Syrische Geflüchtete gelten in der Türkei als „Verwöhnte“. Im künstlerischen Underground von Istanbul bauen sich einige von ihnen deshalb eine solidarische Parallelwelt auf.

Auf dem Weg zum Anahit Shane ergießt sich ein Wolkenbruch über Istanbul. Der altehrwürdige Nachtklub, der jüngst in ein Venue für Livemusik umgewandelt wurde, ist einer der letzten seiner Art auf der İstiklal Caddesi im Bezirk Beyoğlu. Die meisten dürften das Viertel als Touristen-Hotspot kennen. Aber Beyoğlu ist auch seit Jahrzehnten das Zentrum jeglichen soziokulturellen Flows in der Stadt. Die Geschichte der İstiklal und ihrer Nebenstraßen strotzt nur so vor Nachtleben, Mode, Festivals und Promi-Besuchen. Kurz gesagt: Vor Dingen, die man in der Türkei weitestgehend als „modern” oder „westlich” bezeichnet.

Trotz des Regens sind die Straßen an diesem Samstagabend randvoll mit Menschen aus allen Schichten und Teilen der Stadt. Eine Gruppe sticht aber heraus: Tourist_innen aus dem Nahen und Mittleren Osten. Für sie ist Istanbul zu einem beliebten Ziel geworden, seit die Regierung einen Deal über Reisefreiheit mit Ländern wie dem Iran, dem Irak, Bahrain, dem Libanon, dem Oman und Katar ausgehandelt hat.

(Foto: SPEX)

Um sie geht es zumeist, wenn über das „neue Gesicht” des Bezirks gesprochen wird. Gerade die städtischen Medien verbreiten in den vergangenen Jahren zunehmend regelrechte Schreckensmeldungen über den Zustand des Viertels. Zugegeben, die betreffenden Artikel variieren in Ton und Stil, teilen aber ein gemeinsames Narrativ: „Beyoğlu stirbt”. Sicher, das klingt erst einmal vertraut nach Berlin-Kreuzberg oder Hamburg-Altona, Orten also, denen die Gentrifizierung seit Jahren zusetzt. In Istanbul hat der Alarmismus aber politische Methode.

Denn am Bosporus regiert, wie im ganzen Land, seit einiger Zeit die islamisch-konservative Erdoğan-Partei AKP. Und die hat für Beyoğlu einen genauen Plan. Der Bezirk soll in ein glänzendes Shopping-Paradies umgewandelt werden, Clubs und Bars stören da nur. Viel wichtiger aber: Die Regierenden fühlen sich mit dem Klientel, das der Wandel nach Beyoğlu spült, sichtlich unwohl: Menschen aus dem Osten. Oder „schlimmer noch“: syrische Immigrant_innen.

Dass viele alteingesessene Bewohner_innen des Viertels auf der europäischen Seite der Stadt aus nachvollziehbaren Gründen mit dem Wandel in ihrer Heimat fremdeln, spielt der Regierung dabei in die Hände. Denn erstens wirkt es so als setze sie sich für die Interessen der Menschen vor Ort ein. Und zweitens kaschiert das vermeintliche Engagement die offen rassistische Qualität der Vorgänge. Dazu muss man wissen, dass der Osten in der Türkei seit dem Niedergang des Osmanischen Reichs stets als unzivilisiertes Gegenstück zum als modern und fortschrittlich angepriesenen Westen angesehen wurde. Alles von dort, oder die „Araber” im Allgemeinen, um dem Vokabular der wichtigsten türkischen Medien zu folgen,  assoziiert ein Teil der Türk_innen bist heute mit Niedergang und Bigotterie. Voila: Das Einmaleins der Selbstorientalisierung.

Antithese zum beliebten Narrativ

Nachdem ich mich durch die bunte Menge auf der İstiklal Caddesi gekämpft habe, erreiche ich endlich das Anahit Shane. Die Straße vor dem Venue ist vollgestopft mit Leuten, man raucht und unterhält sich – hauptsächlich auf Arabisch. Alle sind hier, um der „Electro-Tarab Experience” beizuwohnen, einem Event, das von einem lokalen Kollektiv namens Root organisiert wird. Für diesen Abend hat man zwei Musiker aus dem Nahen Osten eingeladen: Hello Psychaleppo, ein aufstrebender Produzent elektronischer Musik aus Syrien, und Bu Nasser, ein Rapper aus dem Libanon, der nicht nur in seiner Heimat beliebt ist, sondern in der gesamten Region. Der Gig im Anahit Shane ist sein zweiter in Istanbul innerhalb von zwei Jahren. Heute singt das begeisterte Publikum seine arabischen Texte fast ausnahmslos mit, während es zu den zwischen Trap und Dubstep changierenden Beats auf und ab springt.

Nach Nasser betritt Hello Psychaleppo für eine Live-Performance die Bühne. Sein Sound schlägt eine tragfähige Brücke zwischen Hip-Hop und House mit Elementen von sägendem Dubstep und sogar EDM mit polierten Beats, die mit Vocal-Samples auf Arabisch ausgeschmückt sind. Der ganze Laden tanzt ausgelassen. Das Publikum ist jung, geschlechtlich divers and besteht nur teilweise aus Tourist_innen. Sondern hauptsächlich aus Immigrant_innen, die in Istanbul leben. Es wirkt wie eine Antithese zum in der türkischen Bevölkerung wie in der nationalistischen Politik beliebten Narrativ, das vielen der hier tanzenden Menschen täglich entgegenschlägt.

Mittlerweile sollte es niemanden mehr überraschen, dass man in einem Mainstream-Venue in Istanbul auf ein Publikum trifft, das größtenteils aus dem Nahen Osten stammt. Seit Beginn des Syrien-Kriegs 2011 gehört die Türkei zu den Ländern, die die meisten Geflüchteten aus der Region aufgenommen haben. Anfang Mai 2019 lebten laut Zahlen der in der Türkei aktiven Hilfsorganisation Mülteciler Derneği 3.606.208 dokumentierte syrische Einwanderer_innen im Land. Ein Thema, das zwischen der Türkei und der Europäischen Union in Konfliktsituationen gerne als Druckmittel genutzt wird.

Damit die Türkei Geflüchtete daran hindert, die EU zu erreichen, zahlt diese seit 2016 der türkischen Regierung eine hohe Summe, die das Land nach offiziellen Angaben für seinen Aufwand entschädigen soll. Aus diesem Topf zahlt der türkische Staat ungefähr einer Millionen Flüchtlingen 120 Lira (rund 18 Euro) im Monat und finanziert Unterstützung etwa beim Umgang mit den Behörden.

Druck von Rechts wie Links

Dieses Abkommen ist nicht nur in Deutschland höchst umstritten, sondern auch in der Türkei. Viele Türk_innen denken nämlich, dass der Staat selbst diese Leistungen finanziert, ohne jegliche Gegenleistungen zu erhalten. Anders als in Deutschland wird das Thema in der Türkei aber nicht von Rechts befeuert, sondern aus der linken Mitte. Es sind nämlich gerade die oppositionellen Parteien CHP und İYİ, die mit ihrer Rhetorik das Gerücht in den Köpfen der Menschen zementieren. Denn es spielt ihnen in die Hände, wenn die Leute denken, dass Migrant_innen angeblich den Türk_innen die Jobs klauen und Gelder einstreichen, die diese auch gebrauchen könnten. Klassische Populisten-Parolen eben.

Jedoch entsteht zwischen diesen Fake News auf der einen und politischer Erpressung auf der anderen gerade eine neue Welt. Allen Widerständen zum Trotz leben Syrer_innen in der Türkei nämlich ihr Leben, so banal das auch klingen mag. Obwohl sie, ähnlich wie in Deutschland, aufgrund ihres Status als „Gäste” und einer fehlenden gesetzlichen Regelung keinen Zugang zu Jobs oder Bildung haben. Obwohl sie in der öffentlichen Wahrnehmung bestenfalls als Werkzeuge gelten und für Präsident Erdoğan nicht viel mehr sind als ein willkommener Hebel in Auseinandersetzungen mit der EU. Dennoch sind die Syrer_innen innerhalb kürzester Zeit Teil der Stadt und der Gesellschaft geworden, sie formen das tägliche soziale und politische Leben, gestalten die kulturelle Landschaft mit.

Einer dieser Gestalter_innen ist Ahmed Shiek. Er ist einer der Köpfe hinter Root, dem Kollektiv, das Hello Psychaleppo und Bu Nasser ins Anahit Shane gebucht hat. Vor fünf Jahren floh er aus Syrien und kam über den Libanon nach Istanbul. Die Stadt war für ihn zu dieser Zeit die einzige Option. Seit Shiek in Istanbul ist, arbeitete er schon als Übersetzer, als Koch und als Teil eines Deko-Teams, das sich auf psychedelisch angehauchte Musikfestivals spezialisiert hat. Durch sein Engagement im aktivistischen, auf alternativer Ökonomie basierenden Komşu Kafe Collective kam er mit solidarischer Arbeit in Kontakt.

„Brücken bauen und Allianzen schmieden“

2017 beschlossen Shiek und ein paar Freunde, eine Party zu organisieren und Bu Nasser für dessen ersten Türkei-Gig nach Istanbul einzuladen. Niemand aus der Gruppe hatte bis Dato Veranstaltungen organisiert. Dennoch verkaufte sich die Show aus und alles lief glatt. Beflügelt vom Erfolg, beschlossen sie Root zu gründen. Mit dem Kollektiv hat Shiek es sich zum Ziel gemacht, Räume zu schaffen, wie er sagt. „Für unabhängige Musiker_innen und Künstler_innen.”

Das erste Event nach der Gründung war eine Party mit dem Namen „Palestine Underground”, die palästinensischen Künstler_innen ein Forum gab und die von Boiler Room produzierte Dokumentation gleichen Namens zeigte. Laut Shiek war sie ebenfalls ein großer Erfolg, eine zweite Ausgabe fand am 18. April statt. Das alles müsse man im Kontext ihres Hauptanliegens und der spezifischen Situation in der Türkei betrachten, betont Shiek. „Wir wollten gemeinsam mit Künstler_innen unterschiedlichster Disziplinen aus aller Welt Brücken bauen und Allianzen schmieden”, sagt er. „Frei von Ideologie.“

„Die glauben gar nicht, dass ein Syrer wie ich so eine normale Arbeit machen kann” – Ahmed Shiek in Istanbul (Foto: Mike Jacobs).

Die Wichtigkeit solcher Initiativen ist in der Türkei nicht zu unterschätzen. Einerseits als eine Art Leuchtturmprojekt, das die Szene vor Ort einem internationalen Publikum vorstellt. „Unsere Partys werden von allen möglichen Menschen in aller Welt verfolgt“, sagt Shiek und kann seinen Stolz nicht verbergen. Das schaffe neue Möglichkeiten. Noch wichtiger sind sie allerdings als Gegengewicht zum nationalistisch und wahlweise islamistisch zugespitzten Diskurs in der Türkei unter der Regierung Erdoğan.

Denn sie schaffen safe spaces, wo es kaum mehr welche gibt. Shiek und seinem Kollektiv ist es wichtig, ihre Partys frei von Rassismus, Homophobie und Sexismus zu halten. Und tatsächlich kann man an diesem Abend im Anahit Shane die Solidarität förmlich spüren. Die Menschen fühlen sich miteinander wohl, passen aufeinander auf, fühlen sich sicher, unabhängig von Herkunft, Religion, Geschlecht oder Sexualität. Ein krasser Gegensatz zum Alltag.

Shiek sagt, dass er bisher noch keine rassistischen Vorfälle auf seinen Partys erlebt habe. In der Öffentlichkeit hingegen seien diese an der Tagesordnung. „Die Leute sind immer total überrascht”, sagt er. „Die glauben gar nicht, dass ein Syrer wie ich so eine normale Arbeit machen kann”, fügt er hinzu und lacht. „Das zeigt doch schon, wie tief dieser Rassismus sitzt.“

Mehr Komplexität und Diversität

Das zu überwinden, sei alles andere als leicht, sagt Ahmed. Auch Musik und Kunst würden nur bedingt helfen: „Wir werden nicht nur psychisch belästigt, sondern immer wieder auch körperlich angegriffen“, sagt er. Hilfe könne man in der Türkei keine erwarten, im Gegenteil. „Aber wir werden weiterhin unser bestes geben, um einen Raum zu schaffen, an dem Platz für Geschlechtergleichheit und offene Kommunikation ist.“ Dieser Tage nimmt das Kollektiv dabei den nächsten Schritt, indem es ein eigenes Online-Radio startet. Das Programm: Musik aus der ganzen Welt sowie ein inhaltlicher Fokus auf Strategien gegen Diskriminierung.

Projekte wie Root mögen in Deutschland oder anderen europäischen Ländern alltäglich sein. In der Türkei sind sie, gerade aus der Hand von Geflüchteten, neu – und ihre Sichtbarkeit umso wichtiger. Denn sie lenken den Blick auf genau jene Komplexität und Diversität, die der Regierung – und auch die Opposition – nicht ins Weltbild passt. Die türkische Politik funktioniert hauptsächlich über Vereinfachungen. Aus heterogenen Menschen wird eine eindimensionale Masse, aus Geflüchteten werden die „Verwöhnten“, außer es naht ein EU-Gipfel. Es geht darum, isolierte, stereotypisierte Gesellschaftsinseln zu erschaffen, die so simpel sind, dass man sie leicht regieren kann.

Doch während ich aus dem Anahit Shane heraus wieder auf die regennassen Straßen Beyoğlus trete, wird klar, dass jede Mauer einen Riss bekommen wird. Initiativen wie Root haben das erkennt und drängen als kleine solidarische Bewegung in die Lücke. Wie eine Pflanze, die überleben will.