William Fan – „Ich finde es wichtig, dass meine Wurzeln sichtbar sind“

Foto: Ansgar Sollmann

Best of 2017: SPEX-Redakteurin Annika Reith im Gespräch mit dem Modedesigner William Fan über Michael Jackson, augenzwinkernde Mode und den Nachholbedarf des Fashion-Standorts Berlin.

Er gilt als Berlins talentiertester Nachwuchsdesigner und als derjenige, der jede Saison die meisten Überraschungen bereithält. William Fan zelebriert seit seinem Modestudium in Arnheim und Berlin-Weißensee das gestreifte Hemd als Unisex-Basic. Aber bei aller Geradlinigkeit hat er sich seine Vorliebe für die Farbe Gold und eine gewisse Dramatik in seinen Entwürfen bewahrt. Mit seinen Kollektionen greift er autobiografische Details auf, etwa die Geschichte seiner Eltern, die von Hongkong nach Garbsen auswanderten, um ein Restaurant zu eröffnen, oder seine Jugend als bunter Vogel in der niedersächsischen Kleinstadt.

William Fan, Ihre Kollektion Garbsen Reloaded haben die Models zu Songs von Jamiroquai, Michael Jackson und der Simpsons-Titelmelodie über den Laufsteg getragen. Sie haben damit Einflüsse aus Ihrer Jugend in den Nullerjahren aufgegriffen. Können Sie sich noch an Ihr liebstes Musikvideo aus dieser Zeit erinnern?
Ich hatte eine totale Obsession für Michael Jackson. Er hatte die coolsten Videos – „Scream“ zum Beispiel, oder „Remember The Time“, wo er sich in Sand verwandelt. Alles mit Verwandlungen fand ich gut. Michael Jackson hatte damals die besten Effekte, das hat mich sehr unterhalten als Kind und Jugendlicher.

War er auch in modischer Hinsicht prägend für Sie?
Auf jeden Fall. Michael Jackson war ein sehr androgyner Typ, und seine Exzentrik fand ich immer sehr anziehend und faszinierend.

Wie sah William Fan als Teenager aus?
Experimentierfreudiger als heute. Sehr viel provokanter, sehr viel bunter, sehr viel blonder. Ich habe viel mit Haarfarben experimentiert. Meine Jugend war die Phase, in der ich alles einmal angefasst habe. Ich wollte alles ausprobieren und Grenzen austesten.

Wenn man mit Erinnerungen aus der Jugend spielt, geht das oft in Richtung guilty pleasures und bad taste. Wie viel Ironie verträgt die Mode?
Viel! Auch wenn man superschick angezogen ist, sollte es nicht zu bemüht aussehen. Man sollte sich nie zu ernst nehmen. Meine Kollektion Garbsen Reloaded ist extrem bunt, es gibt viel Glitzer und die ganzen TV-Logos auf der Brust, das war natürlich ein bewusstes Stilmittel. Ich mag es, wenn Mode einen Hauch Humor hat, ohne dabei albern oder lächerlich zu werden. Ich finde ein charmantes Augenzwinkern für moderne Mode wichtig.

Sie haben schon T-Shirts mit den Prints „Williams’s Professional Nail“ und „Fantastic Laundry Clean Service“ über den Laufsteg geschickt, Ihre letzte Kollektion verortete sich in Chinatown – war es eine bewusste Entscheidung, sich solche China-Klischees zu eigen zu machen?
Das Thema spielt für meine Marke eine wichtige Rolle. Ich finde, dass China in der Mode viel zu selten im Fokus steht, und das, obwohl es eine Textilnation ist und in der Geschichte schon immer viel Einfluss hatte. Es gibt eine Menge asiatischer oder chinesischer Designer, die kaum auf ihre Herkunft zurückgreifen, sondern einen westlich-modernen Stil haben. Ich bin in einer Chinarestaurant-Familie aufgewachsen, und es gefällt mir, mit diesen Einflüssen zu spielen und sie in meiner Mode zu verarbeiten. Das bin ich, das trage ich in mir. Ich lasse viel in Hongkong produzieren, bin deshalb häufig vor Ort und finde es wichtig, dass meine Wurzeln sichtbar sind.

Ich habe immer nur mich im Kopf. Ich muss mich selbst als Kunde überraschen und überzeugen können.“

Gab es auch Momente, in denen die Klischees Sie genervt haben, weil sie als Erwartungshaltung an Sie herangetragen wurden?
Nein, ich habe mich von Anfang an bewusst dafür entschieden. Meine Herkunft war schon immer Thema in meinen Kollektionen, aber noch nie so extrem wie in der letzten Saison. Das bezog sich aber vor allem auf das Setting, und abgesehen von den T-Shirts, die sehr offensichtlich sind, finde ich diesen Einfluss bei mir recht subtil und nur auf den zweiten Blick sichtbar, wie bei meinen Mao-Krägen oder den Längen.

Seitdem Mercedes-Benz als Hauptsponsor bei der Berliner Fashion Week ausgestiegen ist, könnte man fürchten, dass es mit der Modewoche bergab geht. Oder werden jetzt im Gegenteil neue Energien freigesetzt?
Ganz bestimmt, schon allein durch den Berliner Mode Salon und den Fashion Council. Ich kann mir vorstellen, dass die Fashion Week in Zukunft kleiner wird, dafür aber qualitativ hochwertiger. Es braucht ja auch nicht immer 300 Labels. Zehn supergute reichen doch! Ich glaube, dass viele Labels verschwinden werden, weil sie davon abhängig waren, dass es diese Plattformen gibt. Bei früheren Fashion Weeks kam es mir oft so vor, als hätte man zu viel unter einen Hut bringen wollen. Es war nie so eindeutig, wofür Berlin steht – gibt es hier nun Avantgardemode oder die besten Konfektionen für den Massenmarkt? Und ich glaube, es ist schwierig, weil es in Deutschland nicht nur eine Stadt gibt, in der sich die Branche trifft. In Berlin gibt es viel Show, aber die Redaktionen und Messen sind auf den Norden, Westen und Süden verteilt.

Ist Berlin denn eine Modestadt?
(überlegt länger) Nein, Berlin ist keine Modestadt. Berlin hat Modedesigner und die Fashion Week, das ist aber noch nicht laut genug. Wenn man im Ausland mit Leuten über Berlin spricht, denken sie nicht zuerst an Mode, sondern an Partys und die Technokultur. Ironischerweise ist der Berlinstil ja weltweit omnipräsent – die Partykultur ist momentan in allen Kollektion, von high- bis low-end, vertreten. Indirekt ist Berlin also schon sichtbar, aber die Energien sind noch nicht so stark gebündelt, dass Leute aus der ganzen Welt sagen, sie müssen hierher pilgern, weil sie wissen, dass es hier Mode gibt.

Noch nicht?
Ich glaube, die Stadt braucht noch ein bisschen Zeit, um als Modestadt wahrgenommen zu werden. Vielleicht wird Berlin das nächste London. Aktuell gibt es noch nicht genug Labels hier, die zusammen eine Strahlkraft haben, die stark genug ist. Ich finde aber, dass Berlin der beste Ort für junge Designer ist. Wie für mich: Ich lebe und arbeite bewusst hier, und es läuft gut.

Stimmt es, dass Sie alle Teile aus Ihren neuen Kollektionen selbst anprobieren?
Ja, alles. Alle Musterteile sind auf meine Figur geschnitten. Was ich mache, ist etwas sehr Persönliches, und ich finde, dass ich alles testen muss, damit ich weiß, was ich verkaufe, damit ich weiß, wie es sich als Model oder Kunde anfühlt. Die Sachen sind alle universell, also für Mann und Frau gedacht. Es gibt natürlich auch Kleider, aber jeder hat die Möglichkeit, alles zu tragen, in dieser Grauzone mit meinen Schnitten zu spielen.

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