Weyes Blood: Im Reich der Stimme

Im Februar wird Weyes Blood ihren Zerstörer-Folk erstmals live in Deutschland vorstellen – präsentiert von SPEX. Ein Porträt der Künstlerin aus SPEX N°357.

Musik wie eine warme Decke, die sich in kalter Winternacht um frierende Schultern legt, Trost für verlorene Seelen und einsame Herzen, Rettung fürs Schwefelhölzchenverkaufspersonal. Das sind die USPs der in Brooklyn beheimateten Sängerin Natalie Mering, die der Welt als Weyes Blood nun ihr zweites Album zu Füßen legt. Der Rock’n’Roll-Zersetzer Kurt Cobain findet als erster den Weg in Kinderzimmer und Herz der jungen Natalie, sie beginnt Gitarre zu spielen. An Wochenenden fährt sie nach Philadelphia und mag sich zwischen zwei Szenen nicht entscheiden: Noise auf der einen und Neo-Psych-Folk auf der anderen Seite. Kleinstauflagen auf CD-Rs und Kassetten mit verspultem Drone folgt ein einjähriges Praktikum beim experimentellen Improv-Kollektiv Jackie-O Motherfucker.

Dann kommt das LP-Debüt The Outside Room (2011) mit avantgardistischem Mittelalter-Acid-Folk. Wenngleich nicht ganz so musique-concrète-verliebt wie dort, wird auch auf The Innocents akustikgitarrenbasierte Folk-Simplizität immer rechtzeitig durch milde bruitistische Störgeräusche daran gehindert, eine kritische Masse an Schönheit zu überschreiten.

Anders als bei den zahlreichen Folkpuristinnen und -puristen, die auch dann noch bartkraulend oder mit naturbelassenem Strickgretelgesicht zwitschernde Vöglein, schneebedeckte Berge und Mythen der Altvorderen besingen würden, wenn die Welt längst nuklear verseucht in Trümmern läge, verschließt sich Merings Musik den urban-industriellen Geräuschen des Hier und Jetzt nicht. Zwischen Ukulele, Klavier und Gitarre zischt und sprudelt es subkutan. Tapeloops werden kunstvoll an genau den richtigen Stellen zum Leiern gebracht. »Ich halte es da mit Baudelaire«, sagt Mering. »Das Seltsame kann banale Schönheit auf ein transzendentes Level heben.«

Transzendenz ist ein Schlüsselwort für Weyes Blood: das, wonach Mering sucht und das außerdem, was sie kaum mehr findet. »Die Gegenwart ist ein undurchdringliches Dickicht aus Werbung und Informationen«, holt sie aus, »unterlegt mit Berichten über globale Ereignisse und den Alltag berühmter Menschen. Es gibt nichts Erfreuliches, womit man sich identifizieren könnte, außer den Untergang des Abendlandes. Diese YOLO-Kultur finde ich mutig und ganz reizend. Es ist traurig, aber ein gepflegtes Besäufnis gehört zu den letzten transzendenten Ritualen, die es noch gibt.«

All das verarbeitet Mering auf The Innocents, ohne dass es durch beliebigen Wichtig-wichtig-Alibiexperimentalismus nervt, öden »Lassen Sie mich durch, ich bin Künstler«-Gestus zur Schau stellt oder die Songs durch wirklichen Noise in Mitleidenschaft zieht. Das Schönste aber ist ihr Gesang: kein rehäugiges Gehauche, Gewisper und Geseufze, das sich in Verletzlichkeit suhlt, sondern echter, modulationsfähiger Gesang, oft in mehreren Spuren übereinandergelegt.

So werden Erinnerungen an das große Dreigestirn des reduktionistischen Charismatikerinnenfolk (Vashti Bunyan, Linda Perhacs, Sibylle Baier) geweckt – auch wenn Weyes Blood deren Erdverbundenheit gänzlich abgeht. »Meine realness muss ich niemandem beweisen«, sagt sie. »Schon gar nicht, indem ich mir Matsch ins Gesicht schmiere und mich auf Bäumen fotografieren lasse.«

Dieser Artikel stammt aus SPEX N°357. Das Heft ist aktuell am Kiosk sowie versandkostenfrei im SPEX-Shop erhältlich.

SPEX präsentiert Weyes Blood live
17.02. Hamburg – Astra Stube
18.02. Berlin – Berghain Kantine
19.02. Heidelberg – Karlstorbahnhof

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