Wild Beasts – Die Dekonstruktion der Lederjacke

(Don't) wanna be a man: Wild Beasts (Foto: Tom Andrew)

Überholten Männlichkeitsbildern haben die Wild Beasts schon lange den Kampf angesagt. Mit ihrem neuen Album Boy King besteigen sie das Trojanische Pferd des Rock’n’Roll: mit Lederjacken, phallischem Gitarrengegniedel und gnadenloser Selbstoffenbarung.

Die Wild Beasts werden auch beim fünften Anlauf nicht müde, jedes neue Album auch mit einem neuen musikalischen Ansatz anzugehen. Die Eigentümlichkeit der Band, die in der Abwechslung von Hayden Thorpes Falsettgesang mit dem Bariton Tom Flemings liegt, sorgt ohnehin für die Wiedererkennung. Nach dem ausdifferenzierten und reduzierten Sound des letzten Wild-Beast-Albums Present Tense von 2014 wollte die Band auf Boy King das genaue Gegenteil, wie Thorpe erklärt. Die neue Platte sollte ein »What The Fuck?«-Element enthalten. Ein Blick auf das Plattencover von Boy King genügt, um festzustellen, dass die Band aus dem englischen Kendal diesem Anspruch allemal gerecht wird: Das letzte, was man von Wild Beasts erwartet hätte, wäre wohl Achtzigerjahre-Neonschrift à la Drive gewesen. Und auch musikalisch überrascht das Werk: Gitarrenbretter und sägende Synthesizer allenthalben, dazu ein Hayden Thorpe, der »You can look / But don’t touch« haucht und mit unverhohlener Sexiness kokettiert.

Natürlich ist das wohlüberlegt, natürlich steckt ein Konzept dahinter. Das Thema des Albums ist Thorpe zufolge der allmächtige, alles erobernde Mann: »Wir fragten uns, was die Verrücktheit dieser männlichen Figur am besten abbildet, und es war relativ schnell klar, dass es diese dümmliche Heavy-Metal-Gitarre sein müsste. Wir haben die Eigenheiten des Rock’n’Roll instrumentalisiert und diese klischierte Rolle bewusst nachgespielt, um uns auf diesem Weg über die Absurdität des Ganzen lustig machen.« Dementsprechend sollte es soundtechnisch diesmal aggressiv und brutal zugehen, so Tom Fleming und Thorpe ergänzt: »Uns war gleichzeitig absolut bewusst, dass wir selbst Teil dieses Rock’n’Roll-Klischees sind: vier Typen in einer Rockband. Es geht aber vielmehr darum, was es auf der emotionalen Ebene nach sich zieht, so ein Typ zu sein. Darüber wird nicht oft geredet. Als Mann bist du zu einem gewissen Grad Sklave eines solchen Männlichkeitsideals, eines Ideals, das komplett absurd und nutzlos ist.« Ein Dilemma, das sich schon im Titel der Platte spiegelt, wie Fleming erklärt: »Es geht um die mit diesem Männlichkeitsbild einhergehende Unmöglichkeit, ein Erwachsener zu sein – deshalb Boy King. Du möchtest gern einen großen, starken Mann abgeben, benimmst dich aber wie ein Kind. Das ist doch absurd, oder?«

»Sieh uns an, wir hängen hier auch in Lederjacken rum!«

Das Hinterfragen von Männlichkeitsidealen und rockistischem Machismo war schon immer Teil des Band-Selbstverständnisses. Beschriebene Ambivalenzen auch musikalisch zu thematisieren, gelang Wild Beasts seit jeher, ohne ein Abstreifen von Männlichkeit per se, ohne die Übernahme alternativer, queerer Identitäten. Wild Beasts geht es schlicht um eine Sensibilisierung für das Thema Geschlecht und die daran gekoppelten sozialen Normvorstellungen – in Thorpes Worten: »Seht her, ich bin ein ganz normaler Typ. Aber ich kämpfe mit Unsicherheiten und mit meiner vorgeschriebenen Rolle als Mann in dieser Gesellschaft.« Warum die Band damit immer wieder für Irritationen sorgt, erklärte SPEX-Autor Florian Obkircher anlässlich des letzten Wild-Beasts-Albums Present Tense mit dem Uncanny-Valley-Effekt: »Der Mensch kann mit Andersartigkeit besser umgehen, wenn auch ihre Erscheinung andersartig anmutet.« Eine Tatsache, die für Tom Fleming weniger problematisch als förderlich für die eigene Mission ist: »Es ist lustig, niemand kann uns so richtig zuordnen«, meint er – das schafft Aufmerksamkeit. »Wir sind in einer Kleinstadt im Norden Englands groß geworden. Dort wurden wir ständig mit männlichem Machismo konfrontiert. Das hat uns natürlich geprägt, und auf unsere Weise wurden wir selbst so. Zusammen sind wir Bros, wir sind eine Gang – ein typisches Männerding. Im selben Moment geht es uns als Band schon immer darum, eine Art von emotionaler Männlichkeit zu feiern und um Sensibilität für dieses Thema zu werben. Das ist eine seltsamer Zwiespalt«, erklärt Thorpe und Fleming fügt lachend hinzu: »Sieh uns an, wir hängen hier auch in Lederjacken rum!«

Songs wie »Get My Bang« oder »Alpha Female« wecken mit ihrem treibenden Beat und dem betörenden Habitus unweigerlich Erinnerungen an Prince. »Seine sexy funkiness war definitiv eine Inspiration«, bestätigt Thorpe diesen Eindruck. »Prince nutzte die Gitarre ja auch als eine Art phallische Waffe in seinem Kampf für die Überwindung von tradierten Männlichkeitsvorstellungen.« Dieser Kampf wird auf Boy King mit dem Mittel der gnadenlosen Selbstoffenbarung ausgefochten. Es gehe darum, die primitiven Triebe herauszulassen, die in der modernen Welt unterdrückt werden und ihren Ausdruck stattdessen in Banalitäten wie zügellosem Konsum finden, so Thorpe.

»Es ist nicht fair: Du musst eine sehr talentierte Frau sein, um gegen einen mittelmäßigen Mann anzukommen.«

Er besingt nicht bloß den »Tough Guy«, der er nicht ist, Thorpe verkündet darüber hinaus auch seine bedingungslose Subordination unter die »Alpha Female«: »Alpha Female / I’ll be right behind you«, lautet die Aufforderung zum Rollentausch mit dem omnipräsenten alpha male im gleichnamigen Song und ein provokanter Gedanke drängt sich auf: Regierungschefinnen, Präsidentschaftsanwärterinnen, Oppositionsführerinnen und IWF-Chefinnen – wächst die Zahl der Alphaweibchen nicht stetig? Und wäre es angesichts dieser Entwicklung nicht wichtiger, die patriarchalen Grundstrukturen der Gesellschaft aufzubrechen und prinzipiell weiblicher zu machen? »Ein guter Punkt,« meint Hayden Thorpe. »Uns ging es in dem Song aber eher darum, zu problematisieren, dass dominantes oder auch einfach ehrgeiziges Verhalten von Frauen meist mit einer Ablehnung von Feminität einhergeht. Das ist grundfalsch. In dieser patriarchalen Gesellschaft herrscht die Vorstellung, dass sexy Frauen irgendwie gezähmt und untergeordnet werden müssten. Das müssen sie nicht. Sexy Frauen können genauso durchsetzungsstark, ehrgeizig und getrieben sein, wie das für Männer angenommen wird.« In dieser Hinsicht, aber auch mit Blick das eigene Arbeitsumfeld gibt es für Bands wie Wild Beasts noch viel Material für weitere Alben, wie Fleming betont: »Sieh dir nur mal die Musikbranche an. Wie Frauen dort vertreten oder vielmehr nicht vertreten sind, ist nicht fair. Sie müssen viel härter arbeiten, um ernstgenommen zu werden. Du musst eine sehr talentierte Frau sein, um gegen einen mittelmäßigen Mann anzukommen.«

SPEX präsentiert Wild Beasts live
24. 09. Hamburg – Reeperbahn Festival
16. 10. Köln – Luxor (Support: Douglas Dare)
20.10. Berlin – Kesselhaus

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