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Wild Beasts »Boy King« / Review

Wild Beasts dekonstruieren weiter das heteronormative Indie-Slackertum und setzen bei jedem neuen Album wieder neu an: Für Boy King stand der Glamrock Pate.

Wild Beasts aus dem englischen Kendall positionieren sich gegen die heteronormativ-eierbaumelnde Post-Libertines-Lad-Rock-Generation. Darüber hinaus bricht die Band die Figur des extrovertierten, gepeinigten Sängers auf, indem sie das Falsett von Hayden Thorpe um den Bariton von Tom Fleming ergänzt. Man stelle sich Anohni vor, die Duette mit Nick Cave singt.

Angesichts ihres Debütalbums von 2008 wollte man seinen Ohren nicht trauen. Limbo, Panto war ein turbulenter, verruchter, anzüglicher Cabaret-Abend, ein aus dem Ruder gelaufenes Musical mit Indierock-Instrumentierung. Bei allem übermütigen Klamauk kam in der an Morrissey erinnernden stimmlichen Verausgabung Thorpes jedoch auch ein tiefer Ernst zum Ausdruck: Eine Romanze kippte ins irreversibel Morbide, die Lust schaute dem Tod verstörend direkt ins Auge.

Auf ihrem zweiten Album Two Dancers (2009) gaben Wild Beasts diese Theatralik auf und definierten sich mit zurückgenommenem Arte-Povera-Funk neu. Indem sie sich Indierock-Standards unmittelbarer annäherte, dekonstruierte die Band diese mit ihrem aus der Rolle fallenden Gesang noch direkter. Auf dem folgenden Smother (2011) verschwanden die melancholisch mahnenden Gitarren der frühen Smiths zugunsten variationsreicherer, oft elektronischer Arrangements, die den Songs mehr Kontur gaben. Es ging um die Abgründe, die sich auftun, wenn man einen Menschen zum Objekt seiner Begierde macht und um die emotionale Gewalt, die in allen Beziehungen lauert.

Wild Beasts setzen dem hegemonialen Indierock eine notorisch inadäquate Männlichkeit entgegen.

Natürlich setzt die Band auch mit ihrem neuen Album wieder neu an. Ausgangspunkt für Boy King war Marc Bolans Glamrock. Dem treiben Wild Beasts aber das bluesige Muckertum aus. Mit elektronischen Klängen und Effekten entwickelt ihr Sound eine ungewöhnliche Schärfe. Die Themen sind teilweise bekannt: Die »Big Cat« aus dem Opener steht am Ende der Nahrungskette und sie fragt sich, ob sie durch ihre Macht zum Souverän oder zum Monster wird. Thorpe und Fleming schlagen jedoch auch positive Töne an, etwa mit einer kompromisslosen Solidaritätsbekundung zur »Alpha Female«.

Nach wie vor liegt die Brisanz der Band darin, Männlichkeitsentwürfe nicht aus einer abstrakten Metaposition zu problematisieren. Dem Slackertum, der pubertären Bedürftigkeit und der emotionalen Ferne des hegemonialen Indierock setzen sie eine zerrissene, widersprüchliche, notorisch inadäquate Männlichkeit entgegen: Unsicherheiten und Ängste lassen eine unvermittelte Aggressivität in sich kollabieren. »I want you to love me / I want you to trust me in the bottoms of your heart / No names, no doubt.”, singt Fleming in »Ponytail«, dem besten Song der Platte. Er ist ein wunderschönes Liebeslied, unterschlägt jedoch nicht, wie vereinnahmend es ist, jemanden in die Position des Geliebten zu versetzen.

SPEX präsentiert Wild Beasts live
24. 09. Hamburg – Reeperbahn Festival
16. 10. Köln – Luxor
20.10. Berlin – Kesselhaus

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