»Wir kommunizieren über Grunzgeräusche« – Haftbefehls & Xatars neues Album »Der Holland Job« im Oton

Alle Fotos: Mo Gaff

Die beiden Rapper Haftbefehl und Xatar haben unter dem Namen Coup ein gemeinsames Album mit dazugehörigem Kurzfilm veröffentlicht. Der Holland Job ist vor allem ein Männerspaß: Waffen, hohe PS-Zahlen und jede Menge Explosionen – jedoch mit melancholischen Zwischentönen. SPEX traf das Doppel auf ein paar schlagfertige Kommentare zum eigenen Tun.

Müsste man sich mit Anschreiben und Lebenslauf um die Position eines deutschen Gangster-Rappers bewerben, Haftbefehl und Xatar hätten zwei Trümpfe im Ärmel: einschlägige Knasterfahrung und Kenntnisse im Umgang mit der Staatsgewalt. Haftbefehl leitete sein Moniker vor ein paar Jahren von einem eben solchen ab. Er wurde in Deutschland wegen Drogenhandels und anderer Delikte gesucht und flüchtete kurzerhand ins Ausland. Xatar nahm einen ähnlichen Lebensweg, flüchtete statt in die Türkei jedoch nach London. Der Bonner Rapper setzte 2009 dafür noch einen drauf: In der Nähe von Ludwigsburg überfiel er mit einigen Komplizen einen Goldtransporter, erbeutete den Gegenwert von 1,7 Millionen Euro, floh in den Nordirak, wurde vom dortigen Geheimdienst gefoltert und kam am Ende doch in Deutschland hinter Gitter.

Was läge also näher, als ein gemeinsames Album voller Gangsterromantik aufzunehmen? Schon aus dem Knast heraus nahm Xatar sein 2015 erschienenes Nummer-eins-Album Baba aller Babas auf. Der Holland Job sei nun sein »erstes Album, das sich richtig mit meinen Erfahrungen auseinandersetzt«, sagt Xatar in Berlin. Dort traf SPEX die beiden Rapper und fragte, was hinter den breitbeinigen Beats und der Action-geladenen Waffengewalt steckt – hier die Otöne.

Xatar: Die größte Schwierigkeit war, bei den Aufnahmen eine gemeinsame Richtung zu finden. Wir versuchten, unsere beiden Stile zusammenzuführen. Wir fanden über drei, vier Monate hinweg keinen einheitlichen Sound. 

Xatar: Wir arbeiten grundverschieden. Hafti arbeitet sehr künstlerisch und impulsiv. Manchmal hat er drei Wochen lang nichts geschrieben, dann an einem Abend das halbe Album.

Haftbefehl: Wir erzählen auf dem Album eine gebrochene Gangstergeschichte voller Konflikte und Zweifel. Leute, die keinen Hintergrund in der Kriminalität haben, romantisieren das Gangsterleben. Wir nicht, weil wir es kennen.

Xatar: Ich will kein Gangster sein, wollte es nie. Aber wie alle bei mir in der Celsiusstaße in Bonn wollte ich eben in eine schöne Wohnung ziehen.

Coup by Mo Gaff 1Vor dem Knast ist nach dem Knast: Xatar und Haftbefehl

Xatar: Die Kriminalität war eben mein Weg und ist heute maßgeblich für meinen Output verantwortlich.

Xatar: Straßenrap in Deutschland ist besser geworden. Jahrelang gab es nur Fremdscham, nur Bluff. Niemand von der Straße hat Deutschrap gehört, sondern Eurodance und so etwas. Heute hören die Kids von der Straße nur Deutschrap, die kennen nicht einmal mehr Ami-Rap. Das ist eine tolle Entwicklung.

Haftbefehl: In Deutschland gibt es Ghettos wie in jedem anderen Land. Wer das abstreitet, kennt die Realität nicht oder will sie nicht kennen. Und diese Menschen brauchen ihre eigene Musik. 

Haftbefehl: Wir haben das Album schon geplant, während Xatar im Knast war. Er hatte ein altes Nokia 7210 und wir haben öfter telefoniert. Da stand schon fest, dass wir etwas zusammen machen würden.

Haftbefehl: Man hört auf dem Album aus meiner Sicht, dass wir uns gut verstehen und Spaß haben. Dieses Bud-Spencer-Terrence-Hill-Ding, das wir da aufziehen, ist keine Erfindung. Wir sitzen manchmal eine Stunde im Restaurant, reden nichts, schmatzen nur und kommunizieren über Grunzgeräusche.

Coup by Mo Gaff 2Nicht im Bild, aber wahr: Haftbefehl und Xatar haben Spaß miteinander. 

Xatar: Für mich war das Projekt etwas ganz besonderes. Ich kannte Trap und andere neue Strömungen ja fast gar nicht.  Ein Kumpel hat mir einen USB-Stick mit Kendrick Lamar in den Knast geschickt und ich kannte den Namen gar nicht. Und am Anfang war der Sound befremdlich für mich. French Montana, Drake – diese Musik war mir fremd.

Haftbefehl: Das zeigt sich jetzt auf diesem Album. Wir haben mit allem zwischen Trap  und unserem klassischen Stil experimentiert.

Xatar: Am Ende ist es ein Album, das zwei Typen zeigt, die wahnsinnig Spaß am Rap haben. Das ist alles.

Haftbefehl und sein Anliegen, eine Sprache der Minderheiten sicht- und hörbar zu machen, sind außerdem Gegenstand des Schwerpunks »Alles kaputt?!« in der aktuellen SPEX N° 370, die versandkostenfrei hier bestellt werden kann.

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