Weyes Blood „Front Row Seat To Earth“ / Review

Weyes Blood

Der Pferdefuß des neuen Albums: Die unspezifische Belcanto-Melancholie Natalie Merings kommt als bestürzend professionell arrangierter Ästhetizismus-Overkill daher.

Vor zwei Jahren verzauberte uns die New Yorkerin Natalie Mering alias Weyes Blood mit fragilem Nachtschattenfolk in der Tradition Vashti Bunyans, Linda Perhacs’ und Sibylle Baiers. Das Interessante war damals, dass die Frau mit dem absturzsicheren Sopran die Schönheitsfalle immer wieder durch kluge Musique-concrète-Bruitismen und subtile Störgeräusche konterkarierte. Mit geloopten und verzerrten naturfernen Geräuschen aus der industriellen Moderne vermied sie den Wohlklangexzess, wohl wissend, dass gerade das allzu Schöne dazu neigt, zügig in Sättigungsekel umzuschlagen, oder, wie es bei Kant heißt, dass „nichts so sehr verekelt als lauter Süßigkeit“. Auf Dauer gestellte ungetrübte Schönheit ist ein Vomitivum: „Wir können keine Art der angenehmen Empfindung lange genießen, ohne daß sie die Organe erschöpft: Ueberdruß und Ekel sind ihre beständigen Begleiter“, schreibt der Aufklärungsliterat Johann Karl Wezel 1784 in seinem Versuch über die Kenntniß des Menschen. Und auch im anglophonen Raum war es unter Ästhetikern ein offenes Geheimnis, dass „there is no excellent beauty that hath not some strangeness in the proportion“, wie der englische Barockphilosoph Francis Bacon bemerkte.

Schönheit für das weltflüchtige Wohlfühlglück des Latte Macchiato trinkenden Flow-Abonnenten.

Genau hier liegt auch der Pferdefuß des neuen Albums: Die unspezifische Belcanto-Melancholie Merings kommt als bestürzend professionell arrangierter Ästhetizismus-Overkill daher und verbreitet mit privatistischen Folkpopballaden die spirituelle Schludrigkeit des Spätwerks Terrence Malicks. Das Schöne zielt hier stets in schmerzlich schmerzloser Weise aufs weltflüchtige Wohlfühlglück des Latte Macchiato trinkenden Flow-Abonnenten. Die Musik zur Teemischung, wie gemacht fürs Loslassen, weil nichts die Aufmerksamkeit fesselt, weil kein schiefer Ton den Charme des irreproduziblen Augenblicks versprüht, weil hier keine Nervigkeit, die das Belangvolle in seiner Dringlichkeit ja gern mit sich führt, dazu zwingt, vom Entspannungsausmalmandala aufzublicken. Und so säuselt es technisch gekonnt, geschmackvoll mit Harfe, Klavier und Gitarre instrumentiert und komplett entbehrlich dahin, Marissa Nadler, Alela Diane und The Unthanks – die beiden Letztgenannten ja gleichfalls mit hoffnungsvollen musikalischen Jungfernfahrten – lassen grüßen. Nicht einmal das zügellose Voicetrackmultiplying von The Innocents, bei dem Mering zum irrlichternden gregorianischen Backingchor ihrer selbst wurde, setzt hier Akzente, die sie ein Stück von der Mitte der Straße wegziehen könnten. Schade.

 

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.