Review: Wild Beasts Smother

wild-beasts-smother-album-cover    »I took the lion’s share / Just cause I knew it was there«. Hayden Thorpe singt diese Zeilen nicht, er atmet sie. Er haucht und heult sie, er entbindet sie geradezu wie einen Fremdkörper. Das Stück Lion’s Share, mit dem die dritte Wild-Beasts-LP beginnt, wirkt wie ein Mordgeständnis; es ist ein grausiges Gedicht über pathologische Geilheit, Machtgier und verlorene Beherrschung. Da geht einer – bildlich gesprochen – im Wald spazieren und trifft auf einen offenbar schutzlosen anderen. Machtpositionen werden sichtbar, aus Verlockung wird Selbstanstiftung, schließlich recht fertigt die Gelegenheit den Übergriff . »It’s a terrible scare / But that’s why the dark is there«.

    Nun waren sexuelle Allmachtsfantasien, die auf Smother als Motiv immer wieder auftauchen, selten schlechte Berater, wenn es darum ging, ein auf nachhaltige Wirkung ausgelegtes Popalbum zu konzipieren – Prince, The Cure, Frank Zappa, um nur einige zu nennen, machten es vor. Wild Beasts wachsen damit sogar über sich hinaus. Auf Smother finden sich faszinierende, bisweilen ganz und gar bizarre Szenen über Unsitte, über Abgründe und Moral. »Yer my plaything / Yeah I’m  wonderin’ / How cruel I’ve been«, heißt es in Plaything, einem weiteren Song über wehrlose Körper, und Loop the Loop, eine auf leisen Drumpatterns dahingleitende Klavier-Meditation, identifiziert das individuelle design of desire als Wurzel des menschlichen Unfriedens. Es steckt eine große Ernsthaftigkeit in dieser Musik, und das ist insofern überraschend, als dass sich die Band in der Vergangenheit zwar bereits durchaus mit Angst, Gewalt und blutigem Sex beschäftigte, ihr aber darin ein gewisser Witz attestiert wurde. Auf Smother hat der Spaß nun ein Loch; wenn der Fantast Thorpe mit hermaphroditischem Falsett und ohne ein einziges überflüssiges Wort seine grotesken Sittengemälde skizziert, reicht die Palette der Emotionen von Erregung bis Ekel.

    Musikalisch haben sich Wild Beasts deutlich von dem eher konventionellen Rock-Konstrukt ihrer früheren Alben Limbo, Panto und Two Dancers entfernt, die modische Griffigkeit des zeitgenössischen Indierocks wurde restlos abgestreift. Ihre Stücke klingen nun simpler und elektronischer, es glitzert und schillert allerorten, Bass-Synthesizer und Hall-Effekte machen die Songtexturen wunderbar flüssig. Vollends veredelt wurde dieser von elegisch bis discoid changierende Inner-City-Pop schließlich durch eine filigrane Studioarbeit, die zum Großteil Produzent Richard Formby (Mogwai, Dakota Suite) oblag, der schon seit einigen Jahren mit der aus dem nordenglischen Kendal stammenden Band zusammenarbeitet.

    Im Zentrum steht jedoch stets die melodramatische Stimme Thorpes, die an einigen Stellen frappierend an den Elbow-Sänger Guy Garvey erinnert. Doch wo Garvey mit seinem Verschnitt aus Beatles-Idylle und theatralischer Emotionsprasserei nicht selten ins Coldplay-hafte abdriftet, bleibt Thorpe völlig unnahbar und auf coole Weise unromantisch. In Bed of Nails und End Come Too Soon allerdings singt Thorpe mit dem Temperament und der Färbung Antony Hegartys, wodurch sich ein Kreis schließt – denn wenn diese neuen Wild Beasts überhaupt auf irgendeine zeitgenössische Band verweisen, dann erstaunlicherweise auf Hercules And Love Affair. Doch wo jene mit Look und Feel eine queere Disco-Ästhetik affirmieren, geben sich Wild Beasts eher wie metrosexuelle Genderbender. Zweifelsohne werden hier Rollenklischees adressiert und zugleich auf subtile Weise so weit dekonstruiert, dass am Ende nicht viel mehr übrig bleibt als der reine, von Lüsten und Lastern getriebene Mensch.

LABEL: Domino | VERTRIEB: GoodToGo | :06.05.2011

STREAM: WILD BEASTS – Albatross

Wild Beasts live:
17.05. Berlin – Comet Club Abgesagt!
12.08. Haldern (Haldern Pop)
13.08. Hamburg (Dockville Festival)

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