Wie wir leben wollen N° 11: Laurie Penny – Macht euch frei!

Foto: Jon Cartwright

Nicht jede Frau ist Opfer einer Vergewaltigung.* Aber jede Frau ist Opfer der herrschenden Kultur des Missbrauchs. Laurie Pennys drastische Diagnose: Sexismus ist überall. Und es kommt noch schlimmer: Wir haben uns daran gewöhnt. Für die englische Feministin und Autorin gehört die von Politik und Gesellschaft kultivierte Rape Culture zum Kontrollprogramm des Neoliberalismus. Die Strukturen sind komplex, ist die Lage aussichtslos? Ein Plädoyer für die Hoffnung aus SPEX No. 368, protokolliert von Jennifer Beck.

Viele Frauen haben sich daran gewöhnt, dass ihr Nein nicht akzeptiert wird. Das ist eine traurige Tatsache, und sie zeigt, dass wir von einem sexistischen System beherrscht werden. Auf der einen Seite sollen wir lernen, nein zu sagen. Auf der anderen lernen wir schon vorher, dass unser Nein ohnehin nicht respektiert wird. Das ist der verlogene Zusammenhang, den wir uns bewusst machen müssen. Sexuelle Unterdrückung vollzieht sich wie jede Form von Unterdrückung zunächst auf der Mikroebene. Einzeln betrachtet mag jeder kleine Vorfall wie eine Nebensächlichkeit wirken. Aber all die kleinen Vorfälle potenzieren sich zu einem massiven Problem. Wir schwimmen in einem Ozean des Sexismus. Man könnte auch einen Fisch fragen, was Wasser ist, oder einen Vogel, was Luft ist. Wir sind so selbstverständlich und offensichtlich davon umgeben, dass wir es oft gar nicht wahrnehmen. Aber Sexismus existiert, und er bestimmt unsere Realität.

In dieser Realität wird mit jungen Frauen Geld verdient, ohne ihnen Rechte zu geben. Und das maßgeblich von Männern, die Kontrolle über sie ausüben. Aber es gibt Hoffnung: Teil dieser Realität sind glücklicherweise auch Frauen wie Grimes, Taylor Swift, Rihanna oder Beyoncé, die versuchen, diese Kultur der Kontrolle zu durchbrechen, indem sie eine wesentliche Grundlage für ihre Selbstbestimmung schaffen: Frauen überall auf dieser Welt sollten zusehen, dass sie sich finanziell auf eigene Füße stellen. Ich bin Anarchistin und Antikapitalistin, weswegen die Leute manchmal überrascht sind, so etwas von mir zu hören. Ich fordere es gerade deswegen: Macht euch finanziell unabhängig von Männern! Mir ist klar, dass nicht jede die Möglichkeit dazu hat, manche Frauen haben nicht einmal die Wahl. Aber wann immer ihr die Chance habt, macht euch so frei wie möglich!

„Wir schwimmen in einem Ozean des Sexismus. Man könnte auch einen Fisch fragen, was Wasser ist, oder einen Vogel, was Luft ist.“

Frauen wie Beyoncé wirken wie aus anderen Sphären, aber es ist entscheidend, dass sie in dieser Hinsicht eine Vorbildfunktion übernehmen. Worin Beyoncé als Künstlerin und Businessfrau kaum zu übertreffen ist: Sie fängt den Zeitgeist auf die Sekunde ein. Wenn etwas in einem Beyoncé-Video eine Rolle spielt, heißt das: Es ist Zeit, dass dieses Thema im Mainstream eine Rolle spielt. Beyoncé mag nicht die erste sein, die es thematisiert, aber sie tut es zum exakt richtigen Zeitpunkt.

Vor drei Jahren war ich mit meinem Buch Unspeakable Things die radikale Spitze des Mainstreamfeminismus. Aber was abgesehen vom Mainstream im Internet und im Aktivismus passiert, ist superdivers, superqueer, superinklusiv. Wenn man mich in den Kontext anderer Netzfeministinnen stellt, mit denen ich tagtäglich zu tun habe, ist es nicht radikal, den Menschen begreiflich zu machen, wie die Kultur von Missbrauch und sexuellem Druck jegliche Form sozialer Beziehungen bestimmt.

Die schlechte Nachricht ist, dass eine Vielzahl der Ungerechtigkeiten, denen wir ausgesetzt sind, sich nicht ausschließlich über Veränderungen in der Legislative lösen lässt. Bei strukturellen Problemen geht es nicht nur darum, Vergewaltiger härter zu bestrafen. Es geht um Schieflagen am Arbeitsplatz, in den Beziehungen zu Hause, es geht um die Verteilung von Arbeit, nicht zu vergessen von Hausarbeit. Die gute Nachricht ist, dass wir nicht darauf angewiesen sind zu warten, bis die Regierung das für uns löst. Wir sollten direkt zur Tat schreiten. Seid laut, veröffentlicht Artikel, organisiert Veranstaltungen an der Basis, demonstriert! Den Grundstein dafür, dass wir das heute tun können, haben die Kämpfe gelegt, die in der Vergangenheit geführt und gewonnen wurden. Aber um zu verstehen, wie viel wir noch vor uns haben, müssen wir uns nur umschauen: Wir sind von Kranken umgeben.

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