Gizem Adıyaman ist mit verantwortlich dafür, dass R. Kellys Deutschlandkonzerte wohl bald abgesagt werden. Als Teil des Berliner DJ-Duos Hoe_mies spielt sie aber selbst Musik mit problematischen Texten. Wo zieht man da die Grenzen? 

Warum erst jetzt? So lautet die Frage, die sich angesichts der sechsteiligen Doku Surviving R. Kelly stellt. Der Kulturjournalistin und Regisseurin Dream Hampton ist damit gelungen, woran der Rest der Welt seit zwanzig Jahren kläglich gescheitert ist: Sie hat die Vorwürfe der sexualisierten Gewalt, der Kinderpornografie, des Missbrauchs und der Nötigung, die gegen R. Kelly erhoben wurden und werden, umfassend aufgearbeitet.

Für die Anfang des Jahres beim US-Kabelsender Lifetime ausgestrahlte Dokumentation hat Hampton Expert_innen befragt, die R. Kellys zahlreiche Gerichtsprozesse verfolgt haben. Sie hat Mitarbeiter des R’n’B-Stars interviewt, die den systematischen Missbrauch minderjähriger und erwachsener Frauen gedeckt haben. Vor allem aber hat sie die Betroffenen und deren Angehörige zu Wort kommen lassen – und ihnen ein Forum geboten, um über ihre Gewalterfahrungen mit dem Musiker zu sprechen, der bis vor kurzem noch überall auf der Welt ungestört Konzerte geben konnte. Nun nicht mehr. Warum erst jetzt?

Gizem Adıyaman (Foto: David Mühlfeld).
Gizem Adıyaman (Foto: David Mühlfeld).

Vielleicht, weil dank der medienwirksamen #MeToo-Debatte endlich eine Atmosphäre herrscht, in der Betroffene sexualisierter Gewalt neben dem üblichen victim blaming mit bedingungsloser Solidarität rechnen können. Vielleicht aber auch, weil die Graswurzelbewegung #MuteRKelly schon seit Jahren mit Protestaktionen vor Kelly-Konzerten in den USA und dazugehörigem Hashtag den Boden für diese Aufarbeitung bestellte.

Gizem Adıyaman, eine Hälfte des Berliner DJ-Duos Hoe_Mies, ist mitverantwortlich dafür, dass die Bewegung unter dem Namen #RKellyStummschalten nun auch in Deutschland angekommen ist. Es geht ihr darum, gegen die Konzerte des Sängers zu protestieren, die im April noch hierzulande stattfinden sollten. Auch Adıyaman bekommt häufig die Frage zu hören, warum sie sich erst jetzt gegen Kelly engagiere, wo die Vorwürfe gegen ihn doch schon teilweise 20 Jahren alt seien. „Damals war ich halt acht“, antwortet sie lachend, als wir uns in einem Café in Berlin-Moabit treffen. Klar. Aber am Ende des Gesprächs sind wir uns sowieso einig: Es ist nie zu spät, sich von toxischem Verhalten und problematischen Künstler_innen zu emanzipieren.

SPEX: Gizem, du hast die Petition #RKellyStummschalten mitinitiiert, die sich dafür einsetzt, dass die Deutschland-Konzerte des R&B-Sängers R. Kelly abgesagt werden. Wie kam es dazu?

Gizem Adıyaman: Kurz nach der Veröffentlichung von Surviving R. Kelly wurde in der US-Radioshow Breakfast Club darüber gesprochen, dass die einzigen Konzerte von R. Kelly, die noch nicht abgesagt wurden, in Deutschland stattfinden sollen. Darüber habe ich mich mit Salwa (Houmsi, Musikjournalistin und DJ, Anm. d. Red.) unterhalten. Sie kam auf die Idee mit der Petition. Lucia (Luciano, die andere Hälfte von Hoe_mies, Anm. d. Red.) und ich waren direkt dabei, denn: Wir hatten einfach keinen Bock darauf, dass der Typ hier auftreten darf.

Wie organisiert man so eine Petition?

Wir nahmen Kontakt zu den #MuteRKelly-Gründer_innen in den USA auf, und später noch zu ein paar Campaigner-Freund_innen hier, die uns geholfen haben. Ohne diese ganzen Menschen wäre es super schwer gewesen, die Aktion sichtbar zu machen. Unser erstes Ziel waren 10.000 Unterschriften, mittlerweile sind wir bei fast 40.000. Damit hätte ich nicht gerechnet.

Eure Petition hat dazu geführt, dass das Konzert in Sindelfingen bei Stuttgart abgesagt wurde. Aber das Hamburg-Konzert nicht. Denkst du, das wird sich noch ändern? 

Wir hoffen, dass es noch abgesagt wird. Bislang argumentiert der Hamburger Veranstalter mit den hohen Ausfallzahlungen, die ihm drohen. Die Halle, wo das Konzert im April stattfinden soll, wird allerdings vom Bezirk Hamburg-Nord verwaltet. Vergangene Woche haben wir jemanden in die dortige Bezirksversammlung geschickt, um über unser Anliegen zu sprechen. Da hieß es wohl, dass geprüft würde, ob und wie der Vertrag aufgelöst werden kann. Wenn du an die Menschen herantrittst und denen erklärst, worum es bei dieser Sache geht, verstehen die das auch. 

Es gibt aber Leute, die das anders sehen. Irgendwer wird sich ja wohl ein Ticket gekauft haben für das Konzert, oder?

Klar. Manche finden auch, man müsse Künstler und Werk trennen. Andere sagen, die Kampagne sei nicht fair, weil Kelly ja nicht gerichtlich verurteilt wurde. Aber es ist ja nicht so, dass er noch nie wegen Kinderpornografie vor Gericht gestanden hätte. Er wurde einmal freigesprochen, weil die Beweismittel ohne Durchsuchungsbeschluss beschafft wurden. Oder es gab außergerichtliche Einigungen. Das ist für mich kein Beweis für seine Unschuld.

Im Zuge der Doku wurden in den USA wieder Ermittlungen gegen Kelly aufgenommen.

Und eine unserer Hoffnungen ist, dass die Ermittlungen in den nächsten Wochen soweit voranschreiten, dass er gar nicht erst ausreisen darf und das Konzert in Hamburg deshalb nicht stattfinden kann.

Der Veranstalter in Stuttgart schickte kurz vor der offiziellen Absage des Konzerts eine Pressemitteilung raus, in der er darauf hinwies, dass sich in Spotify-Playlists von Hoe_mies auch Songs von problematischen Künstlern wie etwa Tekashi 6ix9ine befänden, der ebenfalls wegen Kindesmissbrauchs angeklagt und verurteilt wurde. Und auch ein Song von R. Kelly. Stimmt das?

Also erst mal fand ich diese Aktion von ihm sehr fragwürdig, weil wir diesen Veranstalter nie persönlich angegriffen oder seinen Namen erwähnt haben. Es ging immer nur um dieses eine Konzert. Obwohl er sich die ganze Zeit schon komisch verhalten hat und in inzwischen gelöschten Facebook-Posts Kelly als „the world‘s greatest“ feierte und versprach, hinter ihm zu stehen. Außerdem investiert dieser Veranstalter ständig in problematische Künstler. Aber was die Songs angeht: Es stimmt, dass diese Songs sich auf Spotify-Archivlisten von uns und Salwa befanden. Inzwischen haben wir sie gelöscht.

„Als DJ habe ich einen Bildungsauftrag“

Ihr spielt diese Songs nicht auf Partys?

Nein. Der Song „Back & Forth“ von Aaliyah, auf dem auch R. Kelly zu hören ist, war wohl in einer unserer Spotify-Archivlisten. Das war uns gar nicht bewusst, weil in diesem Archiv über zweitausend Songs sind. Da muss jemand ganz schön gediggt haben, um den zu finden. Generell finde ich aber, dass es zwei unterschiedliche Dinge sind, ob du einen Song von R. Kelly in einer alten Spotify-Liste rumliegen hast, oder so einen extra buchst und ihm Geld hinterher schmeißt.

Mit euren Partys wollt ihr ja explizit Frauen, Queers und People Of Color ansprechen. Ihr spielt vor allem Hip-Hop und R‘n‘B. Worauf achtet ihr bei der Musikauswahl?

Es gibt viele Artists, die richtig gute Musik machen, die wir als DJs aber nicht spielen möchten. Als Privatpersonen können ja alle hören, was sie wollen. Aber wenn ich auf einer Bühne stehe, habe ich eine bestimmte Funktion.

Was meinst du damit?

Ich überlege, wem ich ein Forum geben will. Als feministische DJ haben ich auch einen Bildungsauftrag. Das Album von XXXTentacion zum Beispiel hat Lucia total gerne gehört. Es bedeutet ihr was und das verstehe ich. Aber wir haben beschlossen, ihn auf Partys nicht zu spielen. Die Vorwürfe gegen ihn sind einfach zu heftig: Ihm wurde vorgeworfen, seine Ex mehrmals verprügelt, eingesperrt und einmal fast zu Tode stranguliert zu haben.

Reden ist die halbe Arbeit: Hoe_mies (Foto: Franz Becker).

Es hieß ja, dass nach der Ausstrahlung von Surviving R. Kelly dessen Streamingzahlen auf Spotify extrem hoch gegangen seien. Viele Medien argumentierten daraufhin, dass R. Kelly eben immer noch total viel Rückhalt von seinen Fans hätte. Ich sehe das anders. Ist es nicht eher so, dass wir bestimmte Songs mit persönlichen Erinnerungen verbinden, und dass die Doku womöglich mit ihrem Fokus auf die Neunziger- und Nullerjahre dafür gesorgt hat, dass wir unsere eigene Vergangenheit Revue passieren ließen? Und womöglich R. Kelly darin irgendeine Rolle gespielt hat?

Genau, erstens das und zweitens spielt auch die Neugier eine Rolle. R. Kelly und die Art von Musik, die er gemacht hat, haben gerade viele jüngere Leute ja gar nicht auf dem Schirm. Natürlich will ein 20-Jähriger, der die Doku sieht, herausfinden, was das für ein Künstler war, welche Art von Mucke er gemacht hat.

Hast du persönlich einen problematic fave?

Klar, ich mag zum Beispiel Dancehall sehr gern und höre viel von dem Künstler Vybz Kartel, der gerade eine lebenslange Haftstrafe absitzt, weil er seinen früheren Geschäftspartner umgebracht hat. Nach außen kann ich das überhaupt nicht gutheißen, deshalb spiele ich das nicht auf den Partys. Aber privat ist das eine andere Sache. Ich sehe natürlich den Widerspruch darin, weswegen ich echt kritisch bin, was Moralkeulen angeht.

Wie zieht ihr bei euren DJ-Sets eigentlich die Grenze zwischen sexpositiven und sexistischen Songs?

Indem wir uns vorab über einzelne Songs unterhalten. Lucia und ich reden sehr sehr viel, das ist die halbe Arbeit. Wir positionieren uns als Veranstalterinnen ja auch politisch. Daher ist es wichtig, dass wir uns immer wieder selbst hinterfragen: Ist es jetzt richtig, diesen Song oder diesen Artist zu spielen? Wofür steht dieser Song überhaupt, wofür stehen wir?

Du würdest also sagen, dass sich Künstler_innen und Werk nicht voneinander trennen lassen?

Das ist ein sehr schwieriges Thema. Aber wenn es, wie im Fall R. Kelly, um 20 Jahre systematischen Missbrauch geht, dann habe ich einfach keinen Spaß an seinen Songs, die sich ja ironischerweise viel um Sex drehen. Hinzu kommt, dass Männer wie Harvey Weinstein oder R. Kelly nur tun und lassen konnten, was sie wollten, aufgrund ihres Werks. Sie waren erfolgreich, einflussreich und mächtig. Das US-Rechtssystem schützt ja vor allem reiche Menschen, die sich teure Anwälte, hohe Kautionen oder außergerichtliche Einigungen leisten können. Da entsteht eine gewisse Macht, die nicht vom Werk zu trennen ist, und diese Macht wird missbraucht, um vielen Frauen Schaden zuzufügen.

Geht es nicht auch um den Umgang des jeweiligen Täters mit den Anschuldigungen?

Na klar, hätte R. Kelly gesagt: Ja, ich habe ein Problem, ich stelle mich der Sache und gehe in Therapie oder in den Knast, dann wäre das eine andere Message gewesen. Aber er zahlt ja seit Jahrzehnten Schweigegeld, um ungestört weitermachen zu können. Dann wiederum gibt es Fälle wie den des Schauspielers Morgan Freeman, dem im Zuge der #MeToo-Debatte vorgeworfen wurde, er würde Grenzen überschreitende Kommentare gegenüber Frauen an Filmsets machen. Als das öffentlich wurde, hat Freeman sich öffentlich dafür entschuldigt. Ich meine, dieser Mann ist uralt und selbst er hat es hingekriegt, zu reflektieren und seine Fehler einzugestehen. Das sollten wir auch würdigen. 

„Dave ChaPpelle hat Sketches darüber gemacht, wie R. Kelly auf kleine Mädchen uriniert. Und die Leute haben gelacht!“

Spotify lässt einen neuerdings Artists sperren, von denen man keine Musik mehr vorgeschlagen bekommen möchte. Wie stehst du zu dieser Funktion? Findest du, dass der Streamingdienst sich damit auch aus der Verantwortung zieht, problematische Inhalte selbst zu verwalten?

Ich finde nicht, dass sich Spotify aus der Verantwortung zieht. Im Gegenteil: Mit dieser Funktion wird #MuteRKelly ja direkt aufgegriffen. Insofern bewerte ich das auf jeden Fall positiv. So können sich nämlich die einzelnen Nutzer_innen nicht mehr aus der Verantwortung ziehen. Denn es bringt nichts, Menschen zu bevormunden, auch wenn sich das viele Leute wünschen würden.

Nun sprechen wir in Deutschland, ob aufgrund von #MeToo oder #MuteRKelly, vor allem über Fälle von sexualisierter Gewalt, die sich in den USA zugetragen haben. Aber wie ist das hierzulande: In der hiesigen Musikszene wird ja sicher auch über den ein oder anderen Artist gemunkelt, dass er sich unangemessen oder gar gewalttätig gegenüber Frauen verhält. Ihr spielt ja mittlerweile auch an Orten wie dem Splash Festival, wo die ganze Hip-Hop-Szene zusammenkommt. Kommen dir solche Dinge zu Ohren? Und wenn ja, wie gehst du damit um?

Natürlich höre ich Sachen und ich merke mir das. Als Hoe_mies geht es uns ja auch darum, die Hip-Hop-Szene inklusiver zu machen. Also müssen wir solche Hinweise ernst nehmen. Wenn ich einem Typen begegne, gegen den es konkrete Vorwürfe gibt, schaue ich schon, ob sich eine Gelegenheit ergibt, darüber zu sprechen.

Ist das schon mal passiert?

Ja, es gab mal eine Situation, in einem Studio. Ich bin in der Kaffeeküche dort einem Deutsch-Rap-Künstler begegnet, der ein paar Aussagen gemacht hatte, die ich echt problematisch fand. Ich habe mich dann ganz locker mit ihm darüber unterhalten und er war auch offen dafür. Und ich glaube, das ist wichtig.

Aktionen wie #MeToo oder #MuteRKelly sind ja nur möglich, weil sich Betroffene über Social Media schneller Gehör verschaffen können. Ein Vorwurf, der häufig gegen diese callout culture zu hören ist, lautet: Sie würde sich zu sehr auf einzelne Prominente fokussieren, statt Strukturen anzuprangern, die überall Unterdrückung institutionalisieren. Was denkst du darüber?

Dem Vorwurf kann ich nur zustimmen. Die mediale Skandalisierung von problematischen Persönlichkeiten finde ich langfristig wenig effektiv und auch überhaupt nicht hilfreich für die Geschädigten. Aber in dem Punkt hat #MuteRKelly alles richtig gemacht. Die ganze Argumentation dieser Bewegung gründet ja auf der Einsicht, dass das Justizsystem in den USA für Schwarze Menschen nicht funktioniert. Und vor allem nicht für Schwarze Frauen, die eben den Großteil der Betroffenen in diesem Fall ausmachen. Aber klar, ich finde es auch affig, wenn Skandale um einzelne Promis gemacht werden und die Paparazzi deren Häuser umzingeln.

Welchen Umgang wünschst du dir stattdessen?

Vielmehr sollten wir doch darüber sprechen, dass Betroffene sexualisierter Gewalt selten geglaubt wird, dass sie unter enormem Druck stehen, dass sie verhöhnt und verarscht werden. Ich meine, Dave Chappelle hat Sketches darüber gemacht, wie R. Kelly auf kleine Mädchen uriniert. Und die Leute haben gelacht! Aber wir sind eben alle nicht perfekt. Es ist nie zu spät, sich von dem Ganzen zu distanzieren.