»Wir bedienen keinen philosophischen Stammtisch« – Stabil Elite im Interview

Foto: Jan Thierhoff

Tief im Westen leben Stabil Elite. Die Band aus Düsseldorf kokettierte auf ihrem 2012 erschienenen Debüt clever mit Krautrock- und Wave-Bezügen. Douze Pouze galt damals trotz und wegen der aus rein oberflächlicher Perspektive überholt wirkenden Sound-Referenzen als eine der deutschsprachigen Pop-Sensationen des Jahres. Einer der Stempel, den die Texte schnell verpasst bekamen, lautete »Dada-Lyrik« – zur Verwunderung der Band. Denn gerade die seitens der Dadaisten angestrebte Aufhebung der Differenz von Leben und Kunst passt nicht wirklich zum Konzept des Quintetts. Künstlichkeit wird auch auf dem am Freitag erscheinenden Album Spumante groß geschrieben – beziehungsweise pink. Zum SPEX-Gespräch trifft man sich in der Nähe des ehemaligen Kling-Klang-Studios von Kraftwerk. Doch das will nichts heißen. Getrunken wird dabei übrigens auch kein italienischer Schaumwein, sondern Schwarzer Tee.

Spumante wirkt verspielter als Euer Debüt. Auf der Doppelsingle kann man sogar ein paar Jazz-Passagen ausmachen. Eure vorsätzliche Entfernung vom Kraut-Kosmos?
Lucas Croon: Ich empfinde auch schon die erste Platte als Pop-Entwurf. Aber es stimmt, der Kraut-Bezug ist nicht mehr so stark wie auf unserem Debüt. Unter anderem spielt das Saxophon nun eine zentrale Rolle, auch wenn es nur in drei Stücken auftaucht.
Martin Sonnensberger: Timo studiert Kontrabass. Deshalb haben wir auch schon Konzerte in einer anderen Konstellation mit diesem Instrument gespielt. Das färbt sicherlich ab.
Nikolai Szymanski: Es ist sehr organisch, aber immer noch abstrakt. Eine Jazz-Atmosphäre war aber nicht bewusst angelegt. Was den Düsseldorfer Kontext angeht: Wir haben den damals wie eine Art Schutzschicht genutzt. Dieser Aufhänger fungierte durchaus als Kunstsprache. Ich würde schon sagen, dass wir das jetzt bewusst aufgegeben haben. Die Düsseldorfer Musiktradition verwenden wir nicht mehr als Argument für uns. Das hat uns in der Rezeption damals auch ab einem gewissen Punkt genervt, weil dieser Blick dann doch sehr einseitig war. Wir wurden fast nur noch mit Kraftwerk und Dada in Verbindung gebracht. Diese lautmalerischen Passagen stammen aber von unseren früheren Sachen. Ich glaube, es gab damals für viele einfach die Notwendigkeit, unsere Musik und Texte mit Begriffen zu besetzen.

»Wir wurden fast nur noch mit Kraftwerk und Dada in Verbindung gebracht.
Es gab die Notwendigkeit, Musik und Texte mit Begriffen zu besetzen«

Ich habe die textliche Einordnung nie nachvollziehen können. Die Dadaismus-Bewegung wollte schließlich den Unterschied von Kunst und Leben aufheben. Stabil Elite hingegen merkt man das Inszenierte und eine gewisse Form von Ironie stets an. Das gilt insbesondere für Euer neues Album. Der Gesang ist zum Beispiel ziemlich exaltiert. Auf Euch scheint vielmehr das zuzutreffen, was Susan Sontag einmal als Camp beschrieb: Die Sympathie für »das Theatralische« und »gewisse Extravaganzen«. Hinzukommen noch die »Vorliebe für Übertreibung« und die sentimentale Beziehung zur Vergangenheit – in Eurem Fall das romantische Verhältnis zum Krautrock.
Lucas Croon: Ich erinnere mich gerade an einen Satz, der besagt, dass man sich das Große in der kleinen Welt konstruiert hat. Diese Form des Inszenierten passt durchaus zu Düsseldorf, weil die Stadt sich selbst gerne als Metropole präsentiert. Aber das ist sie im Endeffekt gar nicht. Im Grunde ist es hier im klein und beschaulich.
Nikolai Szymanski: »Künstlich« trifft es ganz gut. Es ist eine Prämisse, dass man seine inneren Konflikte und Gefühle über Songs ausdrückt. Dieses Klischee wollten wir ganz bewusst untergraben, weil uns das nicht entspricht. Das heißt aber nicht, dass in unsere Musik nichts Persönliches einfließt. Aber das ist wesentlich kodierter und stärker in Szene gesetzt. Ich finde es wichtig, dass es diesen Kunstgriff gibt. Natürlich gibt es ehrliche Singer/Songwriter, bei denen das auch ohne funktioniert. Aber ich finde es schwer, mit dieser Form ein poetisches Level zu erreichen und mehr als einen philosophischen Stammtisch zu bedienen. Das ist doch ausgelutscht.

Trotzdem sieht man auf dem Cover von Spumante eine Bar. Man schaut euch durch Glas beim Schaumweintrinken zu.
Nikolai Szymanski: Im Grunde steckt hier bereits das Thema der inszenierten Privatheit drin. Das wollten wir auch mit dem Artwork ausdrücken.
Martin Sonnensberger: Das Cover passt auf jeden Fall gut zu unserem Stück »Welt hinter Glas«.
Timo Hein: Die Bar ist übrigens auch eine Kunstinstallation. Aber nicht von uns, sondern vom Künstler Andreas Schmidt. Sie war früher mal eine Galerie.

Auch das Cover der aktuellen Trümmer-Platte Interzone ziert eine Bar. Zufall?
Lucas Croon: Ich habe mich wirklich schon gefragt, wie das sein kann. Wir haben nicht voneinander abgeschaut. Auch Trümmer nutzen diese pinke Neonschrift und die Bar als fiktiven Ort – vielleicht ist das gerade der Zeitgeist.
Nikolas Szymanski: Prinzipiell verhält es sich wie bei einer themenbezogenen Arbeit in der Schule. Die Aufgabenstellung und das Material waren gleich, die Auslegung jeweils ganz unterschiedlich. Trümmer haben das viel düsterer umgesetzt.
Lucas Croon: Bei uns ist es eine glanzvollere Welt geworden. Wir waren auch ein wenig von Helmut Dietls Serie Kir Royal beeinflusst. Bei uns ist es eine Art Schickimicki mit Augenzwinkern. Andererseits gibt es diese Welt in Düsseldorf auch wirklich. Ich sage nur: aufgestellte Kragen.
Nikolas Szymanski: Das gilt aber genauso für Hamburg. Dort gibt es ein St. Pauli ohne Ironie und ein bewusstes Spiel damit. In Bezug auf Trümmer erkennt man übrigens ein lustiges Phänomen: Auf deren neuer Single habe ich viele englische Phrasen wahrgenommen. Dieser unbefangene Umgang mit englischen Textteilen war doch eines der vielen Charakteristika von Distelmeyer und der Hamburger Schule, die Trümmer als Bezugsquelle eher von sich weisen. Und genau das machen wir im Grunde mit dem Düsseldorfer Kontext. Aber irgendwie ist dieser städtische Kontext nun mal einfach da. Hinzukommt, dass das Milieu, in dem wir als Band großgeworden sind, eine Kunstszene ist. Dadurch entstehen auch diese Tiefe in der Künstlichkeit und eine direktere Nähe zum Rollenspiel. Wir kommen aus einem anderen Lager, wir sind keine Dorfpunks aus dem Keller – was natürlich überhaupt nicht schlimm wäre.

»Auch Trümmer nutzen diese pinke Neonschrift und die Bar als fiktiven Ort – vielleicht ist das gerade der Zeitgeist.«

Auf Spumante findet man viele Zeilen aus Hits der deutschsprachigen Pop-Geschichte. In »Jugend ohne Gott« zitiert ihr den Fehlfarben-Song »Es geht voran«. Dann ist da noch die Nummer »Tief im Westen«. Die Zeile stammt aus Herbert Grönemeyers »Bochum«-Hymne, in der Düsseldorf nicht gerade gut wegkommt. Bei Grönemeyer folgt der Zusatz »wo die Sonne verstaubt«. Bei Euch hingegen heißt es »dort, wo der Hochmut wohnt«. Was reizt Euch an dieser intertextuellen Form?
Lucas Croon: Ich würde sagen, dass es im Fall von Stücken wie »Tief im Westen« die neuen Kontextsetzungen von bereits bekannten Sätzen sind.
Nikolas Szymanski: Es gibt hier nur eine Überschneidung mit Grönemeyer. Für das Ruhrgebiet und Düsseldorf gilt die geographische Verortung des tiefen Westens. Aber mit dem Begriff des Westens verbindet man heute natürlich ganz andere Dinge als vor 30 Jahren. Uns dient das gleichzeitig als ironisches Spiel mit den Reaktionen auf unser erstes Album. Die Kategorie »Düsseldorfer Sound« ist nämlich ebenso aus einer anderen Zeit übernommen. Trotz dieser Querverweise müssen aber nicht alle Texte dechiffriert werden. Die Worte verfolgen bei mir keine Stellvertreterpolitik.

Stabil Elite live
18.05. Hamburg – Hafenklang
20.05. Berlin – Bi Nuu
21.05. Düsseldorf – FFT Theater
09.07. Düsseldorf – Open Source Festival
16.07. Köln – Olympia Fest

SPEX verlost 2×2 Tickets für die Record Release Party am 20.05. in Berlin unter allen, die bis zum 18.05. eine Mail mit dem Betreff »Stabil Elite« an gewinnen@spex.de senden. Das Los entscheidet!

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