White Lung »Paradise« / Review

Sticht nicht, drückt nur ein wenig: Paradise vermag auf Albumlänge nicht zu überzeugen.

Binsenweisheit: Als Etikett geistert Punk schon so lange umher, dass die Emporkömmlinge des im Warhol-Umfeld geprägten Begriffs ihre ursprüngliche Gefährlichkeit, die sie sich so vehement auf die Jacken schrieben, längst verloren haben. Ja? Waren etwa in den frühen Achtzigerjahren Punks – zumindest in ihrer medialen Repräsentation – noch jene ultrabrutalen Taugenichtse, die selbst ein rotsehender Charles Bronson kaum bändigen konnte, trägt man ihren Code heute zu Karneval, hievt ihre Uniformen auf die Stange, bestaunt das intensive, authentische Leben anno 77 im Museum.

Die Andersartigkeit von einst ist zum Repertoire eines Lebensstils geworden, der sich durch alle Gesellschaftsschichten zieht. Das CBGB in Manhattan ist eine gigantische Vitrine. Und Punks sind nicht nur Gegenstand des Feuilletons, sie schreiben gleich selbst dafür. Vollkommen ungefährlich. Punk also hat seinen Distinktionswert verloren, ging es doch immer um Abgrenzung durch Drastik, um Gegenkultur durch Kompromisslosigkeit.

Genrevorschlag: Profi-Punk.

Auf den ersten Blick passen White Lung perfekt zu dieser Entwicklung. Die Promofotos der Band aus Vancouver sind Hochglanz, ihr Sound ist komprimiert und sauber. Alles, was schmutzig ist an White Lung, scheint kalkuliert, wirkt gemacht. Ihr viertes Album Paradise ist im Songwriting gewachsen, die Gitarren klingen fett, Mish Barber-Ways Gesang beißt präziser zu denn je, das Schlagzeug bollert. Genrevorschlag: Profi-Punk. Im Promogespräch mit St. Vincents Annie Clark beteuern Barber-Way und Gitarrist Kenneth William, dieser hochtechnologische Sound sei ein Statement gegen den analogen Vintagewahn. Es sei schließlich fuckin’ 2016.

Das stimmt, und so klingt Paradise auch: als sei seine Geschichte schon vorbei. Die zehn Stücke der von Lars Stalfors (Health, The Mars Volta) produzierten Platte sind für sich genommen ziemliche Knaller, sie haben Energie und schießen einem nur so um die Ohren. Der 2016er-Sound und die allzu klare Stoßrichtung aber runden die Kuppeln der Stacheln ab. Ihre Berührung sticht nicht, sie verursacht ein sanftes Druckgefühl.

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