Foto: Shane Thomas McMillan

Konfrontationsmomenten muss sich Kabreet zuweilen auch intern stellen. Teilt man eine ähnliche Musiksozialisation, kommt man meist gar nicht auf die Idee, die Basics zu hinterfragen. Ein four-to-the-floor wird eben nicht diskutiert. Stecher erzählt: „Manchmal haben wir auch komplett unterschiedliche Vorstellungen. Dann müssen wir überlegen: Wie kriegen wir das unter einen Hut? Wir haben diverse Songs, die einfach nie fertig wurden, weil eine Person sagte: Nee, sorry, das geht gar nicht! Das bin ich nicht!“ Hanno lacht: Trotz – oder gerade wegen der Hürden sei Kabreet so spannend.

Für ihr Debüt Momken Bokra (zu deutsch: Vielleicht morgen) starten sie eine Crowdfunding-Kampagne – mit Erfolg: 2016 erscheint das gepresste Werk, im Folgejahr das zweite Album Bidayat, das mit Fördergeldern vom Arab Fund For Arts & Culture entsteht. Google Translate versagt bei der Recherche zur Übersetzung von Bidayat. Dafür stößt man aber auf Webseiten für beliebte arabische Babynamen. Hanno lacht wieder: „Das ist gar nicht so schlecht!“

„Unsere Musik ist der Beweis dafür, dass die Abschottungspolitik und nationale Identitäten Blödsinn sind.“ – Hanno Stecher

Bidayat heißt Anfänge. Ibrahim und Stecher verstehen nach ihrem Debüt: Kabreet ist nichts Temporäres, das so spontan entstand wie es verschwindet. Bidayat steht auch sinnbildlich für ihre Texte. „Abschied und das Gefühl danach – das ist der Tenor der ersten Platte. Bei Bidayat geht es um neue Dinge, neue Beziehungen – eine stärkere Auseinandersetzung mit dem, was existiert und nicht, was schon vorbei ist.“

Auch Fragen zur geschlechtlichen Identität umreißen Kabreet. Ihr Video zu „Momken Bokra“ etwa zeigt einen männlichen Bauchtänzer. „Wir versuchen immer wieder, über Geschlechtsidentitäten zu sprechen. Wir wollen kein Jungsding. Davon gibt es schon genug in der Musik.“ „Enta“ ist eins ihrer Gegenbeispiele: Der Song entstand nach dem Tod von George Michael. Für Ibrahim war die Welt um eine queere Ikone ärmer. „Ibi war sehr betroffen und wollte dieses Momentum erfassen, um über nicht-binäre Geschlechtlichkeit zu sprechen“, hält Stecher fest. „Erst wendet sich der Song an ein Gegenüber: Du bist ein Junge, du bist ein Mädchen, du bist ein wunderschönes Wesen. Am Ende sagt Ibi dasselbe über sich selbst – und drückt damit aus: Die Geschlechternummer funktioniert eben nicht zwangsläufig.“

Bei der #nobannowall-Aktion von Bandcamp haben Kabreet mit dem Erlös der Platten die ACLU gegen Trumps Migrationspolitik unterstützt. „Unsere Musik ist der Beweis dafür, dass das Dichtmachen der Grenzen, Abschottungspolitik und nationale Identitäten Blödsinn sind. Ich finde es traurig, dass die Leute anscheinend keine Lust haben, sich aktiver mit dem auseinanderzusetzen, was sie als ‚das Andere‘ sehen”, so Stecher. „Unsere Musik ist ein kleiner Versuch zu signalisieren: Hey, Grenzen sind keine Lösung. Lasst uns neue Methoden entwickeln, um gemeinsam etwas auf Augenhöhe zu schaffen.“

Bald wollen Ibi Ibrahim und Hanno Stecher die Veröffentlichung des Albums Bidayat nachfeiern. Bis zu ihrem Post-Release-Gig kann auf SPEX das Album gestreamt werden.