Auf Grimes fünftem Album Miss Anthropocene treffen nicht nur EDM-Breitseiten auf Oasis-Gedächtnis-Gitarren. Sondern auch posthumanistische Tech-Fantasien auf akzelerationististisches Gedankengut. Ist das noch Kunst? Oder schon gefährlich?

Elon Musk ist an allem Schuld. So liest sich zumindest ein Großteil der aktuellen Berichterstattung über Claire Boucher alias Grimes. Seit gut zwei Jahren ist die Musikerin mit dem südafrikanischen Paypal-Tesla-SpaceX-Multimilliardär und Silicon-Valley-Vorzeige-Raubtierkapitalist liiert, das erste gemeinsame Kind ist bereits unterwegs.

Grimes musikalischer Kosmos mischte sich schon immer aus allem, was es im Internet zu finden gab. Doch das ist nicht ungefährlich. (Bild: Redaktion)

Nun ist vor derlei reißerischem Boulevard-Klatsch natürlich generell zu warnen. Ebenso ist natürlich unklar, inwieweit Musk die Sci-Fi-getränkten KI-Fantasien Bouchers überhaupt befeuert. Einen Hang zu mal mehr mal weniger kruden Zukunftsgedanken hatte die Kanadiern schließlich schon lange vor ihrem Tête-à-Tête mit dem Unternehmer. Man muss allerdings kein_e Prophet_in sein, um zu ahnen: Besser wird’s mit ihm auch nicht.

Erste Anzeichen dafür gab es bereits im November 2019, als sich an einer Aussage von Grimes eine heftige Debatte entflammte, an der sich auch einige Kolleg_innen der Musikerin beteiligten: Livemusik werde in Zukunft aufgrund von künstlicher Intelligenz nicht mehr existieren, meinte Boucher damals. Und das sei, nun ja, okay so. Fatalistischer Quatsch, privilegierter Standpunkt, blinde Panikmache entgegneten Leute wie Zola Jesus, Holly Herndon und Devon Welsh.

Ein ähnlich posthumanistischer Blickwinkel durchzieht nun auch Bouchers fünftes Album Miss Anthropocene. Dessen Hauptthema ist schnell ausgemacht: die drohende Klimakatastrophe. In jedem der zehn neuen Songs zeige sich das Ende des Anthropozäns auf eine andere Art und Weise, so Boucher. Fair enough, oder? Sicher, würde dabei nicht mit jener Miss eine Hauptfigur agieren, die die Klimakatastrophe selbst als eine Art Comic-Bösewichtin personifiziert. Und die Künstlerin dahinter das Ziel ihres Albums nicht mit Sätzen wie diesem beschreiben: „Make climate change fun again.” Das Wort misanthrop – Menschenfeind_in – schwingt im Albumtitel also nicht zufällig mit.

Aber wie geht man damit um? Alles nur Kunst? Ignorieren? Oder muss man sich ganz einfach eingestehen, dass auch einstige Heldinnen grenzdebilen Müll verzapfen? Fakt ist: Wir müssen über Grimes reden.

Im Podcast-Studio haben das die SPEX-Redakteur_innen Dennis Pohl, Jessica Hughes und Kristoffer Cornils getan. Und dabei eine Künstlerin unter die Lupe genommen, die in vielerlei Hinsicht symptomatisch für unsere Zeit ist – und natürlich die Musik dahinter.

Außerdem hört Ihr in dieser Folge eine neue Ausgabe der Kolumne „Word Cunt“ von Mithu Sanyal, die neokoloniales Gedankengut ausgerechnet dort enttarnt, wo man es nicht erwartet: beim Naturschutz und einer aktuellen Werbekampagne des WWF.

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