Review: Wigald Boning Jet Set Jazz

Also Folgendes: Wigald Boning, den man ja oft und vor allem als naseweisen Kommerzkomiker wahrnimmt, war in jungen Jahren unter anderem Mitglied von Kixx, einer Band aus dem heimischen Ostfriesland, der auch der Schauspieler und Shanty-Trompeter Lars Rudolph angehörte. Nach einem nicht sehr glücklich verlaufenen Auftritt als Anheizer von Ornette Coleman wechselte Boning zur Band Bremen, unter der Produktion von Klaus Voormann, nahm auch als Solist LPs auf, deren Erfolg aber nicht einmal zum Ostfriesenwitz taugte. Einige Jahre später vereinte sich Boning mit Olli Dittrich zu Die Doofen, viel mehr glaubte man von dieser Musikerkarriere nicht mehr erwarten zu können.

    Nun aber: ein Jazz-Album, mit dem sich Boning zehn Jahre mit theoretischen Überlegungen plagte, mit welcher Art von Songtexten er seine Vorstellung von einer Schlagerlaufbahn weiterführen könne. Ohne Ergebnis – bis er mit Roberto Di Gioia, Keyboarder von Passport und marsmobil aus der Not eine Tugend machte. Gemeinsam beschlossen sie ein Instrumentalalbum. Hinzu gesellten sich Christian Prommer (Trüby Trio) und Drummer Matteo Scrimali aus dem Freundeskreis-Umfeld. Freunde der gepflegten Electro-Lounge bekommen da sehr spitze Ohren, werden allerdings wohl auch überrascht sein, wie dicht gesetzt es hier bisweilen fiept und blubbert, wie sehr die Beats manchmal treiben und sich alles zu einem sehr tanzbaren Ethnolektro-Jazz-Pop zusammenzieht. In diesem Sinne der Höhepunkt der Platte: »kobra dance«.

    Und was macht Boning? Er spielt diverse Saxophone und Trompeten, außerdem querflötet und singt er, bisweilen in der Tradition Roland Kirks auch alles gleichzeitig. Zum Gesang muss gesagt werden, dass es manchmal in Kopfstimmengeschrei ausartet, eine irre, ekstatische Übung, in der Bonings komödiantisches Naturell noch am evidentesten wird. Das allein tunnelt sicher manche Geschmackstoleranzen; auf der anderen, ungleich smootheren Seite könnte das auch für den ebenfalls sehr fein musizierten Easy-Listening-Part gelten, in dem man sich wirklich in einer zeitlosen Traumschiff-Bar wähnt. Cheesy zieht der Bläser seine klischeelastige Melodie über weltvergessene Schunkelrhythmen und »Hu-Hu-Huuuu«-Altstimmenchöre, bis plötzlich in »Ballade pour Alexa« eine Französin das Telefon abnimmt und ihrem Verehrer an der langen Leitung gähnend klar macht, dass sie keine Zeit für ihn habe – Ping-Pong-Stunden gingen eben vor. Das sind hier die einzigen verbalen Äußerungen mit Wortsinn, alles andere ist Lautmalerei, eigentlich kaum Scat-Gesang, der einem Gesangssolo gleich eine Liedstrophe ersetzen würde. Vielmehr hängt Boning seine Stimme zumeist der Rhythmus-Sektion an, betont dramatische Brüche, peitscht weiter.

    Bleibt festzuhalten, dass dieser ironisch getaufte »Jet Set Jazz« über die ganze Distanz von 13 Tracks auch mal etwas lahmt. Manche Idee wurde nur zum besseren Jingle ausgearbeitet und  – wie im Falle von »Happy Day« – einfach als Zwischenspiel draufgelassen, gut 90 Sekunden kurz. Henry Mancini und dem guten alten Bossa Nova wird ein Mal zu viel gehuldigt, mancher Wohlklang gleitet ins Geschmäcklerische, selten ins Alberne. Aber auch da sei erwähnt, dass die tollen Momente, von denen es auf dieser Platte einige gibt, in der Live-Performance noch einen Zacken schärfer und improvisationswütiger daherkommen. So geschehen zumindest auf dem ersten Konzert dieses Quartetts auf der Popkomm 2008: binnen weniger Minuten wandelte sich leichte Nervosität zu einem der freudvollsten Sets, die das vergangene Jahr zu bieten hatte. Kein Witz.

LABEL: Compost Records

VERTRIEB: Groove Attack

VÖ: 05.12.2008

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