Willkommen in der Avantgarde-»Eventbude«: Internationales Sommerfestival auf Kampnagel

Versponnene Märchen, subversive Energien und emotionale Ausnahmezustände: Bis zum 23. August führt das Internationale Sommerfestival auf der Hamburger Kampnagel-Bühne einmal wieder allerlei künstlerische Aggregate aus den Bereichen Tanz, Performance, Musik, Bildende Kunst und Film zu einem wundersamen Reigen zusammen.

Die über 50 Projekte sind Teil eines der größten europäischen Feste für zeitgenössische Kunst: Seit rund 30 Jahren wird das Internationale Sommerfestival mit Avantgarde-Anspruch nun schon in Hamburg veranstaltet. »Avantgarde-Künstler haben immer auch die Öffnung und Überschneidung der Sparten vorangetrieben«, kommentiert Festivalleiter András Siebold das reiche, dreiwöchige Programm und setzt deshalb auch 2015 wieder auf ein interdisziplinäres Konzept, bei dem sich Gattungen ergänzen und gegenseitig beeinflussen. Avantgarde für jedes Geschmäckle, könnte das inoffizielle Festival-Motto lauten, das aus der Perspektive von Pop und Performance einen Blick auf die Gegenwart leisten will.

Schon der Opener wird an wegweisende Kunstwelten aus über drei Dekaden anknüpfen: Lucinda Child erarbeitete eine neue Version ihrer bahnbrechenden Choreografie Available Light, die sie 1983 mit dem Komponisten John Adams und dem späteren Star-Architekten Frank Gehry für das Museum of Contemporary Art in Los Angeles entwickelte. Eine gebührende Eröffnung für einen Rausch der Sinne.

Bianca Casady (Foto) bringt mit ihrem Soloprojekt Bianca Casady & the C.I.A. ein zerebrales Performanceprojekt auf die Bühne, das den Zuschauer schnell in eine suggestive Parallelwelt entführen könnte. Gemeinsam mit einem Tänzer, Videokünstler und drei Musikerinnen, entwirft die eine Hälfte der Schwesternband CocoRosie geheimnisvolle Märchen, begleitet von verstaubten Pianoakkorden und diffusen Klanglandschaften.

Hervorzuheben sind die Performance-Projekte Europa Europa von Ful & The Knife und Bound to Hurt von Douglas Gordon und Philip Venable. Ersteres verspricht Disko versus Bewusstseinsschmerz: Europa Europa ist ein energisches Agitpop-Konzert der queer-feministisch-postkolonialen Gruppe FUL, voll von politischer Satire und mit ein bisschen Glitzer. Laut eigener Aussage soll die Utopie der vollständigen Auflösung der europäischen Außengrenzen eingefordert werden, im Mittelpunkt stehen mehrere Interpretationen des Asylsuchenden als starkem Symbol. Ein antinationales Bühnenstück mit exklusiver Live-Musik von und mit The Knife.

Weitere, heterogene und feinste Authentizitätskunst kommt aus dem Hause Gordon: Der Turner-Preisträger Douglas Gordon, einer der international stilprägendsten Installationskünstler, inszeniert eine Performance über die Macht der zwischenmenschlichen Gewalt. In Zusammenarbeit mit dem Komponisten Philip Venables werden in Bound To Hurt populäre Songs von Carole King über Jacques Brel bis Madonna in surreale Gewaltfantasien übersetzt. Eine Gratwanderung zwischen Aggression und Zärtlichkeit, die die emotionale Ambivalenz der Moderne gekonnt diffamiert.

Auch musikalisch schillert das Festival in maximaler Bandbreite: Vom Piano-versessenen Genresprenger Nils Frahm, der mit seinen elastischen Produktionen zwischen Electronica und Klassik gern ganze Konzertsäle in Rauschzustände versetzt über Esben & The Witch, die zum musikalischen Hexentanz laden, bis hin zur kristallinen Beat-Vandalin Emika und Pop-Ikonoklastin Inga Copeland, ist für jede Befindlichkeit gesorgt.

Internationales Sommerfest
05. – 23. 08. Hamburg – Kampnagel
Alle Informationen, Tickets und den kompletten Programmüberblick gibt’s hier.

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