„Wir folgen dem Kompass unserer Herzen“ – Phoenix im Interview

Foto: Antoine Wagner

Im Juni erschien Ti Amo, das sechste Album von Phoenix. Die französische Band hat sich darauf dem Italo-Disco-Sound der Achtziger verschrieben und versprüht großflächig Lust auf Sommer, Sonne, Zitroneneis. SPEX hat Gitarrist Laurent Brancowitz und Sänger Thomas Mars auf dem Melt!-Festival getroffen und mit ihnen über Liebe in Zeiten des Terrors, die Durchmischung von Sprachen und Kulturen sowie über das Verhältnis zu einem ganz bestimmten Phoenix-Fan gesprochen: Mars’ Ehefrau Sofia Coppola.

Thomas Mars, Laurent Brancowitz, das neue Phoenix-Album Ti Amo hat einen sommerlichen Italo-Disco-Vibe. Dabei wurde es in Zeiten aufgenommen, in denen der Terror vermehrt Frankreich traf, nämlich auch während der Anschläge auf das Bataclan in Paris. Gab es eine spezielle Intention, in Zeiten von Angst und Hass in Europa solche Musik aufzunehmen?
Laurent Brancowitz: Keine Intentionen.
Thomas Mars: Nur Konsequenzen.
LB: Nichts, was wir machen, ist intentional. Wir folgen dem Kompass unserer Herzen. Dieses Mal brachte er uns zu diesem sehr sonnigen Ort. Ich denke aber schon, dass es eine Konsequenz dessen ist, was geschehen ist. Ich denke nicht, dass wir solch ein Album vorher, in „normaleren“ Zeiten, hätten machen können.
Mars: Da gibt es diesen rebellischen Zustand, den viele Künstler haben. Man sucht nach etwas, testet seine Grenzen aus. Für uns musste dieser Zustand dieses Mal ein offener, leichter sein, ein vergnüglicher und hedonistischer.

Ist das Album damit auch ein Ruf nach Liebe in solchen Zeiten?
TM: Ja, aber der geht nicht an die Menschen da draußen, sondern nur an uns. Wir erhoffen uns keine Reaktion, keine Antwort auf diesen Ruf. Es gab allerdings schon den Drang, diesen Schritt zu machen. Auf seine Art ist es also eine Reaktion auf die aktuellen Zeiten.

Woher kommt die Faszination für Italien?
LB: Von vielen Seiten. Es gibt die familiäre, denn Christian [Mazzalai] und ich sind beide Halbitaliener. Thomas’ Familie ist halb italienisch. Kann man das so sagen?
TM: Ja, das kann man.
LB: Dann ist da noch die Kultur. Die großartige Musik, die nicht sehr viele Menschen in Frankreich kennen. Wir haben einiges entdeckt in den letzten zehn Jahren: Lucio Battisti, Franco Battiato und so weiter. Das ist sehr, sehr schöne Musik. Zudem die Filme, die Kunst.

Sind das Dinge, die in Frankreich nicht sehr bekannt sind?
LB: Nein, nicht sehr.

„Unsere Musik entsteht aus Langeweile und dem Willen, jegliche angeborene Kultur zu zerstören.“ Thomas Mars

Deutschland hat im Vergleich eine längere Tradition des Italienfetischs.
LB: Ja, das stimmt.
TM: Wir mögen es, wenn sich die Dinge vermischen. Unsere Musik entsteht aus Langeweile und dem Willen, jegliche angeborene Kultur zu zerstören. Wir vermischen diese Dinge von Anfang an. Wenn Sie „ti amo“ mit einem deutschen Akzent aussprechen, dann ist da für mich eine Verknüpfung. Das ist beinahe das Deutsch meiner Mutter. Wenn ich „ti amo“ höre, dann nie so, wie Italiener es aussprechen würden, sondern immer in dieser durch das Deutsche verzerrten Version. Dass sich Dinge vermischen und eine eigene Sprache entsteht, das ist es, was wir erreichen wollen.

Ist das auch der Grund, warum im Titelstück „ti amo“ in verschiedenen Sprachen gesungen wird?
TM: Genau.
LB: Hinzu kommt, dass wir genug haben von der amerikanischen und britischen Dominanz über die europäische Psyche.

Das wiederum ist eine sehr französische Aussage.
LB: Vielleicht. Aber es sollte eine kontinentaleuropäische sein. Wir müssen uns dieser Monokultur widersetzen. Es ist wie bei der Landwirtschaft: das Monsanto des Geistes. Damit meine ich, dass in der heutigen Zeit die Menschen nur noch über dieselben Dinge reden und scheinbar alle derselben Meinung sind. Deshalb lieben wir Kraftwerk. Sie sind vielleicht unser wertvollster Einfluss. Sie haben es geschafft, ihr eigenes Universum, ihre eigene Mythologie zu erschaffen. Sie sprachen nicht von Cadillacs, sie sprachen von den Träumen der Menschen. Und sie hatten ganz eigene Träume. Das ist es, was wir auf bescheidene Art erreichen wollen.
TM: Und sie haben ihre Texte großartig übersetzt. Tour de France ist in perfektem Französisch eingesungen. Mit der Übersetzung funktioniert das ähnlich wie bei Ti Amo.
LB: Ich bin mir ganz sicher: Tour de France ist Kraftwerks Ti Amo.

Kommen wir nochmals zurück zu den verschiedenen Kulturen. Monsieur Mars, Sie sind halb Deutscher, Monsieur Brancowitz, Sie halb Italiener.
TM: Er ist auch halb Deutscher.
LB: Ein bisschen Französisch ist trotzdem noch drin.

Natürlich. Monsieur Mars, ihre Frau Sofia Coppola kommt aus einer italienisch-amerikanischen Familie. Gibt es in diesem Zusammentreffen verschiedener Sprachen und Kulturen Eigenheiten, die Sie aus diesen einzelnen Kulturen ziehen, die es Ihnen besonders angetan haben?
TM: Was schön ist: Wir denken schon gar nicht mehr in kulturellen Kategorien. Ich lebe in New York City, und die Sache die mich am meisten beeindruckt ist, dass Deutsche, Italiener, Franzosen dort immer davon reden, was denn so die kulturellen Unterschiede seien. Wir dagegen versuchen uns zu verlieren, alles zu vermischen und das alles nicht zu sehen. Was manchmal sehr hart ist, denn das Festival zum Beispiel, bei dem wir uns gerade aufhalten, ist unglaublich deutsch. Aber wir wollen gerne die Welt als ein und denselben Ort wahrnehmen. Ansonsten zieht man aus diesen verschiedenen Kulturen eine ständige Neugier. Es ist eine ständige Bereicherung, und das ist nicht bloß theoretisch so, es ist ein Fakt.
LB: Wir mögen die Vermischung von Kultur. Wir mögen es, wenn zum Beispiel Leute aus Liverpool versuchen, Rhythm’n’Blues zu machen, wenn David Bowie versucht, ein Schwarzer zu sein, oder wenn ein Italiener versucht, New Yorker Disco-Musik zu machen. Wir mögen es, wenn die Sachen verschwimmen. Manchmal passiert das, und die Leute versuchen, etwas eigenes daraus zu machen. Das ist das Beste. Manchmal ist es aber auch das Schlechteste.

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