White Poppy Natural Phenomena

Natural Phenomena ist White Poppys pazifistische Flucht ins Nirgendwo.

Die Lo-Fi-Hippies von Not Not Fun setzen weiterhin auf New-Age-Romantik und die psychedelische Kraft der verzerrten Schrammelgitarre. White Poppy ist ein Prachtexemplar dieser Ästhetik: Die Musik der Kanadierin Crystal Dorval ist magisch, sie entfaltet eine sinnliche Wirkung, die ganz tief und warm ins Innere geht. Nur scheint sie dort verschluckt zu werden – eine pazifistische Flucht ins Nirgendwo. Am Ende einer Meditation wünscht man sich doch auch ein wenig Erleuchtung. Daher ist man versucht, bei Not Not Fun nachzufragen, wohin die ewige Produktion von handgebastelten Tape-Schmuckstücken eigentlich führen soll. Aber vielleicht ist das zu ergebnisorientiert gedacht

Die Substanz von Labels zeigt sich dann, wenn der Aufmerksamkeitssturm vorübergezogen ist, wenn der heiße Scheiß auf neuen Haufen landet. Not Not Fun machen einfach weiter. White Poppy steht stellvertretend für diese Unbeirrtheit, weil Crystal Dorval noch nie wirklich ins Auge des Hypes geriet mit ihrer Musik, die sie seit 2012 in kleinen Portionen veröffentlicht, einfach weil es so sein muss. Diese ausgefranste, verwaschene und in ihrer leiernden Trägheit irgendwie ausdrucksstarke Musik kommuniziert ein Lebensgefühl der Aussteiger, der sich enttechnologisierenden, analogen Verweigerer, aber mit ganz unideologischer und defensiver Haltung. White Poppy predigt eine friedliche Koexistenz der Lebenswelten. Freundlich und schüchtern porträtiert sie die ihre, überzeugen will sie niemanden.

Natural Phenomena zieht sich deshalb in die menschenleere Wildnis zurück und widmet sich »Exotic Realms«, der »Midnight Sun« und der »Aurora«, »Ebb And Flow« und den »Mermaids«. Der märchenhafte Naturalismus kommt daher, dass Dorval das Album über neun Monate abgeschottet auf einer Farm auf Vancouver Island eingespielt hat. Die dortige vorzivilisatorische Zeitrechnung hat sie direkt auf ihr Album übertragen. Keine Hektik stört die wildwüchsigen Pfade durch die Songs, denen eine verhuschte Boombox den Rhythmus gibt und die Dorval mit ihrem Gitarrenspiel und ein wenig Elektronik zu sehnsüchtigen Landschaftsbildern ausmalt. Manchmal erinnert sie an die epischen Gitarrenstücke von Mark McGuire, der Hauch ihres Gesangs lässt an Grouper denken – eine traumhafte Kombination. Das süße Plärren dieser Platte endet nur leider nicht wie bei Grouper in existenzieller Ergriffenheit, sondern in einer spirituellen Sackgasse. Vielleicht ist das egal. White Poppy wird weitermachen, uns wird die Erleuchtung irgendwann später überkommen. Bis dahin: Frieden!

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