»Wir arbeiten punkrockmäßig« – Camp Inc. im Interview

Two robots looking at things: Sebastian Ingenhoff und Roland »Kaiser« Wilhelm sind Camp Inc.

Ein Jahr nach dem ursprünglich geplanten Erscheinungsdatum veröffentlicht das Kölner Duo Camp Inc. nun sein Debütalbum. Eigentlich verbietet sich aus musikjournalistischer Perspektive die Frage nach dem Künstlernamen. Umso erfreulicher, dass die Kassettenliebhaber Roland »Kaiser« Wilhelm und Sebastian Ingenhoff im Gespräch ganz von selbst auf die Elemente ihres Bandnamens zu sprechen kommen. Camp Inc. werkeln an rauen Technobeats, öffnen sich auf Perché La Notte (eine Anspielung auf den Song »Because The Night« von Patti Smith) aber auch dem Krautkosmos. Gelegentlich dichtet man dem Zitatpop-affinen Duo Chicago-House-Züge an. Nicht falsch, aber auch nicht ganz richtig, wie die Musiker im SPEX-Interview erklären. Das Gespräch konnte auch dank geliehener Batterien für das Diktiergerät zu Ende geführt werden. Davon gibt es im Kölner Dumbostudio, in dem auch Roosevelt und Von Spar an ihrer Musik arbeiten, glücklicherweise genug.

Roland »Kaiser« Wilhelm und Sebastian Ingenhoff, euer Album hat sich wegen eines Label-Wechsels um ein gutes Jahr verschoben. Fühlt man sich in so einem Fall als Künstler für elektronische Musik in der Bredouille, bestimmte Stellen noch einmal editieren zu wollen?
Roland »Kaiser« Wilhelm: Nein, wir haben nichts mehr geändert. Es war auch schon alles gemastert – diese Frage hat sich für uns nicht gestellt.
Sebastian Ingenhoff: Wir arbeiten relativ schnell und punkrockmäßig, wenn wir Musik machen. Das Album ist in nur einem halben Jahr entstanden und dieser eher knappe Zeitraum sollte sich in den Stücken auch widerspiegeln. Drei Minuten kurze Nummern gibt es im elektronischen Rahmen ja eher selten. Meistens fallen sie epischer aus – wenn man mitunter an Ostgut oder die UK-Tradition denkt. Da kommt kaum jemand unter gefühlten acht Minuten aus.

Euer Album wirkt hingegen kurzweiliger. Liegt das daran, dass die Kölner Technoszene verspielter und poppiger ist als die der Hauptstadt?
RKW: Fühlen wir uns denn der Kölner Szene zugehörig?
SI: Geografisch ist die Stadt eher klein. Naturgemäß ergibt sich dadurch mehr Austausch als in Berlin. Es kommt einfach zu Synergien. Aber nicht in dem Sinne, dass man ständig Stücke zum gegenseitigen Feedback austauscht.
RKW: Bryan Kessler von der Reihe LIKE etwa hat zwei Stücke gemixt. Aber ich würde ihn gar nicht der Szene zuordnen, in der wir uns bewegen – wenn man das überhaupt als Szene bezeichnen kann.

»Wir Nutzen Fehler produktiv.«

Und was ist mit Düsseldorf? Der Opener »Der Springer« klingt dadaistisch, erinnert an DAF.
RKW: Eher Daft Punk (beide lachen).
SI: Das ist ein Cover von Hall & Rauch, einer Krautband aus Köln. Es gibt zwei Versionen, wir haben uns für die kürzere entschieden, die auf einem Mixtape unseres Labels erschien. Es ist eines unserer Lieblingsstücke. Deshalb haben wir den Text auch eins zu eins übernommen. Gesungen hat bei unserer Variante auch noch Keshav (Sänger von Timid Tiger), der sonst nur englische Sachen produziert. Sein Studioraum ist gegenüber von unserem. Daher ergab sich auch die Schnapsidee, ihn bezüglich der Vocals zu fragen – ursprünglich wollten wir nur mit Lukas von Hall & Rauch aufnehmen. Für den Song hat Keshav seine Stimme enorm gepitcht, weshalb das Stück sehr düster und auch gewissermaßen sexy klingt. Nun überlagern sich beide Stimmen. Aber mal generell zu Düsseldorf: Vor allem aus dem Umfeld des Salon des Amateurs stammen sonst eher sehr lange, psychedelische Nummern.

Das Album klingt jedenfalls kaum nach funktionalem Clubkontext. Man hat das Gefühl, dass ihr euch am ganzen Spektrum des elektronischen Raums abarbeitet.
SI: Unser Ansatz war durchaus, andere Sphären zu erkunden. Neben Kraut findet man auch Acid House, ebenso ein dronelastiges Stück.
RKW: Es sollte prägnant, nicht langweilig werden. Viele Passagen mit Percussions wurden auch von Gastmusikern eingespielt, etwa von Philipp Jansen, dem Schlagzeuger von Von Spar. Ich selbst habe zum Teil Gitarren eingespielt, aber wir haben auch viel am Rechner rumgeklickt. Der Ansatz war keineswegs dogmatisch.
SI: Prozentual schätzungsweise 50 Prozent Hardware, 50 Prozent digital.

Viele Stücke erinnern in ihrer Rohheit an die frühe Rave-Kultur der Technoszene, die ja in den Neunzigern auch von Rainald Goetz beschrieben wurde. Der Beat pulsiert so repetitiv, als hätte die analoge Maschine ein Eigenleben entwickelt.
SI: Das Lustige ist, dass Maschinen oft Dinge machen, die man gar nicht vorhersehen kann. Das sind die interessantesten Momente: Wenn geplante Loops und Beats eine vollkommen andere Richtung einschlagen, dann verwirft man die ursprüngliche Idee.
RKW: Oftmals klingt es erst total geil, wenn die Maschine eine Fehlfunktion hat.
SI: So kann man die eigenen Fehler produktiv nutzen. Techno war natürlich schon immer eine Mischung aus Maschinenmusik und sehr warmen, menschlichen Elementen.

»Oftmals klingt es erst total geil, wenn die Maschine eine Fehlfunktion hat.«

Sebastian, du bist auch als Autor tätig. Findet sich diese narrative Tendenz auch in der Produktion von Perché La Notte oder klammerst du deine schriftstellerische Tätigkeit bei der Musik aus?
SI: Schreiben funktioniert bei mir tatsächlich ganz anders. Ich bin ein langsamer Schreiber, während sich bei unseren Produktionen schnell ein Loop ergibt, auf dem man aufbauen kann. Bei Sätzen bürste ich hingegen 50 Mal drüber. Allerdings geht es bei einem Album auch darum, die Tracks in eine Form zu gießen. Die A-Seite des Albums springt auch noch öfter zwischen den Genres. Auf einmal gibt es dann aber ein unvermitteltes Ambientstück. Wir haben schon diskutiert, was die Reihenfolge betrifft. Auf den Opener haben wir uns schnell geeinigt – mittlerweile könnte man denken, dass das Eröffnungsstück diese Tendenz bereits ein wenig andeutet.

Trotz dieser Entwicklungen wird euch häufig eine hohe Affinität zu Chicago House nachgesagt. Bei der Nummer »Broke Vultures« beispielsweise scheint diese Referenz plausibel – aber nicht, was das ganze Album angeht.
SI:Man kann schon sagen, dass diese klassischen 303-Basslines, die ja auch auf vielen alten Chicago- und Acid-Tracks zu hören sind, auf dem Album eine gewisse Rolle spielen. Auch wenn sie oftmals anders eingesetzt wird. Aber eine Affinität zu Chicago House haben wir auf jeden Fall. In der Dancemusik hat dieses Inc. bzw. Ink. ja eine gewisse Tradition, zum Beispiel bei Lipps Inc., Fingers Inc. oder Mike Ink.
RKW: Ursprünglich haben wir früher zusammen aufgelegt und auch eine Partyreihe im Coco Schmitz initiiert, einem kleinen Club in Köln. Die haben wir Camp genannt. Camp Magnetics ist außerdem der Name unseres Kassettenlabels.
SI: Die logische Konsequenz war, diese zwei Elemente in unserem Bandnamen zu verbinden. Wir interessieren uns für Camp-Phänomene, aber unsere eigene Musik illustriert das nicht unbedingt. Ein DJ, der sich DJ Funk nennt, bedient das Genre ja auch nicht immer. Oder nehmen wir die Eagles Of Death Metal: Ich kann mit der Band nichts anfangen, aber finde es schön, dass hier mit Erwartungshaltungen gespielt wird.
RKW: Ich muss gerade daran denken, dass ich in der SPEX mal einen sehr guten Artikel über die campyness von Kate Bush gelesen habe.
SI: Kate Bush und Camp? Jeder hat vermutlich eine andere Definition davon. Camp kann auch politisch sein, wenn man an John Waters denkt. Das ist ein sehr dehnbarer Begriff. Für mich geht es überhaupt nicht darum, sich über andere Sachen lustig zu machen. Ironie spielt gar keine wichtige Rolle – es geht um Phänomene, die keinem Geschmacksdiktat unterworfen sind.

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