Sie machen sich auch stark für männliche Feministen. Ihrer Meinung nach ist es für Männer noch viel schwerer, diese Risiken einzugehen, weil sie um ihre Reputation fürchten müssen. Sie seien in einer Welt feindlicher Männlichkeit gefangen. Klingt, als hätten Sie Mitleid.
Manchmal tun mir männliche Feministen einfach leid, weil sie in so einer harten Position sind. Sie versuchen die Unterdrückungsmechansimen nachzuvollziehen, denen Frauen tagtäglich ausgesetzt sind. Auch wenn sie das in ihrer Denke natürlich nicht adäquat können, fühlen sie es im Herzen. Zusätzlich zum Feminismusbashing im Allgemeinen gibt es ja wenige männliche Leitfiguren in diesem Bereich. Im Gegensatz zu den Frauen existieren beinah keine Vorbilder, die Männern sagen, wie sie sich gegen Ungerechtigkeiten wappnen und ein korrekter Typ in einer fiesen Welt sein können.

Ist es für Männer überhaupt möglich, ein ausreichendes Maß an Empathie aufzubringen?
Natürlich nicht. Weil Männer nicht zur Empathie erzogen werden. Noch krasser: ihnen wird erzählt, dass sie auf keinen Fall empathisch sein sollen. Ganz im Gegensatz zu uns Frauen. Denn uns wird von klein auf eingebläut, dass wir uns in jeden Menschen hineinzuversetzen haben – die anderen kommen immer zuerst und ganz wichtig: immer an die Emotionen denken und sich ständig fragen, was der andere wohl fühlt und denkt! Das ist für junge Mädchen wie eine Sprache zu lernen oder zum ersten Mal ein Instrument zu spielen. Und jetzt überlegen Sie sich mal, wie viel härter es ist, als erwachsener Mensch eine neue Sprache zu lernen. Empathie ist Arbeit. Alles ist verdammte Arbeit und Dinge neu zu lernen, wird immer schwer sein. Nehmen wir etwa antirassistische Politik. Ich habe mit 18 oder 19 Jahren angefangen, mich intensiv mit Antirassismus zu beschäftigen und ich scheitere immer noch Tag für Tag daran. Ich mache ständig Fehler. Und dann bin ich auf Empathie angewiesen, denn die Leute müssen sich Zeit nehmen, mich zu verstehen, mir Zusammenhänge zu erklären. Zeit, die niemand mehr hat.

»Jeden Tag wünschen mir Leute, dass ich von Muslimen zu Tode vergewaltigt werde.«

Als Sie sich nach den Übergriffen in Köln öffentlich mit den Migranten solidarisiert haben, schlugen ihnen heftige Reaktionen entgegen. Auf Twitter wurde Ihnen vorgeworfen, sie würden Vergewaltigung befürworten, weil Sie sich dagegen aussprachen, alle Männer mit Migrationshintergrund zu verurteilen.
Das hat bislang auch nicht aufgehört. Jeden Tag wünschen mir Leute, dass ich von Muslimen zu Tode vergewaltigt werde.

Wie gehen Sie mit so etwas um?
Manchmal schalte ich einfach Twitter aus. Aber es trifft mich auch viel weniger, wenn Faschisten und Rassisten mich so angehen, als wenn es Leute tun, mit denen man viel gemeinsam hat und fundamentale Ansichten teilt. Ich sehe dann immer zu, dass ich verständnisvolle Personen um mich habe, die mir gut tun und mir Rückhalt geben. Auch das hat das Internet seine guten Seiten. Denn neben den Menschen, die mir Vergewaltiger an den Hals wünschen, schreiben mindestens genauso viele, dass ich ihnen aus der Seele spreche und ein großes Vorbild bin. Das ist natürlich ebenso nicht wahr. Deswegen ist es so wichtig, ein real existierendes Korrektiv zuhause zu haben – Menschen, die sagen: du hast recht, aber räum’ auch mal dein Zimmer auf. Es ist wichtig, mal offline zu sein.

Das Netz eröffnet auch neue Perspektiven. Frauen wie Kesha haben hier den Mut gefunden, ihre Missbrauchserfahrungen öffentlich zu machen und online jede Menge Solidarität und sogar Angebote für monetäre Unterstützung bekommen. Es scheint leider, als ob letzteres im Spätkapitalismus die erfolgsversprechendere Ermächtigungsstrategie ist.
Natürlich. Manchmal sind Leute überrascht, das von mir als Anarchistin und Antikapitalistin zu hören, aber Frauen sollten zusehen, dass sie sich finanziell auf eigene Füße stellen. Macht euch unabhängig von den Männern! Nicht jede hat die Möglichkeit oder nicht einmal die Wahl. Aber wann immer ihr die Chance habt, macht euch so frei wie möglich! Es ist unglaublich, wie viele junge und sehr arme Frauen ich kenne, die ihr weniges Geld in die Unterstützung ihrer brotlosen Männer stecken.

Wenn Männer sich jahrelang erfolglos als Künstler versuchen, gelten sie nach wie vor als ambitioniert – da ist es eine unterstützenswerte Sache, wenn man seinen Traum leben will. Wenn Frauen das tun, wird es als nettes Hobby abgetan.
Wer sagt denn, dass der ultimative Traum einer Frau nicht sein kann, Musik zu machen oder Kunst oder Gedichte zu schreiben? Nein, für Frauen heißen die Ziele: romantische Liebe, Partnerschaft, Ehe und Mutterschaft. Das muss nicht sein. Ich bin in einem Haushalt mit vielen Schwestern aufgewachsen und wurde immer in meinen Träumen unterstützt. Aber je mehr Beziehungen ich eingehe, desto schmerzlicher bekomme ich zu spüren, wie schwer es für Frauen ist, den Fokus auf etwas zu legen, das nicht Partnerschaft heißt. Es ist natürlich immer erlaubt, Träume zu haben. Aber die sind immer weniger wichtig als die Kinder und die Beziehung. Und die Ambitionen des Partners stehen über allem.

Ist das eine Erfahrung, die Sie auch in ihrer eigenen Beziehung machen?
Natürlich. Das ist einer der Gründe, warum ich für viele Jahre funktionaler Single war. Ich wollte nie wieder mit einem Künstler oder einem Autor oder sonst wem eine Partnerschaft führen, der sich dadurch bedroht fühlt, dass ich mich primär in einer Beziehung mit meiner Arbeit befinde. Frauen haben sich an den Gedanken gewöhnt, dass ihr Partner mit dem Job verheiratet ist. Männer fühlen sich verraten, wenn es andersherum so läuft.

»Für Frauen heißen die Ziele: romantische Liebe, Ehe und Mutterschaft. Wer sagt denn, dass der ultimative Traum einer Frau nicht sein kann, Musik zu machen?«

Sie schreiben, dass der aktuelle Feminismus vor allem weißen, wohlhabenden Frauen aus der Mittel- und oberen Mittelschicht ist. Nun kommen schwarze Frauen wie Beyoncé auf die Bildfläche und setzen ihren Körper funktional ein.
Dieser weiße Feminismus wohlhabender Mittelschichtsfrauen ist oder war vielmehr vor einigen Jahren der in den Mainstreammedien sichtbare Feminismus. Es gibt nicht den einen Feminismus. Was im Internet, im Aktivismus passiert, ist superdivers, superqueer, superinklusiv. Es ist beinah ironisch, dass ich die Möglichkeit, vor zweieinhalb Jahren ein zu dieser Zeit sehr radikales, antikapitalistisches Buch zu veröffentlichen, nur hatte, weil ich eine weiße Frau der britischen Mittelschicht bin. Damals war ich mit diesem Buch die radikale Spitze des Mainstreamfeminismus.

Jetzt gilt Beyoncé als Mainstreamfeministin.
Was Beyoncé als Pop-Figur wichtig macht, ist nicht, dass sie besonders radikal wäre. Worin sie aber als Künstlerin und als Businessfrau kaum zu übertreffen ist: sie fängt den Zeitgeist auf die Sekunde ein. Wenn etwas in einem Beyoncé-Video eine Rolle spielt, ist es Zeit, dass dieses Thema im Mainstream eine Rolle spielen sollte. Sie hört zu und weiß, was abgeht. Und sie realisiert, wann da draußen genug Leute versammelt sind, die auch wissen wollen, was abgeht, und bereit sind, ihr zuzuhören.

Laurie Penny live beim Internationalen Literaturfestival Berlin
08.09. Lesung: Babys machen und andere Storys – Theater an der Parkaue
09.09. Diskussion: Feminismus heute – Heimathafen Neukölln

Ein Extrakt dieses Interviews ist in der Rubrik Wie wir leben wollen N° 11 in der Printausgabe SPEX N° 368 erschienen. Das Heft kann hier versandkostenfrei bestellt werden.