Wild Beasts, Present Tense

Wild Beasts   FOTO: Klaus Thymann
FOTO: Klaus Thymann

Eine Konsensband sind Wild Beasts nicht. Das liegt unter anderem an Hayden Thorpes eindringlichem Falsettgesang, aber nicht ausschließlich. Die Songs ihres vierten Albums Present Tense sind einfach zu clever und elegant, um im Mainstream der Minderheiten zu funktionieren.

Konzerte von Wild Beasts sind Experimente. Vor allem auf Festivals. Zum Beispiel die Show des britischen Quartetts am Field Day im Londoner Victoria Park vor drei Jahren: Das Publikum ist noch euphorisiert vom gefälligen Sixties-Pop von The Coral, da betritt eine schmächtige Gestalt die Bühne. Jeans-Gilet, graues Kurzarmhemd, spitze Schuhe. Er schnallt sich die Bassgitarre um – hüfthoch. Als seine drei Bandkollegen dann bereit sind, setzt Hayden Thorpe zum ersten Song an. »Plaything« vom damals aktuellen Wild-Beasts-Album Smother. Begrüßungsapplaus.

Doch als Thorpe dann im Refrain mit theatralischem Gestus in die Kopfstimme wechselt, passiert etwas im Publikum. Augenbrauen gehen nach oben, andere ziehen sich zusammen. Eine Spaltung geht durch die Menge. Auf der einen Seite die Wissenden, die Fans der Band, auf der anderen: Besucher, die zufällig vor der Bühne gelandet sind.

Nicht falsch verstehen, Field Day ist eines der geschmacksichersten Indie-Festivals der Insel. Wer sich eine Karte kauft, kennt Antony And The Johnsons und hat vielleicht auch schon von Klaus Nomi gehört. Dass Thorpes Falsett-Gesang hier trotzdem polarisiert, hat vermutlich damit zu tun, dass Wild Beasts sich nicht als mystische Kunstfiguren inszenieren. Sie sind Typen mit Röhrenjeans und Dreitagebart, Typen wie du und ich. In der Psychologie nennt man das Uncanny-Valley-Effekt: Der Mensch kann mit Andersartigkeit besser umgehen, wenn auch ihre Erscheinung andersartig anmutet. In diesem Dilemma stecken die Wild Beasts seit ihrer Gründung. Oder eigentlich richtiger: die Band macht dieses Dilemma selbstbewusst zu ihrem Markenzeichen.

Darauf angesprochen, nickt Thorpe lächelnd. »Ich weiß genau, was du meinst«, sagt der 27-Jährige mit sanfter Stimme. »Bei unseren frühen Konzerten kam es vor, dass wir von Leuten im Publikum angebrüllt wurden: Wie könnt ihr es wagen, mit meiner Erwartungshaltungen an eine Rock-Show brechen? Wie könnt ihr es wagen, mich mit meiner sexuellen Unsicherheit zu konfrontierten?« Sein Kollege Tom Flemming, zweiter Sänger und Gitarrist, pflichtet bei: »Das war in der Zeit, als Bands wie die Arctic Monkeys auf Nummer eins der Charts waren – mit ziemlich stumpfer Musik. Wir fanden deren Gehabe fürchterlich machistisch.«

Die Ablehnung rockistischer Klischees liegt in der Bandgeschichte begründet. Die Mitglieder wuchsen in der nordenglischen Kleinstadt Kendal auf. Ein Nest im Nirgendwo zwischen saftig grünen Hängen und mittelalterlichen Burgruinen. Popkulturelle Anknüpfungspunkte gleich null. Um sich aus dem Pub-Rock-Sumpf ihrer Heimatstadt zu befreien, gründeten Thorpe und Gitarrist Ben Little 2002 das Duo Fauve, benannt nach der französische Kunstbewegung Anfang des letzten Jahrhunderts. Und inspiriert von Bands wie The Human League und Cabaret Voltaire, die ihre Karrieren ein Vierteljahrhundert zuvor in Sheffield aus einer ähnlichen Situation heraus starteten. »Wie sie wuchsen wir in einem reaktionären Macho-Umfeld auf und versuchten – inspiriert von bildender Kunst, afroamerikanische Musik und Schwulenkultur – etwas Anderes zu schaffen.«

Als wenig später Flemming und Schlagzeuger Chris Talbot dazustießen, taufte sich die Band in Wild Beasts um und zog ins hundert Kilometer entfernte Leeds. »Wir verbrachten damals fünf Nächte die Woche im Kellerproberaum, wir schotteten uns ab, total asozial«, erinnert sich Thorpe an die Anfänge. Das erste Resultat der Klausur war 2006 die Debütsingle »Brave Bulging Buoyant Clairvoyants«. Was für ein Titel, was für ein Mission-Statement! Ein Song, wie eine Kampfansage an den Zeitgeist – und gleichzeitig dessen heimliche Erfüllung. In knackigen vier Minuten verzahnten Wild Beasts verschmitzten Post-Punk mit Vaudeville-Versatzstücken, anzüglich morbiden Witz mit lyrischer Sprache.

Die Single zog einen Plattenvertrag mit dem Indie-Riesen Domino nach sich, das Debütalbum Limbo, Panto wurde von der britischen Musikpresse durch die Bank gefeiert, von NME bis Uncut. Das Nachfolgewerk Two Dancers wurde 2010 sogar für den renommierten Mercury Award nominiert. Der ging am Ende zwar an The xx, aber mit einem Schlag hatte die Band Logenplätze im großen Geschäft: Primetime-Slots auf Festivals, Interviews mit MTV, Konzertreisen in den USA. Trotzdem: »Die Nominierung war ein zweischneidiges Schwert“, sagt Flemming im Rückblick. »Sie rief zu viele Mitläufer, zu viele Schulterklopfer auf den Plan, die sich nicht wirklich für unsere Musik interessierten.«

Zum Zeugnis dieser Erfahrung wurde das dritte Album Smother, das intimste, düsterste Werk der Band. Die flirrenden Gitarren wurden durch sphärische Synthesizer-Flächen ergänzt, das Zusammenspiel der beiden Sänger verfeinert, die Arrangements entschlackt und Mary Shelleys Frankenstein zur überthematischen Gallionsfigur der Platte erklärt. Zelebriertes Außenseitertum, daran ändert auch die Mercury-Nominierung nichts. Oder, wie Thorpe die Parallele zur Romanfigur damals erklärte: »Lange Zeit streiften wir umher auf der Suche nach Liebe. In London sind wir Landeier, in Kendal werden wir schief angeschaut, weil wir in die Großstadt gezogen sind.«

Drei Jahre später entlockt das Zitat Thorpe und Flemming ein kurzes Grinsen. »So dramatisch haben wir das damals formuliert?«, fragen sie. Das mit den vorwurfsvollen Blicken daheim, das hätten sie sich eher nur eingebildet, sagt Flemming. »Vermutlich sollten wir uns etwas mehr Arroganz antrainieren und uns selbst als Zentrum des Universums betrachten.« Tatsache ist aber, dass dieses Zwischen-den-Orten-leben – 2010 zog die Band nach London – auf dem neuen Album Present Tense tiefe Spuren hinterlassen hat.

Seit die Wild Beasts in der Großstadt leben, spiegelt sich ihre Heimat in ihrer Musik stärker wieder als zuvor. Spärliche Instrumentierung, matte Synthesizer-Sounds, nordenglischer Akzent. Thorpe meint, dass es auf der Platte besonders viele Grau- und Dunkelgrünschattierungen gäbe. Weil die Band versucht hat, die mystisch anmutende Atmosphäre ihrer Heimat einzufangen. Als würde Bruce Springsteen über sein New Jersey singen oder Kraftwerk im Trans-Europa-Express reisen. »Unser New Jersey ist Nordengland. Der graue Himmel, die harschen Winter, die unglaubliche Landschaft. Früher wollten wir weg, erst jetzt erkennen wir die Schönheit«, sagt Thorpe.

London als Wahlheimat ist ein Kompromiss. Kein schlechter, das Leben sei aufregend, so Flemming, allerdings werden die Auswirkungen der Sparpolitik und der damit einhergehenden Aushöhlung des Sozialstaats von David Camerons konservativer Regierung in der Hauptstadt augenscheinlicher als anderswo auf der Insel. Die Schere öffnet sich, weiter und weiter.

Dieser Tatsache widmen Wild Beasts das Eröffnungsstück der neuen Platte: »Wanderlust«. »They’re solemn in their wealth, we’re high in our poverty / We see the things they’ll never see«, singt Thorpe da im gefauchten Falsett über einen treibenden Beat. »In Zeiten der Krise wird die Kunst als erstes beschnitten. Dadurch wird sie mehr und mehr zum Elitending«, sagt er. »Ein Jahr Kunstschule kostet in London derzeit 9.000 Pfund, gleichzeitig werden Fördermittel in der Höhe von 80 Prozent gestrichen. Bedeutet das, dass die Kunstproduktion bald nur mehr der Oberschicht vorbehalten sein wird? Diese Vorstellung macht mir Angst.«

Klare Worte. In einer klaren Sprache, wie man sie von Wild Beats so nicht unbedingt kennt. Wo eines der markantesten Charakteristika der Band ihre lyrische, spätromantische Sprache war, versetzt mit Shakespeare’schen Referenzen, mit sexuellen Bildern aufgeladen, entschieden sich Thrope und Flemming diesmal für Eindeutigkeit. Keine Codes, keine Umwege. »Wir wollen nicht mehr übersetzt werden müssen. Was wir meinen, sagen wir klar heraus«, sagt Thorpe. »Es ist eine große Kunst, komplexe Sachverhalte einfach auszudrücken.«

Flemming ergänzt: »Es war eine ästhetische Entscheidung: weg mit dem Ballast, weg mit der Dekoration. In der Vergangenheit waren wir zu verkopft. Diesmal sind die Arrangements sehr einfach, der Hörer kann nachvollziehen, was passiert. Je länger wir an der Platte arbeiteten, desto mehr Spuren nahmen wir weg.«

Die Wild Beats der Gegenwart sind eine gänzlich andere Band als die, die vor acht Jahren das unbeschwert polternde »Brave Bulging Buoyant Clairvoyants« aufnahm. Die exaltierte Leichtigkeit, das Cabaret-hafte vergangener Tage blitzt auf Present Tense nur noch selten auf. Die elf neuen Songs sind schlicht und elegant, elektronisch und gedrosselt. Auch wenn im Reduktionsprozess einige Kanten abgeschliffen wurden, die der Band gut zu Gesicht standen, so sind die Wild Beasts mit der neuen Platte doch endgültig zu einer großen Popband in der Tradition von Talk Talk avanciert. »Ein guter Popsong muss schwerelos sein«, sagt Thorpe. Er darf nicht angestrengt klingen, sondern so, als ob er schon immer dagewesen ist und du ihn nur zufällig in dem Moment entdeckt hast. Und das setzt eine gewisse Vereinfachung voraus.«

Die bisherigen Reaktionen auf »Wanderlust« seien zwar gut, meint Flemming, aber nicht nur. Einige Kritiker beklagen den Verlust von Komplexität und Vielschichtigkeit. Ein Vorwurf, den er allerdings als Kompliment auffasst. »Wenn sie sich darüber beschweren, dann haben wir’s genau richtig gemacht«, sagt er und lacht. Im Grunde sind Wild Beasts es in der Zwischenzeit ja ohnehin gewohnt anzuecken. »Bei unseren Shows fragen Leute oft: ›Was geht da auf der Bühne ab?‹ Und am Ende sollte es ja genau diese Frage sein, die du dir bei einem Konzert stellst. Denn wenn du das nicht tust oder sie sogar beantworten kannst, dann weißt du: Du bist hier falsch.«

Wild Beasts live
09.04. München – Strøm