Welt am Abgrund

Fotos: Sebastian Spasic / AKUsepp / Suede, Roundhouse London, 13.11.2015

Am Abend des 13. November führten Suede in London erstmals ihr neues Album Night Thoughts auf. Ein Ereignis, das wegen der Anschläge in Paris sofort vergessen war. Dabei illustrierten die Musik und ein begleitender Film auf beängstigende Weise eine Welt am Abgrund.

Ich war also wieder mal bei einem Konzert. So wie bereits am 11. September 2001 (Radiohead, Wuhlheide Berlin). Am Tag der Anschläge in Madrid 2004 (Band vergessen). An jenem 7. Juli 2005, als in Londoner Zügen und Bussen Bomben detonierten (U2, Olympiastadion Berlin). Als am 7. Januar 2015 die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo gestürmt wurde, war es kein Konzert, sondern eine Party. Und nun, am vergangenen Freitag, dem Tag der Anschläge von Paris, sah ich mir erneut eine Band an – Suede führten im Londoner Roundhouse erstmals ihr kommendes Album Night Thoughts auf –, während einige hundert Kilometer entfernt Unbeschreibliches geschah.

Nun sagt all dies natürlich absolut nichts aus, außer dass ich einen großen Teil meiner Zeit auf Konzerten verbringe. Beruflich, privat, so ganz lässt sich das nicht trennen. Es ist aber vielleicht ein Beleg dafür, warum mir und vielen anderen Menschen aus meinem Umfeld, die ein ähnliches Leben führen, weil sie mit Musik und Fußball befasst sind und gelegentlich in Bars und Restaurants gehen, die Anschläge in Paris näher gingen als vergleichbare Meldungen.

»Über ein Konzert zu schreiben, fühlt sich auch jetzt noch unwichtig an, am Tag danach wäre es undenkbar gewesen.«

Ich empfinde mich nämlich durchaus nicht als abgestumpftes, zynisches Monster, dem der Rest der Welt egal ist. Auch bin ich mir der zahlreichen Verstrickungen des sogenannten Westens, der Auswirkungen »unserer« Kriege und wirtschaftlichen Verwerfungen mehr als bewusst. Und doch war Paris anders, direkter. Nicht einmal aus dem Grund, dass ich zahlreiche Freunde in Paris habe und in Beirut nur drei. Dass ich in meinem Leben ungefähr 40 Mal in der französischen Hauptstadt war und in der des Libanon noch nie. Dass meine Familie seit 40 Jahren jährlich in Frankreich Urlaub macht und ich aus dem westlichsten Teil Deutschlands stamme, Frankreich für mich also schon geografisch tatsächlich ein Nachbar ist.

Entscheidend ist, glaube ich, am Ende folgendes: Die Tatsache, dass bei dem Anschlag im Club Bataclan drei Kollegen ums Leben kamen, die in der Fima meiner Freundin gearbeitet hatten und einige weitere Leute, die ich um einige Ecken zumindest vom Hören kannte, lässt die Ereignisse von Paris näher erscheinen als viele andere. Es hätte an jenem Abend ja genauso gut ein Konzert oder Fußballspiel in London, Berlin oder Rom treffen können.

Es ist aber nicht an einem dieser Orte passiert, und deshalb sitze ich jetzt hier und schreibe über meinen persönlichen 13.11., an dem ich eher zufällig nicht in Paris, sondern in London war. Mit einer Internet-untypischen Verspätung, sechs Tage sind vergangen, also quasi eine Ewigkeit. Über ein Konzert zu schreiben, fühlt sich auch jetzt noch unwichtig an, am Tag danach wäre es undenkbar gewesen.

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Versuchen wir es trotzdem: Zwei Abende hintereinander führten Suede, die ansonsten in England immer noch in großen Arenen spielen, vor jeweils knapp 2000 Leuten ihr Ende Januar 2016 erscheinendes neues Album Night Thoughts auf, das als hemmungsloses Bekenntnis zur Kunstform Album gedeutet werden muss. Begleitend zu dem konzeptionell angelegten Werk hat die Band einen Film gedreht, der in London ebenfalls uraufgeführt wird. Die Musiker stehen hinter einem LED-Trennvorhang, über den parallel zu den in chronologischer Abfolge aufgeführten Titeln des Albums die entsprechenden Bilder flackern. Band, musikalisches Werk und der von Roger Sargent gedrehte und von Stephanie de Giorgio geschriebene Film, so die Idee, sollen zu einem interdisziplinären Ganzen verschwimmen.

Die Musiker, besser gesagt: Brett Anderson – wie bei Suede seit dem Ausscheiden von Bernard Butler vor über 20 Jahren üblich konzentrieren sich die weiteren Mitglieder auf ihre Instrumente – wird also zum Protagonisten des Films und ergänzt das Geschehen auf der Leinwand. Nicht immer finden Handlung, Band und Publikum so konsequent zusammen wie in jener Szene, als der Protagonist mit anderen in einem Garten ausgelassen feiert und tanzt, Anderson wie im Rausch auf die Knie sinkt und im Publikum ebenfalls getanzt und gesungen wird. An anderen Stellen entsteht beinahe zwangsläufig eine undurchdringbare Barriere zwischen Publikum und Bühne. Umso magischer sind indes die Momente, wo alles ineinander aufgeht.

Suede spielen introspektiv angelegte neue Songs wie »When You Are Young« und »What I’m Trying To Tell You«. Die Bilder hierzu sind surreal, in Teilen verstörend. Es wird gekotzt, sinniert, Selbstmord und Mord spielen eine Rolle, es ist die aufs Clipformat reduzierte Ästhetik vieler David-Lynch-Filme. Am Anfang geht ein verwirrt dreinblickender Mann – der Hauptprotagonist – ins Meer, watet immer weiter in die Fluten, geht unter, begeht also sozusagen Selbstmord – findet sich dann aber in einer Unterwassersequenz wieder, die bereits als Vorbote des Films das Video zur Single »Outsiders« illustrierte.

Suede – Night Thoughts (Trailer)We are pleased to announce that Suede will release their stunning new album “Night Thoughts” on January 22nd, 2016.The album is accompanied by a feature film directed by acclaimed photographer Roger Sargent, which will be released on DVD as part of a special album package.The band will premiere both the film and the album with two dates at London’s Roundhouse on November 13th and 14th when they play the entire album from start to finish against the backdrop of the film. This will be the global premiere of both film and album.Check out the album pre-sales here: http://suede.tmstor.es/Google Play: http://smarturl.it/NightThoughtsGoogleiTunes – http://smarturl.it/NightThoughtsiTunesAmazon MP3 – http://smarturl.it/NightThoughtsAMZNMP3Amazon CD – http://smarturl.it/NightThoughtsAMZNCDAmazon Special Edition – http://smarturl.it/NightThoughtsAMZNSpAmazon LP – http://smarturl.it/NightThoughtsAMZNLPTickets for the Roundhouse shows will be available on presale from 09:00 Wednesday 9th September and on general sale from 09:00 Friday 11th September. Pre-sale link: http://gigst.rs/SuedePrGeneral sale: http://gigst.rs/Suede

Posted by The London Suede on Montag, 7. September 2015

Eindeutig wird die Handlung nicht, es ist aber anzunehmen, dass der Protagonist im weiteren Verlauf in zahlreichen Traumsequenzen jene Szenen durchlebt, die zu seiner finalen Entscheidung geführt hatten. Ein vergleichsweise banaler Scoop also, der aber Voraussetzung dafür ist, dass das Experiment gelingt: Eine anspruchsvollere, zusammenhängendere Handlung würde den Fokus zu sehr auf das filmische Geschehen lenken.

Das Erstaunlichste an diesem Abend ist aber nicht die Aufführung an sich, sondern die Tatsache, dass die älter gewordenen Suede-Fans sich tatsächlich auf die Inszenierung einlassen. An den Bars ist wenig Betrieb, niemand schreit nach den alten Hits. Ausgerechnet bei einer Band, die ihre große Zeit in den Neunzigern erlebte und nach einer längeren Pause seit 2010 wieder überwiegend nostalgiegeschwängerte Konzerte gibt, konzentrieren die Leute sich tatsächlich auf die Aufführung eines ihnen unbekannten Albums.

Das Publikum weiß natürlich, dass auch die üblichen Rituale nicht zu kurz kommen werden. Nach einer längeren Pause kehren Suede zurück auf die Bühne, diesmal ohne Screen, und spielen all ihre hedonistischen Hymnen der Cool-Britannia-Generation. »Beatiful Ones« und »Trash«, »So Young« und »Animal Nitrate«, »New Generation« und »Metal Mickey« – beinahe hatte man vergessen, wie viele fantastische Songs diese Band im Repertoire hat.

»Man kann kaum anders, als das eben Gesehene als ein Statement auf eine Welt am Rande des Abgrunds zu lesen.«

Suede spielen an diesem Abend mitten in Camden, also dort, wo alles begann und Brett Anderson, Justine Frischmann und Damon Albarn zu Beginn der Neunziger der Mittelpunkt einer Szene waren, aus der später Britpop hervorging. In der Realität des Jahres 2015 ist die Camden High Street allerdings mehr denn je gesäumt von Tinnefläden. Der Markt hat sich von dem großen Brand vor einigen Jahren nie ganz erholt, um Mitternacht sind die Straßen leer. Gefeiert wird in London seit Jahren woanders und zu anderer Musik. Dass an diesem Abend zumindest im Roundhouse die alte Magie wieder aufblitzt, liegt vor allem daran, dass Suede sich eben nicht alleine auf Rückbetrachtung konzentrieren.

Zum Schluss stürzt Brett Anderson sich ins Publikum. Allerdings altersgerecht nicht mit einem beherzten Sprung, sondern indem er es durchschreitet. Man lässt ihn gewähren, die Recken von einst haben kein Interesse mehr daran, ihren Stars die Hemden vom Körper zu reißen.

Danach kann man kaum anders, als das eben Gesehene als ein Statement auf eine Welt am Rande des Abgrunds zu lesen. Das Album Night Thoughts geht ebenso wie der begleitende Film mit bisweilen pompösen musikalischen Mitteln (Kinderchor, Orchester, zerfetzte Spoken-Word-Passagen) der Frage nach, welche Auswirkungen Verzweiflung, Tod, Angst, Depression und Schmerz auf die menschliche Psyche haben – und wie viel mehr Gewicht solche Gefühle in den endlosen Stunden tiefschwarz durchwachter Nächte bekommen.

Die Nacht nach dem Suede-Konzert dauert bis zum Morgengrauen an. Mit dem Regisseur des Films, den der Tod seiner Mutter zu dem Werk inspiriert hatte, und vielen anderen wildfremden Menschen sitzen wir vor den Bildschirmen des Hotels und versuchen, das Unfassbare zu begreifen. Wir weinen gemeinsam.

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