»Wir schwimmen in einem Ozean des Sexismus« – Laurie Penny im Gespräch

Foto: Jon Cartwright

Lesungen der britischen Autorin, Bloggerin und Netzfeministin Laurie Penny haben nicht selten etwas von einem Termin bei der Lebensberatung. Häufigste Frage: »Die Situation ist folgende… Was würden Sie tun, Laurie?« Beinah noch mehr als in ihrer Heimat ist die Londonerin hierzulande in den vergangenen fünf Jahren seit Veröffentlichung ihres Buchs Meat Market zu einer der gefragtesten Stimmen des radikalen (Netz-)Feminismus geworden. Nach Unspeakable Things. Sex, Lies and Revolution ist in diesem Jahr ihr Kurzgeschichtenband Babys machen und andere Storys erschienen, aus dem sie heute auf dem Internationalen Literaturfestival in Berlin liest. Mit SPEX sprach Laurie Penny über rape culture, strukturellen Sexismus und Träume.

Laurie Penny, wann haben Sie zum letzten Mal »nein« gesagt?
Vor kurzem hatte ich ein Interview mit einem Typen, der viel mehr Zeit beanspruchen wollte, als wir vereinbart hatten. Ich war müde, musste aufs Klo und er hat einfach nicht aufgehört, weiter Fragen zu stellen. Wenn man als junge Frau im Rampenlicht steht, ist es noch schwieriger, Grenzen zu ziehen. Das merke ich auch häufig bei Lesungen. Manchmal fragen die Leute sehr persönliche, intime Dinge. Oder sie rücken mir auf die Pelle und ich muss sie bitten, Abstand zu halten. Das wird einfach ignoriert und ich bekomme von diesen Menschen oft zu hören, dass sie gern Teil von dem sein wollen, was ich schreibe, tue, bin.

Ist es die gewohnte Reaktion, dass Ihr »Nein« nicht akzeptiert wird? Rechnen Sie damit?
Es ist zumindest die häufigste Reaktion und ich nehme tatsächlich wahr, dass viele junge Frauen sich daran gewöhnt haben, dass ihr »Nein« überhört wird. Dass Frauen auf der einen Seite früh lernen sollen, Grenzen zu definieren und auf der anderen erfahrungsgemäß noch früher lernen, dass ihr »Nein« ohnehin nicht akzeptiert wird, steht sinnbildlich für das herrschende System von strukturellem Sexismus und rape culture.

»Frauen sollen früh lernen, Grenzen zu definieren, und lernen erfahrungsgemäß noch früher, dass ihr »Nein« ohnehin nicht akzeptiert wird.«

Eine der Kernbeobachtungen in Ihrem Buch Unspeakable Things ist, dass das Freiheitsversprechen des Neoliberalismus nur dazu geführt hat, dass wir uns mit einem Grundmaß an Sexismus abgefunden haben.
Sexuelle Unterdrückung vollzieht sich wie jede Form von Unterdrückung zunächst auf der Mikroebene. Einzeln betrachtet, wirkt jeder kleine Vorfall natürlich wie nichts, wie eine zu vernachlässigende Nebensächlichkeit. Aber das ist genau der verlogene Zusammenhang, den wir uns bewusst machen müssen: Alles baut aufeinander auf. All die kleinen Vorfälle potenzieren sich zu einem massiven Problem. Wir schwimmen in einem Ozean des Sexismus. Es ist, als ob man einen Fisch fragt, was Wasser ist. Oder einen Vogel, was Luft ist. Was ich sagen will: so offensichtlich, dass man es oftmals gar nicht wahrnimmt. Sexismus existiert, er bestimmt unsere Realität.

Ein provokanter Gedanke: Bedeutet die Tatsache, dass die meisten Frauen sich damit arrangiert haben, dass wir zur Festigung der die sexistischen Strukturen beitragen anstatt dagegen vorzugehen?
Auf keinen Fall. Es ist ermüdend, ständig wütend zu sein. Es macht schlapp. Dass Frauen sich in diesem Punkt manchmal selbst täuschen, ist eine Form von Überlebensstrategie. Wo würde Feminismus denn enden, wenn wir uns selbst deswegen Vorwürfe machen oder anderen Frauen die Schuld geben würden? Es gibt auch so genug Missgunst da draußen. Wenn Frauen gegeneinander kämpfen, führt das zu nichts. Die Strategie der Männer ist es, Frauen gegeneinander auszuspielen. Und noch mehr als das lieben sie es, Feministinnen gegeneinander auszuspielen. Sie benutzen uns.

In einem Artikel haben Sie vor einiger Zeit das Bild einer jungen woman of color gezeichnet, die unter dem gesellschaftlichen Druck, alles richtig zu machen, zusammenbricht. Sie haben das in ihrer Teenagerzeit auch erlebt, sagen aber, dass der Druck, der auf den Frauen heute lastet, viel höher ist. Inwiefern?
Es ist kaum zu beschreiben, mit welchem Druck von allen Seiten eine junge Frau der Mittelklasse in den frühen Zweitausendern zu kämpfen hat. In der Schule, zuhause, im Freundeskreis – das haut dich um! Es reicht nicht mehr, hübsch und sexy zu sein, die perfekte Konsumentin abzugeben und jedem zu gefallen. Du musst auch noch hoch gebildet sein, die perfekte Beziehung haben, die perfekte Familie haben, du sollst sexy aussehen und obendrein den perfekten Sex haben. Du sollst cool sein. Und berühmt. Und all das in den sozialen Medien teilen. Für Männer ist es einfacher, jung und abgefuckt zu sein als für Frauen. Und dann wundern wir uns, warum Mädchen immer früher erwachsen wirken. Frauen bekommen überhaupt nicht mehr dieselbe Chance, Kinder zu sein. Mädchen bekommen nicht die Chance, Fehler zu machen oder auch nur Risiken einzugehen. Ich hoffe jeden Tag, dass es besser wird. Aber mein Eindruck ist leider, dass der Druck seit der Wirtschaftskrise und trotz der neuerlichen feministischen Bewegungen, die sich noch nicht derartig Bahnen brachen, als ich Teenagerin war, stetig steigt. Wir ackern uns den Arsch ab, protestieren, funktionieren und all das ist nur ein neuer Grund, sich schuldig zu fühlen. Ständig kommen Leute zu mir und sagen, ich versuche alles zu geben, aber es genügt nicht. Außerdem bin ich nicht dünn genug und das macht mich zu einer schlechten Feministin. Und ich kann nur sagen: Bitte verurteile dich nicht selbst! Feminismus sollte keinesfalls ein weiterer Grund sein, sich selbst zu verurteilen. Der Neoliberalismus lebt davon, dass ihr euch selbst Vorwürfe macht. Wenn ihr nicht glücklich seid, ist das nicht eure Schuld und es liegt ganz bestimmt nicht daran, dass ihr nicht ambitioniert genug wart und nicht hart genug gearbeitet hättet.

»Feminismus sollte keinesfalls ein weiterer Grund sein, sich selbst zu verurteilen.«

Sie sind von dem psychischen und emotionalen Druck krank geworden.
Die Essstörung war mein Ventil, damit umzugehen. Es ist eine Krankheit der Kontrolle. Ich habe einen Weg gesucht, um zusammenzubrechen ohne tatsächlich zusammenzubrechen. In Italien gibt es die Protestform des sogenannten White Strike. Die Leute tun alles, was man von ihnen verlangt – bis sie zusammensacken. Schauen wir uns um, wir sind von Kranken umgeben. Für junge Frauen ist es mittlerweile normal, ihren Körper zu missbrauchen. Wenn man das Hirn aushungert, verursacht das logischerweise auch massiven mentalen Stress. Du drehst durch, der Körper arbeitet gegen dich.

Können Essstörungen auch als Proteststrategie begriffen werden? Der Körper ist vielleicht die letzte Waffe, die Frauen zum Kampf bleibt. Man kann Macht über den eigenen Körper ausüben, indem man ihn wie Beyoncé bewusst einsetzt, um bestimmte Botschaften zu kommunizieren. Man kann aber auch Macht und Kontrolle über den eigenen Körper, und damit über das andere Geschlecht, ausüben, indem man ihm den Körper entzieht. Mit dem Gewicht verliert man auch seine Weiblichkeit, seine Arbeits- und Leistungsfähigkeit, seine Libido, die Möglichkeit, Kinder zu bekommen und sie zu versorgen.
Jede und jeder Betroffene erlebt die Krankheit anders. Aber es ist in jedem Fall wichtig, Essstörungen als politisch anzuerkennen – und damit als Teil eines immensen gesellschaftspolitischen Problems. Es geht darum, Kontrolle auszuüben und gleichzeitig wird man viel verletzbarer. Alles daran ist paradox. Man schreit danach, gesehen zu werden und will gleichzeitig nicht gesehen werden. Man möchte die totale Kontrolle besitzen und verliert sie dabei komplett bis zum neuerlichen Zusammenbruch. Es geht auch darum, Verlangen zu kontrollieren – die Sehnsüchte, die Träume, die Begierde und all die Dinge, die dich zu einer schlampigen, chaotischen und komplizierten Person machen. All das soll ausgeschaltet werden. Diese Krankheit verlangt mehr Aufmerksamkeit, denn sie ist Spiegelbild unserer Gesellschaft.

»Wir sollen nicht nachts allein über die Straße laufen, weil wir sonst riskieren, vergewaltigt zu werden. Aber wenn es dann tatsächlich passiert, glaubt uns keiner.«

Mentaler Missbrauch ist noch schwerer nachzuweisen als körperlicher. Im Falle von Vergewaltigungen gerät die Unschuldsvermutung – eigentlich eine der Errungenschaften unseres Rechtssystems – zum Nachteil. Denn es gibt selten DNA-Spuren oder Augenzeugen, schon gar nicht, wenn es um psychische und emotionale Gewaltausübung geht. Als die Musikerin Kesha ihren Vertrag wegen mutmaßlichen Missbrauchs durch ihren Produzenten auflösen wollte, wurde ihr Anliegen mit dem Argument abgelehnt, dass ihre Vorstellung von Wahrheit nicht ausreiche. Dass Männer mit keinerlei Konsequenzen rechnen müssen und Frauen aus Angst, den Kampf aus Mangel an Beweisen zu verlieren, selten an die Öffentlichkeit gehen, hält das System der Vergewaltigungskultur am Laufen.
Umso mehr ich mich mit Leuten austausche, die von psychischem Missbrauch betroffen sind, desto mehr realisiere ich, dass ein direkter Zusammenhang besteht zwischen der Art und Weise, wie Frauen in Beziehungen missbraucht werden und der Art und Weise, wie sie von der Gesellschaft missbraucht werden. Man nennt diese Taktik Gaslighting. Es steht für die Unterstellung, dass eine Person durchgeknallt sei, obwohl sie es nicht ist.

Wie es der Musikerin Larkin Grimm von Swans-Sänger Michael Gira vorgehalten wurde, als sie ihm öffentlich Missbrauch vorgeworfen hat.
Wie kannst du denken, dass ich dich missbrauche? Das zeigt doch nur, dass du verrückt bist. So wird den Frauen unterstellt, dass sie schwach und verletzlich sind und man redet ihnen ein, dass sie Opfer sind und sich trotzdem mal locker machen sollen. Politische Strukturen funktionieren auf der Makroebene häufig sehr ähnlich wie Machtstrukturen im Privaten und Intimen. Sie reproduzieren sich gegenseitig. So geht es nicht nur einzelnen Frauen, das ist die Strategie, den Feminismus als Ganzes tot zu kriegen. Seid still, ihr seid doch ein total durchgeknallter, wütender und hysterischer Haufen.

Gaslighting ist eine Form des Victim Blaming, wie wir es auch nach Köln erlebt haben, als die Bürgermeisterin dazu anhielt, eine Armlänge Abstand zu Fremden zu halten. Frauen die Schuld zuzuschieben, weil sie sich zu sexy kleiden und damit Missbrauch gewissermaßen provozieren, ist ein ebenso gängiges Argument, gegen das jedoch die Statistik spricht. Wenn man beispielsweise die Missbrauchsrate in Ägypten anschaut, ist klar, dass Verhüllung nicht vor Vergewaltigung schützt.
Eines der großen Paradoxa der rape culture ist doch, dass einem permanent jeder sagt, man soll nicht nachts allein über die dunkle Straße laufen, weil man sonst riskiert, vergewaltigt zu werden. Aber wenn es dann tatsächlich passiert, glaubt dir keiner. Wir werden dazu erzogen, ständig Angst vor der Möglichkeit des Missbrauchs zu haben und unser komplettes Leben danach auszurichten. Das ist Teil des gesellschaftlichen Kontrollprogramms. Rape culture bedeutet, eine Atmosphäre des allgegenwärtigen Missbrauchs zu schaffen, eine Angst, die alle Frauen terrorisiert und vereinnahmt – unabhängig davon, ob sie Opfer von Vergewaltigung sind oder nicht. Es wird ein Kreis aus Gewalt und Scham erzeugt und kultiviert.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.