Will Butler Policy

Arcade Fire-Multiinstrumentalist Will Butler jagt in irrem Tempo durch eine heterogene Liedsammlung: Solodebüt Policy.

Der alte Melville ist immer wieder für einen Schocker gut. Wenn amerikanische Künstler ihre Karrieren mit einem Knall beginnen wollen, stellen sie ihr Werk gern in eine Ahnenreihe mit Moby-Dick, der Geschichte von Kapitän Ahab und dessen Besessenheit vom großen weißen Wal, der great american novel von Herman Melville. Regisseur Martin Scorsese machte das in The Big Shave, einem seiner ersten Kurzfilme. Eine Rasur wird da zum blutigen Gemetzel. Und wie es für Scorsese weiterging, ist, wie man so schön sagt, Geschichte. Nun steht Will Butler sicher nicht am Beginn seiner Karriere. Seit mehr als zehn Jahren ist der Multiinstrumentalist Teil von Arcade Fire, einer der innovativsten Formationen der jüngeren Pophistorie, und eine Oscar-Nominierung hat er für seine Arbeit am Soundtrack von Spike Jonzes Her auch schon auf dem Konto. Sein Solodebüt Policy ist aber ein neues erstes Mal. Butler kündigte die Platte in der britischen Tageszeitung The Guardian mit den Worten an: »Das Ziel meiner Kunst ist es, wie Moby-Dick zu sein.« Will Butlers weißer Wal sind aber zweifelsfrei seine Band Arcade Fire und sein älterer Bruder Win. An deren Sound muss Butler sich messen lassen.

Eines wird schnell klar: Anders als Melvilles Riesenwälzer hat man Policy in weniger als einer halben Stunde durch. Acht Songs, kaum einer länger als drei Minuten. In irrem Tempo jagt Butler durch eine heterogene Liedsammlung. Rockabilly, Folk, Synthiebrummen. So schnell das Album vorbeirauscht, so sehr klingt es auch nach einer Light-Version seiner Band Arcade Fire. Selbstverständlich werden auch die ganz großen Themen abgehakt: der liebe Gott, das liebe Geld und zur Abwechslung mal Messias statt Antichrist. Was dem geerdeten Sänger Will Butler jedoch fehlt, ist die hyperemotionale Dringlichkeit seines Bruders Win. Diese Um-alles-in-der-Welt-hör-mir-zu!-Stimme, die sich der ältere Butler von Bruce Springsteen abgeschaut hat. Dass auch Will Butler die Aufmerksamkeitsschwelle überschreiten kann, zeigt er nur im hektisch-galligen und viel zu kurzen »Son Of God« in der Mitte des Albums. Am Ende bleibt ein Debüt, dessen Promotion spannender war als das fertige Werk. Für The Guardian schrieb Butler nämlich eine Woche lang jeden Tag einen Song, inspiriert von einer Schlagzeile – realpolitisches Songwriting, ganz nach Bob Dylan, dem dicksten Wal der amerikanischen Musikgeschichte. Verschenkt. Die Lieder über ukrainische Separatisten, plündernde IS-Kämpfer und die griechische Schuldenkrise hätten ein verdammt interessantes Konzeptalbum ergeben. Und einen Titel hätte Will Butler auch schon dafür gehabt.

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