»Wir imitieren nicht, wir erschaffen« – Idris Ackamoor im Interview

Idris Ackamoor (links im Bild) auf der Bühne

Auf ihren Konzerten macht sich die Band The Pyramids erst mit dem Publikum bekannt, bevor sie die Bühne betritt. Der Gemeinschaftsgedanke steht bei der afroamerikanischen Gruppe, die den Spiritual Jazz in den Siebzigerjahren maßgeblich geprägt hat, auch heute noch über allem. Auf dem im diesen Sommer erschienenen Album We Be All Africans wird Afrika sogar als Heimat der Menschheit zelebriert. Idris Ackamoor ist Kopf der Band und Gründer der Non-Profit-Organisation Cultural Odyssey. Sein Vertrauen in die heilende und Grenzen überwindende Kraft von Jazzmusik ist trotz demagogischer Republikaner und der zunehmenden Polizeigewalt gegen die afroamerikanische Bevölkerung immer noch größer als das in Technik. Philipp Kressmann traf den 65-jährigen Multiinstrumentalisten und Komponisten zu einem Gespräch über Jazz als Referenz im US-Rap, Bandleader-Qualitäten und – natürlich – Donald Trump.

Ich nehme das Gespräch zur Sicherheit auch mit dem Handy auf.
Das ist eine gute Sache. Ich habe zuhause auch zwei Wecker. Am Morgen muss ich schließlich pünktlich den Zug bekommen. Ich muss mich darauf verlassen können, dass ich wach werde.

Haben Sie kein Vertrauen in Technik?
Nein. Man sollte sich jedenfalls immer zusätzlich absichern.

»Wir müssen an eine menschliche Gemeinschaft glauben, die unabhängig von der Hautfarbe besteht.«

Diese Devise macht sich auch in Ihrer Diskografie bemerkbar. Eigentlich dürfte jede Ihrer Platten in einem Studio mit ausschließlich analogem Instrumentarium aufgenommen worden sein. Das gilt zumindest für das aktuelle Album Ihrer Band, das im Berliner Philophon Studio von Max Weissenfeldt (Polyversal Souls) entstanden ist.
Das Studio von Max wurde mir von meinem Agenten empfohlen. Aber die Zusammenarbeit mit ihm kam letzten Endes vor allem deshalb zustande, weil wir beide wunderbare Erfahrungen mit Afrika verbinden. Er ist häufig in Ghana unterwegs gewesen und hat im Norden des Landes viel mit den Musikern aus dem Frafra-Volk zusammengearbeitet, das ich auch selbst 1972 mit meiner damaligen Frau auf einer Reise kennenlernen durfte. Ich habe deren Stücke aufgenommen und sogar selbst mit einigen Musikern gespielt. Weil wir in dieser Hinsicht viele Parallelen teilen, war Max auch bei den Aufnahmen stark involviert. Er hat viele Vorschläge eingebracht und hat tolle Ideen beigesteuert.

ackamoor1Idris Ackamoor live beim Open Source Festival 2016 / Foto: Philipp Kressmann

Man könnte darüber diskutieren, ob das Album mehr Afropop-Elemente oder Jazz-Muster beinhaltet. Fakt ist, dass We Be All Africans ein äußerst positives Bild von Afrika zeichnet, das sogar als Heimat der Menschheit beschrieben wird. Unabhängig von der Hautfarbe, wie Sie es auch im Booklet betonen. Diese Umschreibung des Kontinents unterscheidet sich von der Rastafari-Tradition, die stärker auf Distinktion setzte. Dick Hebdige schrieb in Die Bedeutung von Stil sogar, dass es dem »Rastafarianismus« um eine »Untergrabung der Religion des weißen Mannes« ging.
Zwischen 2012 und 2015 habe ich viel Zeit in Südafrika verbracht. Es gibt einen Ort, der ungefähr zwei Stunden von Johannesburg entfernt ist. Man nennt ihn die Wiege der Menschheit und braucht ungefähr über zwei Stunden, um ihn von Johannesburg aus zu Fuß zu erreichen. Dort befinden sich die Höhlen, in denen man die ältesten Knochen der Primaten gefunden hat. Ich interpretiere diesen Fund durchaus universal: Afrika ist der Anfang der Menschheit, ein Beginn wie der Garten von Eden. Dort fing alles an. Von hier hat man sich erst zu anderen Orten hin bewegt. Als ich an dem Album gearbeitet habe, brachen sich in den USA zahlreiche gesellschaftliche Probleme wie der Rassismus gegen schwarze Mitbürger Bahnen, mit dem sich die Black-Lives-Matter-Bewegung auseinandersetzt. Wir müssen an eine menschliche Gemeinschaft glauben, die unabhängig von der Hautfarbe besteht. Diese globale Perspektive ist die primäre Botschaft des Albums. Andererseits drehen sich die Stücke auch oft um ganz konkrete, menschliche Situationen. »Silent Days« ist ein Liebeslied, das auf einem realen Erlebnis beruht. Es geht um eine Liebesaffäre, die ich 1982 mit einer Frau in München hatte. Nachdem ich die Stadt verlassen hatte, hat sie mir ein Liebesgedicht geschrieben, das in dem Song verarbeitet wird. Wir sind heute noch befreundet und sie besucht mit ihren Kindern und ihrem Ehemann meine Konzerte.

Empfinden Sie sich aufgrund Ihrer persönlichen Texte noch als Bandleader der Pyramids? Die Gruppe ging schließlich über 30 Jahre lang getrennte Wege.
Ich führe die Band an, aber ich wünsche mir auch, dass die anderen Beiträge beisteuern. Von Anfang an habe ich den Stil der Pyramids festgelegt und war für die Kompositionen verantwortlich, die das zentrale Element sind. Bei der Band verhält es sich wie bei einer Drehtür: Es kamen immer wieder neue Musiker dazu. Dadurch erschließt man sich auch neue künstlerische Perspektiven. Zusammenarbeit spielt eine wichtige Rolle. Trotzdem: Kimathi und ich haben die Pyramids gegründet. Ich kenne ihn schon seit dem College. Auch er hat schon einmal pausiert. Ich bin der Einzige, der bei jedem Konzert der Band dabei war.

»Wir leben nicht mehr in der Vergangenheit, es geht hier um die Zukunft. Aber der Spirit hat uns nicht verlassen.«

Jazz ist in den letzten Jahren für den US-Rap wieder eine wichtige Referenz geworden. Das prominenteste Beispiel dafür ist sicherlich Kendrick Lamar. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?
Die ganze Idee von Spiritual Jazz und der heilenden Kraft der Musik von Leuten wie John Coltrane ist nie verschwunden. Vor allem The Epic von Kamasi Washington war ein Wahnsinnsalbum. Die jüngere Generation entdeckt gerade die Idee afrozentrischer Musik für sich. Auch das Publikum, vor dem wir als Pyramids momentan spielen, war noch nicht geboren, als wir die Gruppe in den Siebzigern gegründet haben. Aber wir leben nicht mehr in der Vergangenheit, es geht hier um die Zukunft. Der Spirit hat uns nicht verlassen. Unsere Musik ist eine Hommage an viele Musiker wie zum Beispiel Albert Ayler. Deren Einflüsse sind in unsere Kompositionen eingeflossen, aber unsere Musik bleibt trotzdem eigenständig. Wir imitieren nicht, wir erschaffen.

 Music Is The Healing Force Of The Universe von Albert Ayler gilt als eines der prägendsten Alben für den Free Jazz. Ein musikalisches Projekt deiner Non-Profit-Organisation Cultural Oyssey trägt den Namen »Healing Force Community Orchestra«.
»Clarion Call« von der aktuellen Platte ist eine Widmung an Albert. Ich verehre seine Musik und habe sogar mit seinem ersten Alt-Saxofonisten Charles Tyler studiert. Als ich noch sehr jung war, hat Charles mich unter seine Fittiche genommen und mir viele Sachen beigebracht. Vor allem Bells hat mich stark geprägt. Das Album wurde in Town Hall aufgenommen und fühlt sich für mich wie eine interstellare Verbindung an. Das ist ein echtes Sammlerstück, eine wahre Rarität. Es erschien auf dem ESP-Disk-Label. Wenn man diese Musik auf einer Party auflegt, werden vermutlich viele Leute den Raum verlassen. Der Sound ist so speziell, dass er viele verängstigt. Es ist eines meiner absoluten Lieblingsalben.

PyramidsAckamoor (Mitte) und The Pyramids 2015

Wenn man einen Blick auf das gegenwärtige Amerika wirft, gibt es wenig Anlass zum Optimismus. Machen Ihnen Leute wie Donald Trump keine Angst?
Ich hoffe natürlich, dass er verliert. Selbstverständlich bevorzuge ich Hillary Clinton, aber im Grunde ist sie das kleinere Übel. Amerika ist ein sehr gespaltenes Land und durchlebt momentan eine schwierige Zeit. Wir brauchen nur die aktuellen Geschehnisse in Dallas oder Orlando zu verfolgen. Es kann so schnell vorbei sein. Das einzige Mittel, das ich habe, um diesem Wahnsinn entgegenzutreten, ist Musik als healing force of the universe. Man muss den Moment genießen und Musik wieder als Form der Kommunikation verstehen.

Eine ausführliche Besprechung des aktuellen Albums von Idris Ackamoor & The Pyramids ist hier online sowie in der Printausgabe SPEX N° 369 erschienen. Das Heft kann nach wie vor versandkostenfrei im Onlineshop bestellt werden.

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