist der Typ mit dem selbstgepressten Orangensaft, der dort die Marmeladenpakete begutachtet, die nächste Hoffnung des Spiritual-Free-Jazz-Saxophons oder einfach irgendein geschäftsreisender Slacker mit zotteligem Bart und knöchellanger Schlabberhose?

Sven Kacirek / Foto: Pieter Kers

Mein Versuch, mehr über die Avantgarde-Musikprojekte meiner Aufzugbekanntschaften herauszufinden, scheitert allerdings an meinem Französisch. Wir haben zwischen Tür und Angel etabliert, dass die beiden Männer als Teil einer tunesischen Band heute auftreten, am Freitag den 6. April, dem Eröffnungstag. „Vous vous appelez comment?“ frage ich folglich, im Sinne von: Wie heißt ihr/eure Band? Dabei vergesse ich natürlich, dass „Vous“ vor allem das formale Sie bedeutet und mein Gegenüber antwortet mir mit ausgestreckter Hand freundlich lächelnd „Mon nom est Hassan, et vous?“

Als das Line-up-Faltblatt dann stilecht im Coffeeshop mit Softdrink und Gratislongpape ausgebreitet wird, stelle ich enttäuscht fest, dass Hassan dort nicht drauf steht (erst später finde ich heraus, dass sein Name Cheb Hassen ist). Dafür locken Nischensensationen en masse: Kaitlyn Aurelia Smith präsentiert komplexe Klangflächen, das Trio Širom spielt slowenische Folklore auf gefühlt 150 Instrumenten, Deena Abdelwahed liefert Zukunftsfusionen aus arabischer Percussionfolklore und Dancefloorkrachern. Kyle Dixon und Michael Stein spielen ihren Soundtrack zu Stranger Things, aber ich möchte mir die Serie auch nicht spoilern lassen, verpasse das Event also gekonnt.

Nach Getrommel und Field Recordings von Sven Kacirek geht es aber erst Mal zu Fatima Al Qadiri, die ihr neues Projekt Ja7eem mit dem Lichtkünstler Emmanuel Biard präsentiert. Eine verschleierte Frau sitzt mit dem Rücken zum Publikum, vor ihr konstant Strobo, dazu sphärisches Dröhnen, Fragmente arabischer Folklore und ferne Loops – schwere Kost gleich früh am ersten Abend. Das abstrakte Projekt folgt der selben Devise wie viele andere Acts, die beim Rewire im Paard spielen, wo in Clubatmosphäre das Abendprogramm begangen wird: Zuerst wird mit 30 Minuten Ambientgedrone das Publikum gesiebt, bevor es in Richtung Rhythmus und Tanzen geht. Doch schon nach 20 beneide ich die Performancekünstlerin auf der Bühne um ihren Hocker.

Beschwert sich dort eine kontroverse Future-Bass-Produzentin, dass bei ihr im Zimmer der Fernseher auf mysteriöse Weise immer wieder angeht?

Blindlings stolpere ich also in Richtung zweiter Raum. Hier ist es voll, stickig und es fegen massive Kickdrums durch. Plötzlich flötet einer los, jemand singt auf Arabisch und ich merke: Auf der Bühne stehen Hassan und sein Kumpel – nicht mehr in Kordhose und Sakko, sondern in traditionellen Gewändern. Neben ihnen spielt der Gnawa-Musiker Mehdi Nassouli eine elektrische Guembri – eine dreiseitige Laute. Hinter den wie wild aufspielenden Musikern steht an einem DJ-Pult Sofyann Ben Youssef, der hier als Ammar808 auftritt. Der tunesische DJ beschreibt sich selbst als „Nord-afrikanischen Futuristen“, womit er wohl Recht hat. Die klassischen Harmonien und Rhythmen, bereichert um bretternde Ghetto-House-Bässe aus der Buchse des namensstiftenden 808-Drumcomputers vereinen Bekanntes und sind vielleicht deswegen das Futuristischste, was auf dem zukunftsorientierten Rewire Festival heute stattfindet.

Zeit zum Verschnaufen gibt es keine, denn Ninos Du Brasil trommeln Techno, Deena Abdelwahed ist vieles, aber eben auch die bessere Fatima Al Qadiri und dass Mykki Blanco kurzfristig für Sophie eingesprungen ist, ist nach Sekunden vergessen – so schnell vereinnahmt die Künstlerin jeden Quadratzentimeter des Raumes mit der wohl punkigsten Trap-Show aller Zeiten – inklusive Klettereinlagen, einer Wall Of Death und dem Bauch voll Wut.

Fatima Al Qadiri / Foto: Parcifal Werkman

Das Bier, der Raucherraum und die spektakuläre Discwoman-Labelnacht mit Ziúr, Volvox und Umfang schallen noch in den Knochen nach – Floating Points ist schon wieder ganz vergessen – als das Geklingel von Fahrrädern und Straßenbahnen den zweiten Tag des Rewire Festivals einläutet.

Der Samstag lockt mit Talks von Headlinerin Laurie Anderson und James Holden, Workshops und Ausstellungen. Um den ganzen experimentellen Input des Freitags zu verkraften, muss aber erst einmal dem Classic-Rockigsten aller Zeitvertreibe nachgegangen werden: Plattenkaufen. In einer schummrigen Halle treffen sich hier die Nerds, die nach den wolkigen Acts ein wenig Bodenhaftung brauchen und noch nicht genug Geld an Bars gelassen haben. „Wir sind hier wie eine Familie“, sagt die eine über die Plattenbörse. „Ich habe seit 72 Stunden nicht geschlafen“ ein anderer, dabei ist das Rewire seit kaum 24 im Gange.

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