Wild Billy Childish / The Buff Medways

Was das denn bringen soll, wird sich nun bestimmt so mancher Leser fragen, jetzt noch, wo man bereits eher wieder an den nächsten Sommerurlaub denkt, eine Weihnachtsplatte besprochen zu sehen. Ehrlich gesagt: es macht sogar völlig Sinn! Antizyklisches Denken ist im Zusammenhang mit Wild Billy Childish geradezu essentiell, der Mann selbst macht ja seit Jahr und Tag nichts anderes, als nicht mitzumachen, bei was auch immer. Kein Zeitgeist, keine abstrakte Kunst, keine Synthesizer: Billy Childish steht persönlich ein für ein großes ›Nein‹ gegenüber einer Welt, wie sie in den Redaktionen von »Wallpaper« oder »Vanity Fair« entworfen wird. Dass er damit selbst zu einer beinahe schon wieder hippen Symbolfigur für No Logo- und Anti Globo-Freunde geworden ist, fast schon zu einem Vertreter für die Manufactum-Klientel bei ihrer Suche nach dem Echten, Wahren und Beständigen, dafür kann er ja nichts. Billy Childish ist eben einfach einer der letzten großen Ich-zieh-nur-mein-Ding-durch-Typen, typisch englisch ist er dabei mit seinem Humor, in dem die Deutschen auf ewig »Fritz« heißen und mit dem Stahlhelm auf dem Kopf zum Einkaufen gehen.

    Leicht gestrig wirkt das alles natürlich schon und seine Musik, die klingt gleich ganz vorvorgestrig. Der Blick geht immer zurück, weil da vorne nichts mehr zu holen ist. Das zumindest ist die Erkenntnis von Billy Childish und in dem Zusammenhang kennt er bloß das Wörtchen »Basta« mit Ausrufezeichen. Vielleicht täusche ich mich also auch mit meiner Einschätzung, unser Mann hätte nichts dagegen, würde man sein »Christmas 1979«-Album auch zu Ostern auflegen. Schließlich hält er ja ganz viel von Tradition. Wenn sein Weihnachtsalbum also mit »Christmas 1979« betitelt ist, wird vor allem an die vielleicht letzte Phase der Popmusik erinnert, in der die alten Billy Childish-Helden noch wirklich etwas zählten. Punkrock war bekanntlich nichts anderes als schneller gespielter Rock‘n‘Roll. Und Typen wie Paul Weller sorgten dafür – zumindest bevor selbst Weller House für sich entdeckte –, dass jemand wie Pete Townsend nicht in Vergessenheit geriet. Danach kamen die Achtziger, Synthiepop, das Grauen also. Weihnachten hat was mit der Sehnsucht nach Zufriedenheit zu tun, doch nach ‘79 kann es für Billy Childish kein glücklich und zufriedenes Weihnachten mehr geben. Früher war halt alles besser. Musikalisch gibt es – von den paar im Subgenre Weihnachtsalbum typischen »Ho-Ho«-Gags abgesehen – natürlich das Übliche. Egal ob mit The Milkshakes, Thee Headcoats oder anderen Begleitbands, Billy Childish hält es da wie Mark E. Smith: trotz wechelnder Begleitbands macht er doch immer dasselbe. Rock‘n‘Roll halt, der nach einer verschwundenen Zeit klingt, in der sich noch niemand vorstellen kann, dass es jemals Erwachsenenpop wie in der Ära nach »Sgt. Pepper« geben könnte. Geschweige denn: Britney Spears.

The Buff Medways - The XFM Sessions     Sprich: wer´s so braucht, der braucht natürlich auch diese beiden Alben und der wird es auch begrüßen, dass die »XFM Sessions«, die Billy Childish zusammen mit den auch schon wieder aufgelösten Buff Medways eingespielt hat, von klanglich eher bescheidener Bootleg-Qualität sind. ›Mülleimersound‹ ist aber in diesen Kreisen bekanntlich eine Auszeichnung.

    Jeder Kreischer aus dem Publikum ist zu hören und das Schlagzeug klingt blechern wie auf einem Demo von The Who. Aber so soll es ja auch sein. Serviert werden Hits wie »John The Revelator« und eine Nummer nennt sich »Punk Rock ist nicht tot«. Naja, man muss halt nur fest genug daran glauben. Bei einer der Sessions sitzt übrigens Ex-Blur Graham Coxon, einer der zahlreichen beinharten Childish-Fans an den Drums. Er kann nichts am Schlagzeug, er ist also der perfekte Mann für diesen Job.

LABEL: Damaged Goods

VERTRIEB: Cargo Records

VÖ: 13.12.2007

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